Können Tiere sprechen?

aus FAZ.NET

Das Lachen der Killerwale

Wie Orcas miteinander kommunizieren, wird zwar seit Jahrzehnten studiert, aber erst in groben Zügen verstanden. Im Familienverband pflegen die Meeressäuger eigene Dialekte. Das jeweilige Repertoire müssen sie erlernen, doch manche ihrer Rufe sind offenbar angeboren.

Von Sonja Kastilan

29. November 2010

Als Killerwal Keiko alias Willy vor sieben Jahren einer Lungenentzündung erlag, nahm die ganze Welt Anteil. Sein kurzes Leben in Freiheit endete in einem norwegischen Fjord. Allein. Dem ausgesetzten Kinoliebling war es im Atlantik nicht gelungen, sich wilden Artgenossen anzuschließen. Einsamkeit, darunter dürfte auch Luna im Nordpazifik vor Vancouver Island gelitten haben – mit einem nicht weniger tragischen Schicksal, das zumindest ganz Kanada zu Tränen rührte. Und die würde man überall als ein Zeichen tiefempfundener Trauer verstehen, ebenso unmissverständlich wie umgekehrt das Signal herzlicher Freude: Auch Lachen ist universal.

Jeder Mensch ist von Geburt an fähig, diese Gefühlsregungen zu deuten, ganz gleich welchem Kulturkreis er angehört und welche Sprache er spricht. Nun zeigen Aufnahmen, dass Killerwale (Orcinus orca), die bisher vor allem durch erworbene Ausdrucksweisen aufgefallen sind, vergleichbare Ursignale unter Wasser äußern. „Wir verständigen uns mit Hilfe erlernter und angeborener Komponenten, das ist bei Orcas offenbar nicht anders“, sagt Andrew Foote vom Centre for GeoGenetics in Kopenhagen. Zusammen mit Kollegen aus Hamburg, Seattle und Moskau publizierte Foote die Entdeckung eines universalen Orca-Rufs jetzt im Fachmagazin Naturwissenschaften. „Unterschiedliche vokale ‚Clans‘ schienen keinen Ruf g

„Resident, Offshore, Transient“

Früh von der eigenen Sippe getrennt, lernte Luna – zum untypischen Einzelgängerdasein verdammt – ähnliche Laute wie Seelöwen zu produzieren. In der Nootka-Meerenge lebten sie in friedlicher Nachbarschaft: L98, so chiffrierten Forscher den männlichen Orca, gehörte einem Typus von Killerwalen an, die sich hauptsächlich von Königslachs ernähren. Anderen Meeressäugetieren drohte durch Luna also keine Gefahr. Sein Bellen verblüffte, die Harmonien und Frequenzen verrieten jedoch den Wal: „Statt den üblichen drei, vier Kilohertz umfasste das Pulsspektrum bei Luna bis zu zehn Kilohertz und mehr“, sagt Foote, der eine Analyse dazu im August 2006 veröffentlichte. Fünf Monate nachdem die Schiffsschraube eines Schleppers den Wal tödlich verletzt hatte.

Tierstimmenimitator L98 ist heute ein legendäres Beispiel für das vokale Lernvermögen seiner Spezies, von der gleich mehrere Gruppen vor der kanadischen Westküste vorkommen. Drei Ökotypen um genau zu sein, die sich in ihrem Aussehen, den Verhaltens- und Ernährungsweisen unterscheiden: „Resident, Offshore, Transient“, so bezeichnen Zoologen die ortsansässigen, küstenfernen oder vorüberziehenden Killerwale von British Columbia und Washington. Aktuelle genetische Studien, an denen Andrew Foote beteiligt ist, weisen darauf hin, dass solche Orca-Typen als Unterart oder gar als eigenständige Art firmieren könnten.

Wer planscht wo?

