philosophische Ziegelsteine

…die man vielleicht noch brauchen kann

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1. Philosophie oder Psychologie?

2. Ethik und Ästhetik sind eins.

3. Der Hirnforscher und die Verneinung

4. Wird Homo ludens den Homo faber unterkriegen?

5. “Natur”- und… Geisteswissenschaft?

6. Das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus

7. Homo vagans – Ein romantisches Menschenbild zur Jahrtausendwende

8. Wolf  Singer’s Entsorgung des Ich

9. Proiectio per hiatum irrationalem – eine Fichte’sche Begriffsprägung

10. Über kritische und dogmatische Philosophie (aus Fichte’s „Rückerinnerungen“)

11. Hat meine Gewissheit einen Grund?

12. Die praktische Philosophie beginnt da, wo die theoretische nicht weiterkann

13. Natur- und… “Geistes”wissenschaft?

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Anschauung

Das Gefühl ist entweder sinnlich und das des Bittern, Roten, Harten, Kalten usw., oder intellektuell. Herr E. und mit ihm alle Philosophen seiner Schule scheint die letztere Art gänzlich zu ignorieren, nicht zu beachten, daß auch eine solche Gattung angenommen werden müsse, um das Bewußtsein begreiflich zu machen.


Ich habe es hier mit dem ersten nicht zu tun, sondern mit dem letztern. Es ist das unmittelbare Gefühl der Gewißheit spiegelbildund Notwendigkeit eines Denkens. – Wahrheit ist Gewißheit: und woher glauben die Philosophen der entgegengesetzten Schule zu wissen, was gewiß ist? Etwa durch die theoretische Einsicht, daß ihr Denken mit den logischen Gesetzen übereinstimmt? Aber woher wissen sie denn, daß sie sich in diesem Urteile über die Übereinstimmung nicht wieder irren? Etwa wieder durch theoretische Einsicht? Aber wie denn hier? – Kurz, da werden sie ins Unendliche getrieben, und ein Wissen ist schlechthin unmöglich. – Überdies, ist denn Gewißheit ein Objektives, oder ist es ein subjektiver Zustand? Und wie kann ich einen solchen wahrnehmen, außer durch das Gefühl?


/147/ Es ist klar, daß dieses Gefühl nur mein Denken begleitet und nicht eintritt ohne dieses. – Daß das Gefühl eine Wahrheit geben solle, ist unmöglich und würde keinen Sinn haben. Es, dieses Gefühl der Gewißheit und Wahrheit, begleitet nur ein gewisses Denken.


Es ist klar, daß, wenn ein solches Denken die Bedingung der Vernünftigkeit selbst ist und das Gefühl der Gewißheit unabtrennlich einfaßt, alle Menschen über dieses Gefühl übereinkommen müssen und es jedem anzumuten ist, wenn es ihm auch nicht anzudemonstrieren wäre, welches in Absicht des Unmittelbaren überhaupt nirgends stattfindet.


Es ist dieses Gefühl ein intellektuelles Gefühl.


Es ist dies der Grund aller Gewißheit, aller Realität, aller Objektivität.

Max Ernst, Aus dem Tagebuch eines 1000jährigen Astronatuen; 1970

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aus: J.  G. Fichte, “Rückerinnerungen, Antworten, Fragen” in Gesamtausgabe Bd. II/5, S. 146f.

magie1

Der wahre Sitz des Widerstreits meiner Philosophie und der entgegengesetzten, welche letztern sich dieses Punktes mehr oder weniger deutlich bewußt sind [sic], ist über das Verhältnis der (bloßen, auf ein Objekt gehenden) Erkenntnis zum wirklichen Leben; (zum Begehrungsvermögen, Gefühle, Handeln). Die entgegengesetzten Systeme machen die Erkenntnis zum Prinzip des Lebens: sie glauben, durch freies, willkürliches Denken gewisse Kenntnisse und Begriffe erzeugen zu können, und meinen, daß diese das Begehrungsvermögen affizieren, Gefühle hervorbringen und das Handeln der Menschen bestimmen können. Ihnen ist also die Erkenntnis das Obere, und das Leben das dadurch bestimmte Niedere und von dem ersten Abhängende.

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.Unsere Philosophie macht umgekehrt das Leben, das System der Gefühle, des Begehrens zum Höchsten und läßt zusehender Erkenntnis überall nur das Zusehen. Es ist nach ihr ein solches System der Gefühle bestimmt: es ist freilich mit ihnen ein Bewußtsein verknüpft; und dies gibt eine unmittelbare, nicht eine durch /138/ Folgerungen erschlossene, durch freies, auch zu unterlassendes Räsonnement erst erzeugte Erkenntnis. Nur diese unmittelbare Erkenntnis hat Realität, ist, als aus dem Leben kommend, etwas das Leben bewegendes: und wenn philosophisch die Realität einer Erkenntnis erwiesen werden soll, muß ein Gefühl – ich will mich hier noch dieses Worts bedienen und werde über den Gebrauch desselben sogleich noch bestimmtere Rechenschaft geben – aufgezeigt werden, an welches diese Erkenntnis sich unmittelbar anschlösse.*

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Das freie Räsonnement kann jene Erkenntnis nur durchleuchten, läutern, verknüpfen und trennen, das Mannigfaltige derselben, und dadurch den Gebrauch desselben sich erleichtern und sich fertiger darin machen: aber sie [sic] kann es nicht vermehren. Unsere Erkenntnis ist uns mit einem Male, für alle Ewigkeit gegeben, und wir können dieselbe nur weiter entwickeln, den Stoff nur aus eben diesem Stoff vermehren.

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wilhelm-roentgens-x-ray-photograph-of-his-wifes-hand1Nur das Unmittelbare ist wahr: und das Vermittelte ist wahr, inwiefern es sich auf jenes gründet, außerdem Schimäre und Hirngespinst.


*) Das Leben ist die Basis: und wenig bedeuten die Worte.

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Aus: J. G. Fichte, “Rückerinnerungen, Antworten, Fragen”, in Gesamtausgabe Bd. II/5, S. 137f.

hiatus irrationalis

Fichte hat den Ausdruck proiectio per hiatum irrarionalem in seiner Auseinandersetzung mit Jacobi geprägt. Jacobis Argument gegen den Idealismus war dieses: Der Idealismus führe unweigerlich in einen unendlichen Regress, bei dem er nie zu einem Absoluten vordringen könnte, bei dem er Ruhe fände. Man müsse aus dem idealistischen Verfahren resolut heraustreten und könne zu einem Absoluten nur durch einen setzenden Akt gelangen. Diesen Akt nennt er Glauben, sein ‚Grund’ ist Offenbarung.

FichteIn der WL 042 versucht Fichte, Jacobi zum Trotz, auf real-idealistischen Wegen ein absolutes Reale ‚her’ zu leiten; auf abenteuerlichen Wegen!

