Bedingte Selbstlosigkeit.

aus scinexx

Gut nur unter Beobachtung?
Schon das Bild eines beobachtenden Augenpaares wirkt kooperationsfördernd

Ein aufschlussreicher Augentrick

Nach der evolutionsbiologischen Logik lohnt sich Egoismus für Altruisten immer dann, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. „Also achten die einen ständig darauf, ob sie beobachtet werden, und die anderen versuchen die Ehrlichkeit des anderen zu ergründen, ohne selbst gesehen zu werden“, erklärt Milinski den evolutionären Wettstreit zwischen Gebenden und Nehmenden.

Dass dies Spuren hinterlassen hat in unseren Köpfen, davon ist Manfred Milinski fest überzeugt. Wir spüren es jedes Mal, wenn wir ein Augenpaar sehen. „Schon das Erkennen eines Augenpaars löst basale Hirnreaktionen aus, die stärker sind als die, wenn wir ein Gesicht sehen“, sagt er. Das Erkennen und Reagieren auf Augenpaare sei hard wired, wie Milinski es nennt, fest verankert in unserer Kognition. Wie fest, zeigt ein eindrucksvoller Versuch der englischen Verhaltensbiologin Melissa Bateson, von dem der Evolutionsbiologe mit sichtlicher Freude erzählt.

Ein Milchautomat mit Augen

Bateson überließ es ihren Probanden, wie viel sie an einem Milchautomaten für das Getränk bezahlen wollten. Es war niemand anwesend, der die Zahlung kontrollierte; Bateson verzierte lediglich den Automaten: in der einen Woche mit einem Blumenbanner, in der nächsten mit einem Augenpaar, das direkt auf die Person gerichtet war. Obwohl es sich nur um aufgedruckte Augen handelte, zahlten die Personen mehr ein als bei der Verzierung mit dem Blumenbanner. „Dieses unterschiedliche Verhalten lässt sich nur damit erklären, dass wir unterbewusst diesen neuronalen Mechanismus besitzen, der uns darauf achten lässt, ob wir gerade beobachtet werden oder nicht“, sagt Milinski.

Und so kommt man über die Kooperationsforschung zu der Frage, warum ausgerechnet der Mensch Augenpaare besitzt, denen sofort anzusehen ist, wohin sie schauen: „Wir sind wohl die einzigen Lebewesen, deren weiße Sklera für den anderen sichtbar ist“, sagt Milinski. Vielleicht um Mitmenschen zur Kooperation zu zwingen, weil sie auf diese Weise wissen, dass wir sie beobachten?

Beobachtung sichert Kooperation

Bei seinen Recherchen fielen Milinski Bilder von Totempfählen alter Indianerstämme auf: „Immer sind Augenpaare zu sehen, die Sie direkt ansehen und die eine weiße Sklera haben, selbst bei stilisierten Raben und Ziegen“, sagt der Biologe. Für ihn ist klar: Da Augenpaare eine automatische Antwort auslösen, müssen sich die Dorfbewohner unbewusst immer unter Beobachtung gefühlt haben, wenn sie aus dem Haus kamen. „Es war sicherlich eine einfache Möglichkeit, Menschen in einer Dorfgemeinschaft zur Kooperation zu bringen“, glaubt Milinski.

Ob das heute noch funktioniert? Der Milchautomat weist in diese Richtung. Letztlich zeige all das, so Milinski, „dass wir möglicherweise immer um unseren guten Ruf besorgt sind, weil er uns die Unterstützung anderer einbringt.“ Allerdings – sobald wir uns unbeobachtet fühlen, nimmt die Kooperation drastisch ab. Den guten Menschen gibt es vielleicht nur, wenn gerade jemand hinschaut.

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Nota.

Eine passende Illustration zur Frage, wie ‚wissenschaftlich‘ Anthropologie zu sein hat: „Den guten Menschen gibt es vielleicht nur, wenn gerade jemand hinschaut“… Man muss schon ziemlich von den verstärkten Tauben der amerikanischen Behavoristen benebelt sein, um ‚wissenschaftlich‘ zu einen solchen Schluss zu kommen. ‚Repräsentiert‘ das symbolisierte Augenpaar tatsächlich den Blick der Andern? Das müsste ein recht primitives Zusammenleben sein, in dem diese S/R-Konditionierung „funktioniert“. Ein Gemeinwesen, das Totempfähle aufstellt, hat sich weit von der ursprünglichen Horde entfernt. Hier ist Reflexion schon habituell geworden: Das Augenpaar sagt „Gib auf dich selber Acht!“

J. E.

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~ von Panther Ray - Dezember 17, 2010.

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