Zum Thema

Wie diese sozialen Meeressäuger miteinander kommunizieren, wird zwar seit Jahrzehnten studiert, aber erst in groben Zügen verstanden. „Neben Klicks für die Echolokation und tonalen Pfiffen, produzieren Orcas verschiedene gepulste Rufe“, erklärt Nicola Rehn, die an der Universität Hamburg die Tierlaute untersucht. Gerade jene Killerwale, die in komplexen Gemeinschaften zum Beispiel rings um Vancouver Island residieren, sind besonders auf akustische Signale angewiesen, wenn sie den Kontakt auch über größere Distanzen halten wollen – und kommunizieren. Beim Jagen mit etwas Abstand zueinander überwiegen stereotype Rufe. Das ändere sich mit dem Sozialverhalten in nächster Nähe, sagt Rehn. „Wenn die Tiere miteinander agieren, spielen oder sexuell aktiv sind, äußern sie auch extrem variable Rufe.“ Wer planscht wo, zu welcher Gruppe gehört er? Ist er nahverwandt oder ein potentieller Partner, und wie ist sein Zustand? Womöglich verrät all das ein Code. Noch kennt kein Mensch die genaue Bedeutung der akustischen Signale, nur ihren ungefähren Kontext.

Erfahrene Bioakustiker wie Nicola Rehn und Andrew Foote erkennen innerhalb von Orca-Populationen unabhängige akustische Clans, die sich wiederum aus mehreren Schulen, sogenannten Pods, zusammensetzen. Diese Pods benutzen außer ein paar gemeinsamen noch jeweils eigene Rufe, und jede ihrer Familie pflegt einen anderen Dialekt, der sich gleich der menschlichen Sprache im Verlauf der Zeit leicht verändert. „In den Resident-Gruppen bleiben Killerwale ein Leben lang bei ihrer Mutter, die ihr spezifisches Repertoire weitergibt“, sagt Rehn. Nach umfassenden Verhaltens- und Lautanalysen hegte sie vor ein paar Jahren den Verdacht, dass ein bestimmter Ruf nicht nur von „Matrilinien“ eines Clans verwendet wird, sondern ebenso von entfernten Populationen. Vor der russischen Halbinsel Kamtschatka glucksen aufgeregte Killerwale wie die Orcas der Küstenregion Nordamerikas.

Den Code knacken

Im Jahr 1989 hatte der kanadische Orca-Kenner John Ford bereits „excitements-calls“ mit schnellen Tonhöhenmodulationen beschrieben: In großer Aufregung stießen Killerwale variable Pulsfolgen aus. Diesen Ruftyp (V4) fanden Rehn und ihre Kollegen jetzt beim Vergleich von sieben nordpazifischen Clans in allen der untersuchten Orca-Sprachkulturen. Insgesamt 69 Aufnahmen, die ihnen rund 35 Stunden Tonmaterial lieferten: „Zwar sind leichte Unterschiede zu hören und in den visuellen Spectrogrammen auch zu sehen, doch es handelt sich immer um die gleiche, universelle Grundstruktur“, sagt Andrew Foote. Eine, die bei engen Sozialkontakten eine Rolle spiele und Erregung ausdrücken könnte. Ob die Wale wirklich lachen? Das weiß im Moment niemand, nur dass V4 ein ähnlich variables Signal mit positivem oder negativem Sinn ist, je nach Kontext: Zoologen dokumentierten solche Töne auch in Konfliktsituationen. In Folgestudien müsste nun der Beobachtungshorizont ausgeweitet werden, auf andere Verbreitungsgebiete. Allerdings bedeutet jede Stunde Killerwalgeplauder etwa einen Tag der Auswertung.

„Diese Studie liefert uns wichtige Hinweise und Anstöße. Vermutlich finde ich den V4-Ruf auch in meinen Aufzeichnungen aus dem Atlantik“, sagt Volker Deecke, der das vokale Lernen von Zahnwalen an der Universität im schottischen St. Andrews erforscht. Während Delphine individuelle Pfiffsignaturen besitzen, bedienen sich Orcas Gruppenrepertoires und familiären Dialekten: Unterschiede oder Ähnlichkeiten spiegeln ihre Verwandtschaftsbeziehung wider, wie Deecke kürzlich herausfand. Ein Hauptproblem bei der Erforschung von Meeressäugetieren: „Wir können schlecht zuschauen und sehen, was geschieht, wenn sie bestimmte Rufe äußern und auf die von Artgenossen reagieren. Kollegen, die Vögel oder Schimpansen beobachten, haben ganz andere Informationen zur Hand.“ Aber neue Technologien zur Datensammlung können diese Wissenslücke jetzt schließen. So lässt sich das Verhalten von Killerwalen mit Lauten korrelieren – und vielleicht ihren Code knacken.

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~ von Panther Ray - Dezember 1, 2010.

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