Doch Jacobi hatte Recht. Der idealistische Regress muss einmal abgebrochen werden. Das ‚Problem’ des Absoluten ist nur zu ‚lösen’, in dem man es, mitJacobi, Fr. H. Goethe zu reden, in ein Postulat verwandelt. Ein Absolutes muss gelten, damit Wahrheit sein kann.

Proiectio per hiatum irrationalem ist ein ‚posi/tiver’ Begriff.

Der Idealist kann seine Prämissen ebenso wenig beweisen wie der Realist die seinen; noch können sie die Prämissen der Gegenseite widerlegen.

Sind darum Idealismus und Realismus gleich gültig und gehören ‚synthetisch’ unter einen Hut, wie Schelling meinte?

Nein, denn anders als der Idealist kann der Realist seine Aufgabe nicht erfüllen. Er kann uns niemals bis zu der Stelle führen, wo aus dem ‚Ding’ ein Wissen von dem Ding wird.

Der Idealist kann uns nicht die Stelle zeigen, wo aus dem Wissen von den Dingen ein Ding ‚an sich’ hervor geht.

Das muss er aber auch nicht. Gemeinsam ist beiden diese Prämisse: Es gibt ein Wissen von Dieses Wissen gilt es, aus einem Grund zu erklären. Das kann der Realist mit seiner zweiten Prämisse – ‚von den Dingen her’ – nicht. Der Idealist kann es: aus der Intentionalität des Wissens selbst. Ob die Dinge außerdem noch ‚an sich’ sind, ist für ihn kein theoretisches Problem. Es ist ein praktisches Problem: Ohne Vertrauen auf die Wirklichkeit der Welt kann sich das wirkliche irdische Individuum in seiner Welt nicht einen Tag behaupten. Die Wirklichkeit der Welt ist ein Axiom des gesunden Menschenverstands.

Der Idealist kann seine zweite Prämisse, die phänomenale Gegebenheit des Wissens, nur ‚aus ihr selbst’ begründen, nicht aus einem ihr vorgegebenen Grund. Das ist theoretisch aber auch nicht nötig. Er behauptet ja gerade die Immanenz des Wissens. Ein Absolutes ‚hinter’ dem phänomenalen Wissen braucht er nicht.

Das wirkliche irdische Individuum ist es, das sich dabei nicht beruhigen kann. Um sein Leben zu führen, braucht es ein Kriterion. Es muss sich rechtfertigen, nämlich vor sich. Und wiederum ist es der gesunde Menschenverstand, der eingreift: Das Wahre, Absolute, Gültige, kurz: der Sinn ist sein praktisches Postulat.

Ein Hiatus ist allerdings der Sprung aus der theoretischen in die Lebensphilosophie. Es gibt zwischen den beiden keinen Übergang. Das Reich des Seienden kann das Sollen nicht aus sich hervor bringen.

proiectio

Es war der Vorwurf des Atheismus, der Fichte getrieben hat, seine gottgefällige Lebensphilosophie aus dem theoretischen System der Wissenschaftslehre her zu leiten; eben den Weg zu beschreiten, den er sich in den Rückerinnerungen verboten hatte. Ein hiatus irrationalis liegt allerdings vor – es ist der Bruch zwischen der ursprünglichen Wissenschaftslehre von 1794-99 mit den Rückerinnerungen als ihrer ‚praktischen’ Quintessenz, und den Wissenschaftslehren nach 1801. Es gibt keine Brücke zwischen der Philosophie, die, wenn sie wissenschaftlich ist, nur „kritisch und negativ“ verfährt, und den praktischen Anweisungen zum seligen Leben. Der Sinn, das Wahre, das Absolute ist ein notwendiges Postulat der Lebensführung, eine „Idee“ – so wie das Ich, sofern es einen positiven Sinn hat, ‚nur eine Idee’ ist. Die Lehre von der Lebensführung mag zur Urheberin der theoretischen Philosophie werden, indem sie die Kritik am metaphysischen Schein erforderlich macht. Die theoretische Philosophie ist, mit Kant zu reden, ein Katharktikon des Verstandes.

Doch die Umkehrung gilt nicht. Die Lebensführung findet ihren Stachel im Ästhetischen.

Stachel

Übrigens – praktisch werde die Philosophie nur an der Stelle, wo sie pädagogisch wird, heißt es in den Rückerinnerungen. Aber eben auch das nur kritisch; indem sie nämlich lehrt, was zu unterlassen ist!

Wolf SingerDen nachstehenden Text aus dem Februar 2005 habe ich ein Jahr lang vergeblich in einer Zeitschrift unterzubringen gesucht. Den naturwissenschaftlichen Fachblättern war er ‘nicht fachlich genug’, den kulturwissenschaftlichen Blättern war er ‘zu fachlich’. Der fach-übergreifenden Zeitschrift Gehirn & Geist, die „Das Manifest“ veröffentlicht hatte und für die er gedacht war, war er gar…

‘nicht populär genug’!

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Die Spatzen brüllen es vom Dach: Die Hirnforschung hat uns eine Revolution beschert. Die Freiheit des Willens ist widerlegt, das Ich liegt bei den Akten. Ein neues Menschenbild? betitelt ihr Wortführer sein jüngstes Buch.

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Spontaneität…

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Lange sah es aus, als sei die Hirnforschung im Begriff, auf empirischen Wegen im menschlichen Erkennen den Vorrang des Subjektiven vor dem Objektiven nachzuweisen, den Kant und seine Anhänger immer behauptet hatten. Denn ‚empfangen’ würden von unserm Gehirn, so heißt es, immer nur einzelne Sinnesreize. Diese zu einer bedeutungsvollen Einheit Neuronezusammenzufassen, sei dessen eigne Leistung, die den Sinnesreizen gewissermaßen ‚vorausgeht’. „Einzelne Neurone repräsentieren durch den Grad ihrer Aktivierung lediglich elementare Objektmerkmale, keine komplexe Merkmalskonstellationen”, schreibt Wolf Singer.[1] “Jede Zelle interagiert mit etwa zwanzig bis dreißigtausend anderen.[2] Die Information über komplexe Objekte wird im Gehirn in jedem Fall arbeitsteilig durch sehr viele Neurone analysiert, von denen jedes durch seine Aktivierung jeweils nur einen relativ kleinen Teilaspekt der Objektbeschaffenheit kodiert. Diese jeweils für ein Merkmal zuständigen Neurone [sind] nicht etwa in einem eingegrenzten Hirnareal aufzufinden, sondern über ausgedehnte Hirnareale verteilt. Objekte [werden] nicht durch die Aktivität einzelner oder sehr weniger Neurone in der Hirnrinde repräsentiert, sondern durch ausgedehnte und über weite Bereiche verteilte Neuronenverbände – sogenannte Assemblies.“[3]

