Das Libet-Experiment und die Fähigkeit, nein zu sagen.

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Als der Hirnforscher Gerhard Roth im Philosophischen Quartett bei Sloterdijk und Safranski die These von der vollständigen Determiniertheit unseres durchaus nicht freien Willens vertrat, räumte er am Ende der Diskussion doch eine Ausnahme ein: „die Verneinung“.

Er hat die Tragweite seiner Einschränkung nicht bedacht. Wenn der Verneinungsmodus eine Ausnahme von der Determiniertheit unseres Willens ist, dann ist der ganze Mensch eine Ausnahme von der Determination. Denn der Mensch kann grundsätzlich Alles verneinen und verleugnen. Könnte er nicht nein sagen, dann könnte er nicht ja sagen. Eben das ist die Freiheit seines Willens. „Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann“ meint Max Scheler.

Das Interesse der Hirnforschung, den Glauben an die Freiheit unseres Willens zu widerlegen, datiert von dem berühmten Libet-Versuch her. Der amerikanische Neuropsychologe Benjamin Libet wollte mit Hilfe der neuen bildgebenden Verfahren der Hirnforschung herausfinden, wie menschliches Handeln strukturiert ist, in welcher Reihenfolge, nach welchem Zeitverlauf Willensakte zustande kommen. Er forderte seine Probanden auf, irgendeinen Körperteil zu bewegen. Libet erwartete folgenden Ablauf: An erster Stelle steht der Willensentschluss, der sich in Aussagen wie „Ich werde jetzt meine rechte Hand heben“ artikuliert. Dann baut sich im Gehirn ein Bereitschaftspotenzial auf – das ist der messbare neuronale Prozess der Vorbereitung einer Körperbewegung; und dann kommt es schließlich zur Ausführung der Körperbewegung.

Als Libet das Experiment durchführte, zeigte sich überraschenderweise, dass die angenommene Chronologie falsch war: Das Bereitschafts- potenzial ging nämlich der bewussten Willentscheidung um rund ein Fünftel Sekunde voraus, das heißt: Das Gehirn hatte die Handlung bereits eingeleitet und geplant, bevor sich die Person auf bewusste Weise zu ihr entschließen konnte.

Unter Willen und Ich wird „das Bewusstsein“ verstanden. Aber sie übersehen, dass die Aufgabe: „ein Körperteil bewegen“ im Bewusstsein schon präsent gewesen ist – nämlich als Frage: „welches?“ Kein Wunder, dass das „Bereitschaftspotenzial“ schon da war…

Tasächlich hat Libet nicht den Willensakt selbst beobachtet, sondern den Akt seiner Bewusstwerdung: die Reflexion, durch welche der Wille seiner inne wird. Es handelt sich dabei um eine nachträgliche Kenntnisnahme zum Zweck der Selbstkontrolle – um im gegebenen Fall noch rechtzeitig nein sagen zu können.*

Dolchstich

Er setzt voraus eine willentliche Ausrichtung der Aufmerksamkeit.

Im wirkliche Leben geschehen – sagen wir: – neunundneunzigkommaneun Prozent der willkürlichen, nämlich nicht vom Zentralen System gesteuerten Bewegungen ‚vor-bewusst‘ und treten in den Kreis der Aufmerksamkeit gar nicht erst ein. Anders käme ich nie zum Handeln. Das an dieser Stelle stets bemühte Beispiel ist das Autofahren. Die Aufmerksamkeit ist gerichtet auf das Verkehrsgeschehen. Meine Muskulatur – Hände und Füße – „wissen von allein“, welche Bewegungen jeweils auszuführen sind. Ich richte meine Aufmerksamkeit nur dann darauf, wenn ich einen sich abzeichnenden Fehler zu unterbinden habe. Während dessen ziehe ich meine Aufmerksamkeit vom Verskehrsstrom ab. Eine Verzögerung von einer Fünftelsekunde geht im Straßenverkehr gerade noch an. Brauche ich länger, wird mich das Verkehrsgeschehen überrollen. Für den Musiker, der seine Stimme oder sein Instrument betätigt, ist eine Fünftelsekunde schon zu lang. Der Rhythmus ist futsch. Da hilft nur üben, üben, üben…**

Ergebnis: Das Ich entsteht da und dann, wo die Reflexion die vorgängigen Willenakte überprüft, um im gegebenen Fall nein sagen zu können. Das Ja ist die ’natürliche‘ Prämisse. Aber erst, wenn ich darauf verzichtet habe, nein zu sagen, kann ich ein Ja auch sagen. In diesem Moment war mein Wille frei. An dieser Stelle ‚ereignete sich‘ Ich.

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*) Das war auch Libets eigene Interpretation.

**) Und dies nicht zu vergessen: Es handelt sich nicht um ein abgeschlossenes Stück in drei Akten, sondern um eine willkürlich herausgegriffene Sequenz eines fortwährenden systemischen Prozesses.

 

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~ von Panther Ray - Juni 1, 2009.

Eine Antwort to “Das Libet-Experiment und die Fähigkeit, nein zu sagen.”

  1. […] wie Wolf Singer sich ausdrücken würde. Die Entscheidung selber geschieht aber erst als eine alternative Wahl zwischen Ja und Nein – wobei das Ja eine Art ‘ausgebliebenes Nein’ darstellt. Nun […]

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