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Das bedeute, „dass die Verschaltungsarchitektur eine ganz wesentliche Determinante für Hirnfunktionen [ist]. Hier liegen die meisten Freiheitsgrade, da die Funktionen einzelner Nervenzellen recht stereotyp sind.[4] Die Spezifizität der Hirnfunktionen beruht ausschließlich auf der Architektur der Verbindungen zwischen Nervenzellen. Das Programm [des Gehirns] residiert praktisch in dieser Architektur der Verbindungen und in deren Gewichtung, die in den Grundzügen genetisch vorgegeben wird. Sie speichert gewissermaßen die während der phylogenetischen Entwicklung gewonnene Erfahrung über das Sosein der Welt.[5] Wir kommen mit erheblichem Vorwissen über die Welt in diese.” [6]

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Dieses Vorwissen über die Welt ist nicht positiv als ‚Information’ kodiert, sondern problematisch: “Vom nur teilweise vorgefertigten Gehirn wird also eine Vielzahl von Fragen an die Welt gestellt, deren Beantwortung zu Strukturänderungen führt. Das Gehirn interpretiert.”[7] Daraus folgt, “dass Wahrnehmung nicht als passive Abbildung von Wirklichkeit verstanden werden darf, sondern als   das Ergebnis eines außerordentlich aktiven, konstruktivistischen Prozesses gesehen werden muss, bei dem das Gehirn die Initiative hat.[8] Das Gehirn ist nie ruhig, sondern generiert ständig hochkomplexe Erregungsmuster, auch wenn Außenreize fehlen.[9] [Es] bildet ständig Hypothesen darüber, wie die Welt sein sollte, und vergleicht die Signale von den Sinnesorganen mit diesen Hypothesen. Finden sich die Hypothesen bestätigt, erfolgt die Wahrnehmung nach sehr kurzen Verarbeitungszeiten. Treffen sie nicht zu, muss das Gehirn seine Hypothesen korrigieren, was die Reaktionszeiten verlängert.”[10]

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Der alte Streit zwischen Idealismus und Realismus wäre empirisch endgültig entschieden: ‚Wahr’nehmen ist nicht aufnehmen, sondern ein “Verifizieren vorausgeträumter Hypothesen”.[11] Die apriorische Synthesis, die die neuronalen Signale zu einer sinnvollen Wahrnehmung ‚bedeutet’, “ist ein Actus der Spontaneität der Vorstellungskraft”, der “nicht durch Objekte gegeben, sondern nur vom Subjekte her verrichtet werden kann”, hieß es in der Kritik der reinen Vernunft.[12]

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…und Spiel.

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Der Subjektivismus des Hirnforschers geht noch weiter. Das Subjekt ‚erkennt’ nämlich nicht bloß aktiv, aber gesetzmäßig; sondern es macht seine Tatsachenfeststellungen von apriorischen Wertzuschreibungen abhängig. Was immer ‚erscheint’, wird “natürlichen Bewertungsprozessen unterworfen”, die “Veränderungen nur dann zulassen, wenn das Gesamthirn befunden hat, dass die jeweils zur Verarbeitung gelangten Aktivitätsmuster bedeutsam sind. Diese Bewertung wird von Zentren im limbischen System vorgenommen. Das Bewertungsergebnis wird den über die gesamte Hirnrinde verteilten Verarbeitungszentren über Nervenbahnen und spezielle chemische Überträgerstoffe, sogenannte Neuromodulatoren, mitgeteilt.” Etwa achtzig Prozent der synaptischen Verbindungen von Nervenzellen der Großhirnrinde gehören zu dieser Klasse, und nur etwa zehn bis zwanzig Prozent der Eingänge stammen unmittelbar aus den Sinneszellen. “Die Sinnessysteme und damit die Signale aus der umgebenden Welt werden somit nur über eine sehr kleine Fraktion von Verbindungen in die Großhirnrinde vermittelt. Das System beschäftigt sich hauptsächlich mit sich selbst: achtzig bis neunzig Prozent der Verbindungen sind dem inneren Monolog gewidmet.”[13]

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“Die Fähigkeit des Gehirns, prädikative Modelle von noch ausstehenden Ereignissen zu bilden, um sich schneller anpassen zu können, ist relativ rezent. Aber wenn es einmal ein System gibt, das auf der Basis von Erfahrung solche prädikativen Modelle entwickeln kann, was die Speicherung von Erfahrungsinhalten voraussetzt, dann muss es kombinatorisch spielen können. Was als Repräsentation internalisiert wurde, muss in verschiedene Bezüge gestellt werden, um prüfen zu können, was alles passieren könnte.”[14]

.Homer Winslow,Playing boys

Spielend finden wir uns nicht nur im grauen Alltag zurecht: “Das ist auch das, was ein Wissenschaftler macht, wenn er Theorien bildet, und was ein Künstler macht, wenn er etwas herstellt.[15] Der kreative Prozess in der Wissenschaft ist derselbe wie in der Kunst. Der Erkenntnisprozess der Wissenschaft fängt mit dem Generieren von Hypothesen an, die zunächst intuitiv erfasst werden, wobei sehr oft ästhetische Konsistenzkriterien zugrunde gelegt werden, die gar nicht rationalisierbar sind. Man sucht offenbar nach ganz ähnlichen Kriterien wie der Künstler: nach Stimmigkeit oder Geschlossenheit. Sehr vieles in der Wissenschaft wird von der Ästhetik dominiert. Eine wissenschaftliche Theorie wird dann vom Kreis der Eingeweihten als gültig angesehen, wenn sie erstens widerspruchsfrei mit vorhandener Evidenz ist, und zweitens, wenn sie schön ist. Sie muss einfach sein und befriedigen. Ganz ähnlich geht der Künstler vor, nur ist der Stoff, mit dem er umgeht, ein anderer. Auch der Künstler bildet die Welt ab, wie er sie interpretiert, also innerhalb eines Beschreibungssystems, er schafft neue Wirklichkeiten, neue Interpretationen, was der Wissenschaftler auch tut, wenn er ein Modell des Erfahrbaren erzeugt”;[16] er spielt mit dem Material, und “irgendwann weiß er, dass es jetzt passt.”[17]

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“Was der Künstler und der Wissenschaftler machen, ist nichts anderes, als der Neugierde und dem Verlangen nach dem kombinatorischen Spiel nachzugeben und, losgelöst vom utilitaristischen Alltagsgeschäft des Lebens, dieses kombinatorische Spiel weiter zu spielen. Dadurch entstehen Modelle der Welt. Dieses Spiel ist offenbar so tief in der Architektur des Gehirns verankert, das es gespielt werden muss, wenn das System überhaupt sinnvoll zum Lösen von Alltagsproblemen eingesetzt werden soll. Manche spielen das sehr gut, manche weniger, aber alle spielen. Insofern ist jeder, der wahrnimmt, in gewissem Sinne ein Künstler, weil er Modelle von der Welt erzeugt, interpretiert und selber seine Stimmigkeitskriterien generiert.”[18]

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Oder Determination?

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Das Wahrnehmen erscheint als Leistung nicht nur eines spontanen Subjekts, sondern gar als die eines künstlerischen Spielers. Umso verblüffender ist die Schlussfolgerung, mit der der empirische Hirnforscher Wolf Singer in den deutschen Medien Furore macht: “Im Bezugssystem neurobiologischer Forschung gibt es keinen Raum für objektive Freiheit, weil die je nächste Handlung, der je nächste Zustand des Gehirns immer determiniert wäre durch das je unmittelbar Vorausgegangene.”[19] Was ihm im Bezugssystem neurobiologischer Forschung offenbar niemand bestreitet und was außerhalb dieses Bezugssystems ihm zu bestreiten niemand nötig hat, will Wolf Singer aber innerhalb dieses Bezugssystems nicht belassen: “Unaufschiebbar werden schon jetzt Überlegungen über die Beurteilung von Fehlverhalten, über die Beurteilung von Schuld und unsere Begründungen von Strafe.”[20]

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Wie kam es zu dieser Wendung? Anlass war “das so genannte Bindungsproblem”; der Umstand nämlich, dass die Forscher keine ‚Stelle’ finden können, an der die Synthesis vollzogen wird. Da sitzt kein Richter, der ‚jetzt’ sagt und ‚es gilt’. “Die Ergebnisse der vielen, gleichzeitig ablaufenden Sinnesfunktionen werden parallel an die ebenfalls zahlreichen exekutiven Zentren weitergegeben, ohne dass vorher alle Informationen an einem Ort zusammen geführt würden. Wie dennoch ganzheitliche Wahrnehmung und wohl koordinierte Bewegungen zustande kommen, ist unklar. Es muss Metarepräsentationen für die Ergebnisse dieser Teilprozesse geben, doch diese können ebenfalls nur nichtlokale Gebilde sein, also wiederum einem distributiven Prinzip folgen. Wir vermuten, dass die Einbindung verteilter Neuronengruppen in diese Metarepräsentationen durch zeitliche Synchronisation neuronaler Antworten erfolgt.”[21] Es sei “eine Illusion, das wir im Gehirn ein Kommandozentrum haben, in dem das Ich residiert und wertet, entscheidet und befiehlt. Stattdessen müssen wir uns das Ich als einen räumlich verteilten, sich selbst organisierenden Zustand denken”.[22] “Die Annahme, wir seien voll verantwortlich für das, was wir tun, weil wir es ja auch hätten anders machen können, ist aus neurobiologischer Perspektive nicht haltbar. Neuronale Prozesse sind deterministisch. Dieses Wissen muss Auswirkungen haben auf unser Rechtssystem, auf die Art, wie wir Kinder erziehen und wie wir mit Mitmenschen umgehen.”[23]

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Welche Auswirkungen? Ist mein Gehirn jemand anders als ich selbst? Wenn mich ein Rüpel belästigt, ist also nicht er selber schuld, sondern sein Gehirn. Wenn ich ihm dafür in den Steiß trete, dann spürt er meinen Fuß zwar am Steiß – aber es ist sein Hirn, das ihn spürt. So bleibt alles wie gehabt: Der Schuldige kriegt, was er verdient. Man sieht gar nicht ein, welches die praktischen Konsequenzen aus Wolf Singers Entdeckungen sein könnten, und warum er davon so viel Aufhebens macht.

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Es bleibt die wissenschaftliche Frage nach dem Subjekt des Erkennens und der Willensbildung. Doch zu der trägt das “so genannte Bindungsproblem” überhaupt nicht bei. Denn was würde sich ändern, wenn die Hirnforscher ein ‚Zentrum’ hätten lokalisieren können? Gar nichts. Wolf Singer würde sagen, dass die “Ursache für die je folgende Handlung der vorangehende Gesamtzustand” – eben nicht des Gehirns, sondern – ‚des Zentrums’ ist.[24] Ob es sich, empirisch betrachtet, um einen systemischen Prozess oder um einen punktuellen Akt handelt, spielt für die Frage der Spontaneität der Synthesis überhaupt keine Rolle – sondern nur, ob er von einem Anderen ‚determiniert’ werden kann. Das hat Wolf Singer zwar bisher nicht behauptet. Es läuft aber darauf hinaus, er hat es bloß noch nicht gemerkt. Denn was er wirklich sagen will, ist dies: das eine bestimmte neuronale Verschaltung einen bestimmten Vorstellungsgehalt – und nur diesen – ‚determiniert’. Auf etwaige ‚neuronale Korrelate für Sinngehalte’ angesprochen, erklärt er, “dass unterschiedlichen Gedanken verschiedene neuronale Aktivitätsmuster zugrunde liegen. Kein Gedanke ohne Substrat. Allem, was begrifflich trennbar ist, müssen unterschiedliche Gehirnzustände entsprechen.”[25]

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Dies ist der einzige rationelle Sinn, den die Rede von ‚Determination’ in diesem Zusammenhang haben kann: dass die Bedeutungen “Abbilder” von Sachverhalten seien. In den herkömmlichen Abbildtheorien sollten es die Dinge der Außenwelt sein, die vom Denken ‚abgebildet’ würden. Hier ist es ein innerer Zustand. Aber dieser Unterschied ist sekundär und nur vorläufig. Denn wenn es den Hirnforschern wirklich gelänge, den ‚Umschlag’ oder ‚Übergang’ vom (physiologischen) Fakt zum (logischen) Sinn mit Hilfe ihrer modernen ‚bildgebenden’ Verfahren darzustellen, dann wäre er im Prinzip auch andern Arten der Bearbeitung zugänglich – und dann käme die ‚Determination’ von außen.

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Ausschlaggebend wäre nur, dass der Übergang ein stetiger ist: Bei Naturvorgängen “gibt es nirgends Sprünge”![26] Und wenn dem so ist, lässt sich die Determinationskette auch analoge Übersetzungumkehren. Wenn ich das Wort ‚Stetigkeit’ sage und mein Gesprächspartner bemüht sich zu verstehen, so müßte sich in dem Maße, wie sein Vorstellungsvermögen den Bedeutungsgehalt ‚Stetigkeit’ realisiert, in seinem Hirn das zugehörige neuronale Substrat einstellen. Durch die Wortbedeutung würde also ein bestimmter physiologischer Zustand ‚determiniert’. Dann wäre die Wortbedeutung ein Objektivum (mit welchem Substrat?) und die Hirnforschung hätte auf empirischem Weg die platonische Ideenlehre bewiesen.[27] Eine unerwartete Wendung! Oder doch nicht? Immerhin hat der Kernphysiker Robert Havemann schon vor vierzig Jahren darauf hingewiesen, dass der mechanische Materialismus nur eine Spielart des objektiven Idealismus ist.[28]

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digit/al

Sprünge

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Glücklicherweise kann dem nicht so sein. Wenn nämlich bestimmte Vorstellungsinhalte lediglich neuronale Prozesse “abbilden”, dann müsste es sich dabei um ein analoges Bild handeln. Analoge Darstellungen können aber, anders als digitale, keinen Verneinungs-Modus wiedergeben, und den Frage-Modus schon gar nicht. Ich (oder mein Gehirn, was ändert das?) kann aber fragen und nein sagen. Das ist das Proprium humanum: Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann. Und bevor er nein gesagt hat, konnte er fragen, ob.

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Wenn Wolf Singer nun einwände: Es gibt im Gehirn eben einen Rechner, der analoge Bilder in digitale Symbole übersetzt, dann entgegne ich: Zeig mir die Stelle – genau da sitzt das Ich!

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Das ist der springende Punkt. Ein digit ist kein Substrat, sondern ein beliebiges, austauschbares und ganz heterogenes Zeichen für einen Sinngehalt, zu dem es in keinerlei sachlichem Verhältnis steht und der als solcher keiner Materialisierung und “Substernisierung” fähig ist. Das Logische “ist” in keiner Weise, sondern gilt. Darunter kann sich der Naturwissenschaftler nichts ‚vorstellen’. Als Naturwissenschaftler soll er das auch gar nicht. Es fällt nicht in sein Ressort. In seinem Bereich herrschen Kausalität, Determination und Stetigkeit: durch sie wird er konstituiert.

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Natura non fecit saltus – Wolf Singer beruft sich wörtlich auf die von Leibniz geprägte kanonische Formel für das stoisch-neuplatonische Dogma der Stetigkeit. “Das metaphysische Gesetz der Stetigkeit ist aber dies: Alle Veränderungen sind stetig oder fließen, d. i. entgegengesetzte Zustände folgen nur durch eine dazwischenliegende Reihe verschiedener Zustände Sprungaufeinander”[29] – so hat es Kant formuliert und zum Ausgangspunkt der Kritik gemacht. Die Stetigkeit der Naturvorgänge setzte nämlich voraus die dinghafte Realität eines kontinuierlich-unendlichen Raumes und einer gleichförmig strömenden Zeit. Beide hat Kant aber ins transzendentale Apriori unseres Erkenntnisvermögens verwiesen! Doch in dem Manifest, das Wolf Singer gemeinsam mit zehn Kollegen im vergangenen Jahr erlassen hat, heißt es nun wieder: “Geist und Bewusstsein fügen sich also in das Naturgeschehen ein und übersteigen es nicht. Dies bedeutet, man wird widerspruchsfrei Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgänge ansehen, denn sie beruhen auf biologischen Prozessen.”[30] Also weil sie auf Physiologie beruhen, müssen sie Physiologie sein – wo ist das Problem? Hen kai pân, Alles Eins! Wobei sie größte Schwierigkeiten haben werden, uns von dieser metaphysisch verstandenen Natur einen wissenschaftlich begründeten Begriff zu geben…

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Es ist wohl wahr: Betrachte ich die Evolution der menschlichen Physiologie von innen, so folgt immer ein Zustand auf den andern. Dass aber die Veränderungen der Zustände nur von innen ‚determiniert’ werden: dass ein Zustand aus dem andern folgt, ist damit noch lange nicht gesagt. Evolution ist Anpassung – an Bedingungen, die außen liegen. Kommt nun die Veränderung der Außenbedingung ihrerseits durch eine Initiative zu Stande, die von innen ausgeht, dann tritt eine Rückkoppelung ein – und die ist ein ‚Sprung’, der den Betrachter zu einem Perpektivwechsel, zu einem Hiatus nötigt.

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Die Rede ist vom Akt der Hominisation selbst, denn das war der Moment, wo das Ich ‚zur Welt gekommen’ ist.

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Evolution ist Auslese und Anpassung. Im Laufe ihrer Geschichte hat jede Spezies ihre ökologische Nische gefunden. Die Nische kann der Naturforscher beobachten und beschreiben. Die Umwelt aber, die sie dem Tier ‚bedeutet’, muss er rekonstruierend erschließen: “Die Umwelt ist völlig unsichtbar, denn sie besteht lediglich aus den Merkmalen der Tiere, die das Tier selbst hinausverlegt. Jede Umwelt ist das Erzeugnis eines Subjekts”,[31] schreibt Jakob von Uexküll, der den biologischen Umwelt-Begriff geprägt hat. “Jede Umwelt bildet eine in sich geschlossene Einheit, die in all ihren Teilen durch die Bedeutung für das Subjekt beherrscht wird. Alles und jedes, das in den Bann einer Umwelt gerät, wird umgestimmt und umgeformt, bis es zu einem brauchbaren Bedeutungsträger geworden ist – oder es wird völlig vernachlässigt.”[32] Das Verhältnis zwischen der Spezies und ihrer ökologischen Nische ist ein Naturverhältnis – und ein Naturverhältnis sind die Bedeutungen der Dinge, die darin vorkommen. Sie sind “selbstverständlich”.

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Der Mensch hat vor Jahrmillionen seine natürliche Umwelt verlassen, hat sich auf seine Hinterbeine gestellt und ist in eine offene Welt aufgebrochen.[33] Deren Bedeutungen waren nicht biologisch vererbt, sind kein Naturverhältnis, er musste sie selber verstehen, d. h. heraus-, richtiger: hineinfinden. Weil seine offene Welt unsicher ist, muss er fragen, was die Dinge bedeuten, die ihm begegnen; sich fragen. Und wer fragt, kann ja oder nein sagen. Das ist eine völlig neue Dimension des Daseins. Wenn das kein ‚Sprung’ ist, was ist es sonst? Unterm Miskroskop des Physiologen – oder seinen modernen, ‚bildgebenden’ Überformungen – ist er freilich nicht zu erkennen. Weil der Mensch nicht weiß, was die Dinge ihm bedeuten und was er unter ihnen soll – darum sagt er “ich”.[34]

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Zirkulär

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Jedweden Sinn bestreitet auch Wolf Singer dem Ich und seinem Willen nicht. “Wir wissen aus der Psychopathologie, was passiert, wenn ein Konstrukt wie der freie Wille zusammenbricht.”[35] Da wir ihn als wirklich erleben, muss ihm auch etwas zugrunde liegen: “Dennoch beruht unsere Vorstellung, frei zu sein, auf Vorgängen im Gehirn. Ich halte sie für eine kulturelle Konstruktion. Sie muss sich also irgendwann im Laufe unserer kulturellen Evolution ausgebildet haben.”[36] Dass es sich bei der (den repräsentativen Staat konstituierenden) Vorstellung vom souveränen Subjekt um ein Konstrukt handelt, wird ihm niemand bestreiten. Noch entschiedener könnte man ihm beipflichten, hätte er hinzugefügt: genau so wie meine Vorstellungen von ‚Determination’, ‚Kausalität’, ‚Stetigkeit’ auch. Das sind keine Größen, die seine Forschung zu Tage gefördert hat, sondern logische Prämissen, die seine Forschungsarbeit überhaupt erst ermöglicht haben.

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Von Konstrukten redet Wolf Singer oft und gern, wenn es um die Kategorien der andern geht. Von seinen eigenen Kategorien lässt er sich sowas von niemand sagen. Das ist das Problem mit Wolf Singer: Er redet ‚stetig’ in der Objekt-Sprache seines Fachs; aber allen andern Fächern gegenüber verwendet er sie, als wäre sie deren Meta-Sprache. Für sein Fach akzeptiert er dagegen keine Art von Meta-Sprache. Er ist wissenslogisch naiv, glaubt es aber nicht. Das ist das Verhängnis aller Empiriker.

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Unterschiede zwischen Wissenschaften will er gar nicht kennen,Hinblicksondern nur solche zwischen “Beschreibungssystemen”. Aber was unterscheiden die, und inwiefern? Sie beschreiben Etwas in Hinblick auf etwas Anderes. Dieses ‚in Hinblick auf’ ist eine Absicht, die ein Aufmerksamkeitsfeld konstituiert. Die Absicht – der ‚Hinblick’ – bildet den Ausgangspunkt, das Feld bildet den ‚Gegenstand’. Verschiedene Gegenstände kommen durch verschiedene Hinsichten ‚zu Stande’.

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Aber davon will Wolf Singer nichts wissen. “Kann Naturwissenschaftlern überhaupt zugetraut werden, sich auch zu diesen, eigentlich nur in der Erste-Person-Perspektive fassbaren Realitäten [er meint die Ich-Problematik] zu äußern? Die einen meinen, es sei möglich. Dies sind meist die Naturforscher, die für die Einheit der Wissenschaft [Stetigkeit!] plädieren. Die anderen – meist Kulturforscher – behaupten, hier würden Kategorie-Fehler gemacht, und das Vorhaben einer Einheitswissenschaft sei prinzipiell nicht realisierbar.”[37]

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Ist das bloß unzureichende Kenntnis der Wissenschaftsgeschichte, oder ist es raffiniert? Gute zweitausend Jahre lang hatte die Philosophie, mit dem Segen der Theologen, als erstgeborene unter allen Wissenschaften den Naturforschern Vorschriften gemacht (das Dogma der Stetigkeit zum Beispiel); so dass es vor Galileo zu einer Natur-Wissenschaft gar nicht kommen konnte. Bis sich schließlich die Philosophie – in Gestalt der Kant’schen Kritik – jede gesetzgebende Einmischung in die Angelegenheiten der Erfahrungswissenschaften versagte. Seither meinen ‚meist Kulturforscher’, es läge im Wesen der Wissenschaft, dass es eine Einheits-Wissenschaft nicht geben kann. Der Naturforscher, von kritischen Bedenken unaffiziert, zögert nicht, seine Gesetzgebung auf Gott und die Welt auszudehnen. Und lässt es so aussehen, als würden die ‚Kulturwissenschaftler’ vor ihm kneifen!

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Das ist nicht nur wissensgeschichtlich, sondern auch wissenslogisch ein hochinteressanter Punkt. Es waren nicht die Erfolge der empirischen Forschung, die die theoretische Spekulation in ihre Schranken gewiesen und Kant zu seinem Rückzug bewogen hätten. Galileo selbst hat das Experiment durchaus nicht als selbständige Erkenntnisquelle an die Stelle der Theorie gesetzt, sondern lediglich als Beweismittel gegenüber Zweiflern eingeführt. Und Newton ist allezeit von spekulativen Voraussetzungen ausgegangen, wie der Titel seines Hauptwerks – Principia mathematica philosophiae naturalis – bereits ankündigt. Der Anstoß zu Kants ‚kopernikanischer Wende’ ging vielmehr von der Selbstkritik des Empirismus aus! David Hume hat demonstriert, dass der konstitutive Grundsatz der Erfahrungswissenschaften – dass jedes Ereignis eine hinreichende Ursache habe und Erkenntnis darin bestünde, die Ereignisse auf ihre Ursachen zurückzuführen – selber nicht durch Erfahrung begründet ist; und allerdings auch nicht in der Vernunft. Er hielt ihn bloß für eine bequeme Gewohnheit der Menschen, die sich bewährt hat. Kant hat dagegen dargelegt, dass die Annahme der Kausalität die kategoriale (für das Denken notwendige) Voraussetzung ist, um Erfahrungen überhaupt machen zu können. Die Prämisse, dass ein jedes Ereignis seine hinreichende Ursache haben müsse, konstituiert das Gegenstandsfeld der Naturwissenschaft, indem es ihr den Blickpunkt liefert. Was außerhalb ihres Blickwinkels liegt, ist kein möglicher Gegenstand der Naturwissenschaft.

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Wolf Singer scheint hingegen zu sagen: Was nicht in ihren Blickwinkel fällt, das gibt es nicht. Wenn wir ihm sagen, dass sein Kausalitätsbegriff nicht aus der Erfahrung stammt, sondern absichtshalber der naturwissenschaftlichen Erfahrung zugrunde gelegt wird, dann antwortet er, dass wir zu solchen Aussagen nicht berechtigt sind – weil sie außerhalb der Kausaliätsbetrachtung liegen.

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Weiß er nicht, was ein logischer Zirkel ist?

zirkulär

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[im Februar 2005]


[1] Andreas Engel u. Wolf Singer, “Neuronale Grundlagen der Gestaltwahr-nehmung” in: Spektrum der Wissenschaft, Dossier 4/1997, S. 67

[2] Singer, “Früh übt sich… Zur Neurobiologie des Lernens” in: Mantel, G., (Hg.), Ungenutzte Potentiale, Mainz usw., 1997; S. 45

[3] Engel u. a., “Neuronale Grundlagen…” ebd

[4] Singer, “Früh übt sich…” ebd

[5] ders., “Wahrnehmen ist das Verifizieren von vorausgeträumten Hypothesen” in: Ein neues Menschenbild?, Frankfurt a.M. 2003; S. 70

[6] ders., “Das Bild im Kopf – ein Paradigmenwechsel” in: Ganten, D. (Hg.), Gene, Neurone, Qubits & Co., Stgt. u. Heidelberg 1999, S. 269

[7] ders., “Wahrnehmen ist das Verifizieren…” aaO, S. 71

[8] ders., “Vom Gehirn zum Bewusstsein”, in: Der Beobachter im Kopf, Ffm, 2002, S. 72

[9] ders., “Das Bild im Kopf…” aaO, S. 275

[10] ders., “Vom Gehirn zum Bewusstsein” aaO

[11] ders. in: Ein neues Menschenbild? S. 67

[12] Kant, KrV B 130

[13] Singer, “Das Bild im Kopf…”, aaO S. 274

[14] ders, “Wahrnehmen ist…” aaO S. 84

[15] ebd

[16] ebd S. 80

[17] ebd S. 84

[18] ebd

[19] Singer, “Vom Gehirn zum Bewusstsein”, aaO, S. 75

[20] ebd S. 75f.

[21] Singer, “Wir benötigen den neuronalen Kode” ebd, S. 42

[22] ders., “Vom Bild zur Wahrnehmung”, in: Ch. Maar, H. Burda (Hg.), Iconic Turn, Köln 2004, S. 75f.

[23] Singer, “Vom Gehirn zum Bewusstsein”, aaO, S. 75

[24] ders, “Das Ende des freien Willens?” in: aaO, S. 32f. – Ein reelles Ich identifiziert sich dadurch, dass es eine Geschichte hat.

[25] ders., “Wer deutet die Welt?” in: aaO, S. 15. – Was haben die Begriffe hier zu suchen? Welchen Grund gibt es – unter der Prämisse eines systemischen Prozesses -, jede Einzel-Vorstellung in einem jeweiligen ‚Zustand’ des Gesamt-Systems ‚Ding-fest’ zu machen? Das wirkliche Denken geschieht ja gar nicht in Begriffen, sondern in einer Kaskade unfasslicher Bilder. Begriffe treten erst in der Reflexion hinzu – und die ist eine Auseinandersetzung des Gesamtsystems mit sich selbst; ein Seitenwechsel, ein ‚Sprung’. Und nur so kommt auch die Vorstellung eines Ich ‚zu Stande’.

[26] ebd, S. 26

[27] In der Assoziationspsychologie des “Eleaten” J. Fr. Herbart wirken ‚Vorstellungsmassen’ tatächlich ‚ursächlich’ aufs individuelle Denken: “Vernunft heißt Vernehmen.” Natürlich verwarf auch Herbart den freien Willen und meinte, die Kant’sche Erkenntniskritik überwunden zu haben.

[28] “Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme” in: Robert Havemann, Dialektik ohne Dogma? Reinbek 1964, S. 27ff.

[29] I. Kant, Von der Form der Sinnes- und Verstandeswelt und ihren Gründen [Inauguraldissertation], Ed. Weischedel, Bd. V, S. 49

[30] “Das Manifest” in: Gehirn & Geist, Heft 6/2004, S. 33, 36

[31] Jakob v. Uexküll, Die Lebenslehre, Potsdam 1930, S. 130;

[32] ders., “Bedeutungslehre” in: ders.,/G. Kriszat, Streifzüge durch die Umwel-ten von Tieren und Menschen, Hamburg. 1983, S. 111ff.

[33] Ob dieses Ereignis vor 3 Mio. Jahren im Ostafrikanischen Graben oder schon 4 Mio. Jahre früher im Tschad stattgefunden hat, ist unerheblich.

[34] s. hierzu ausführlich: J. Ebmeier, “Das Ich und die Welt” in: Lettre interna-tional 68, Früjahr 2005

[35] Wolf Singer, “Das Ende des freien Willens?” aaO, S. 31f.

[36] ders., “Wer deutet die Welt?” aaO, S. 13

[37] Wolf Singer, “Das Ende des freien Willens?” in: Ein neues Menschenbild? Ffm. 2003, S. 27

Ein romantisches Menschenbild zur Jahrtausendwende

Ich schwöre Ihnen, erwiderte Ulrich ernst, daß weder ich noch irgendwer weiß,

was der, die, das Wahre ist; aber ich kann Ihnen versichern,

daß es im Begriff steht, verwirklicht zu werden!

Der Mann ohne Eigenschaften

Abrupt ist gerade* das zwanzigste Jahrhundert zu Ende gegangen. War es die Epoche der Weltrevolution oder war es, wie ein konservativer Geist meinte „der europäische Bürgerkrieg“, gleichviel: vorbei ist es so oder so.

Eine neue Zeit bricht an, und nirgends so stürmisch wie bei den Deutschen. Ein normales Volk unter den Völkern in einem normalen Staat unter den Staaten, das hatten wir noch nie. Und immer noch in der Mitte Europas. Ganz ungewohnt: Wir werden uns nicht mehr mit uns und mit dem Naheliegenden begnügen können. An unsere Geschichte müssen wir jetzt wieder in der ersten, statt bloß in der dritten Person denken. Die Welt ist nicht mehr, was sie war, und wir auch nicht. Unsern Platz müssen wir, wie die andern Völker auch, selbst bestimmen.

Der Pädagogenstand, Mehrer des Fortschritts und Wahrer guter Gesinnung, hat von alldem noch nichts gemerkt. Er zehrt weiter, schlecht oder recht, am Vermächtnis des Jahres Achtundsechzig. Sind aber nicht gerade die Kinder, mehr noch als die andern, Kinder ihrer Zeit? „Weiter so“ ist schon an ruhigen Tagen keine Losung, die der Pädagogik zu Gesicht stünde. Doch im Moment der Zeitenwende macht sie sich damit ganz unmöglich.

Nicht das Kapital ist zusammengebrochen. Seine zivilisatorische Mission war wohl noch nicht erschöpft: Der Welt-Markt liegt erst noch vor uns.

Das nachindustrielle Zeitalter läßt auf sich warten, die Postmoderne ist schon wieder vorbei. Die Welt, in der wir leben, stellt sich neuerlich dar, als was sie ist: bürgerliche Gesellschaft.

Durchbruch

Doch der Charakter der bürgerlichen Zeit ist Krisis. Sie ist das Tor, das aus der Naturnotwendigkeit hinausführt ins Reich der Freiheit – oder in die Barbarei. Die Krisis ‚äußert’  sich als Revolution in Permanenz: Jede noch verbliebene Naturschranke wird beiseite geschoben, noch die letzte Naturfessel wird abgestreift wie eine Schlangenhaut, eine nach der andern.

Ihre nacheinander eingerichteten Gesellschaftsbildungen haften der Menschheit an wie Häute, in denen sich ihre Anpassung an die – je durch Arbeit modifizierte – Natur materialisiert hat zu so und sovielen Bedürfnissen und „Eigenschaften“ der Menschen selbst. Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alb auf dem Gehirne der Lebenden. Aber die Menschen machen ihre Geschichte selbst. Sie können sich häuten, wenn und weil sie es wollen.

Der Charakter der bürgerlichen Epoche ist Revolution in Permanenz. Theoretisch ausgesprochen hat sie ihn in der Wissenschaftslehre – als der „pragmatischen Geschichte“ davon, wie ‚das Ich’ sich immer wieder „selbst setzt“ im ‚praktischen Erzeugen einer gegenständlichen Welt’ – als seinem Spiegel. [1]

Die Geschichte davon, wie es ein ‚Selbst’ wird, indem es die Welt zu seiner Aufgabe macht; wie es seine Zukunft zu dem macht, was ihm zukommt.

Je dringender aber die bürgerliche Welt nach ihrer Zukunft fragt, umso unabweisbarer wird ihr ihre Herkunft zum Problem. Führt ein gerader Weg von ihrem Woher zu ihrem Wohin? Waren die Bewegungsgesetze ihrer Gegenwart schon die Bildungsgesetze ihrer Entstehung? Nur wenn ihre Entwicklungslogik immanent, und wenn die bürgerliche Verkehrsweise in sich selbst begründet ist, läßt sich aus ihrem Heute auch ihr Morgen hochrechnen. Anderfalls bleibt ihre Zukunft in der Schwebe.

Jene Selbstreflexion der bürgerlichen Gesellschaft auf ihre Ursprünge war die Kritik der politischen Ökonomie gewesen – als Durchführung des Programms der Wissenschaftslehre am Spezialfall der Bildung des Kapitalverhältnisses. Sie beschrieb nicht einfach, wie das ‚System’ der bürgerlichen Ökonomie „funktioniert“, sondern sie zeigte, daß sein Funktionieren auf einer sachlichen Bedingung beruht, die durch das System nicht begründet werden kann, weil sie es selbst begründet: die Trennung des Arbeitsvermögens von den Arbeitsmitteln, alias „die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“. Es ‚basiert’’ auf einem historischen Faktum, nicht auf einem Gesetz.[2] Aber Fakta sind vergänglich.

Und weiter!

Da sie so aus ihren heutigen Bewegungsregeln ihre zukünftige Entwicklungsrichtung nicht einfach extrapolieren kann, kommt sie sich nach vorn hin offen vor. Ihre Krisis erscheint ihr als Progressus in infinitum. Sie weiß zwar, daß es irgendwo „hin“ geht. Aber sie weiß nicht, wo das liegt. Sie fühlt sich unterwegs, aber sie weiß nicht die Richtung. Sie weiß nur, daß da irgendeine „sein muß“.

Das Hier und das Jetzt der bürgerlichen Gesellschaft heißen immer: plus ultra.

Für den Einzelnen bedeutet das: Er muß sein Leben führen – denn es versteht sich nicht mehr von selbst. Und wenn es nach vorne offen ist, muß er seine Bestimmung suchen – nämlich da, wo er nicht ist.

Ist ihm sein Ziel nicht ‚gegeben’, so kann er es auch nicht sehen – nicht einmal als ‚Idee’; nicht, wie es aussieht, noch wo es liegt. Er ahnt nur, daß eins da sein muß. Darum steht er nicht einmal, sondern immer vor der Frage: Wo soll ich hin? Wie geht es weiter? Und das heißt immer bloß: Was ist der nächste Schritt? An einem spanischen Kloster steht die Inschrift: No hay caminos; hay que caminar. Oder wie der Tatmensch Oliver Cromwell das ausgedrückt hat: Einen Mann trägt sein Roß nie weiter, als wenn er nicht weiß, wohin er reitet. – Sein Ziel ist dann nämlich nur: weiter vorn.

Ein ewig gegenwärt’ges Nun

Doch „wenn man nicht weiß, wohin man geht, weiß man bald auch nicht mehr, wo man sich befindet“[3]. So schlägt die Permanenz der bürgerlichen Krisis sich erlebens-wirklich nieder als permanente Selbstreflexion – das ewige Fragen nach Wo, Woher und Wohin. Es ist die unablässige Neugeburt des transzendentalen Subjekts: Es ist nur in actu, es ist immer wieder „frei und neu in jedem Nun“[4]. Ansonsten ‚ist’ es nur formale Möglichkeit.

Es dauert nicht in Raum und Zeit. Es kann sich nicht ‚rechtfertigen’ durch bleibende Werke. Es muß sich bewähren stets aufs neue. Es ‚ist’ nicht erbrachte Leistung, sondern höchstens stete Bereitschaft, zu leisten. Es rechtfertigt sich „allein aus dem Glauben“, als daz fünklîn,[5] das nur leuchtet, wenn ich es anschaue. „’Ich bin’ heißt, ich befinde mich in allgemeiner Relation, oder ich wechsle – es ist das Glied des Wechsels überhaupt: erstes Spiel.“[6]

Ein ‚Ziel’ – ein Unbedingtes, bei dem er stehenbleiben; ein Absolutes, bei dem er sich beruhigen könnte – ist dem modernen Menschen nicht „sichtbar“; ist nicht im Raum noch in der Zeit. Und doch soll es ihm „irgendwie“ präsent sein! Nämlich als Maßstab seines jeweiligen Handelns, hier und jetzt. „Moral ist die Zuordnung jedes Augenblickszustandes unseres Lebens zu einem Dauerzustand.“[7] Aber er kanns nicht behalten und kanns nicht vergessen, und faßt er es ganz, so kann ers nicht messen. „Das einzig mögliche Absolute, das uns gegeben werden kann“, ist „die unendlich freie Tätigkeit in uns“. Es „läßt sich nur negativ erkennen, indem wir handeln und finden, daß durch kein Handeln das erreicht wird, was wir suchen“. [8] Und mit den Worten des Cherubinischen Wandersmanns: Je mehr du nach ihm greifst / je mehr entwird er dir.

Als ob

„Ich glaube nicht, daß Gott da war, sondern daß er erst kommt. Aber nur,

wenn man ihm den Weg kürzer macht als bisher.“

Se. Erlaucht wies das mit den würdigen Worten zurück: „Das ist mir zu hoch.“

Der Mann ohne Eigenschaften

Dieses Paradox wird gewöhnlich veranschaulicht durch die Metaphern „Ideal“ und „unendliche Annäherung“. Aber solche Bilder verdunkeln mehr, als sie erhellen.

Da ist kein ‚Punkt’, dem es näherzukommen gälte, früher oder später, mehr oder weniger. Sondern da ist ein Wert, der gilt – jetzt und überhaupt. Man ‚hat’ ihn nicht als Aktiv- posten, sondern wie einen Stachel. Er gilt, indem ich jederzeit so handle, als ob die Welt „jetzt schon“ nach einem göttlichen Heilsplan eingerichtet wäre. Wenn alle so handelten, als ob es eine göttliche Weltregierung gäbe, dann – gäbe es eine göttliche Weltregierung.

Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Und so kann ich auch nicht messen, wie weit mich mein Handeln jenem idealen Zustand „nahegebracht“ hat. Ich kann nur wissen, daß ich so gehandelt habe, als ob… Wenn aber das Resultat kläglich ausfiel, dann wird mich das bekümmern; doch reuen muß es mich nicht.

Mehr noch als die Geschichte der Gattung ist so der Lebensplan jedes Einzelnen Sinngebung des Sinnlosen. Die Welt ist ‚alles, was der Fall ist’. Ein Sinn ist darin noch keiner. Mein Leben in der Welt dagegen ist so, wie es sein soll – oder nicht. Anderer Sinn wird sich in der Welt nicht auffinden lassen.

Das Unbefriedigende daran ist, daß man das Ende nie zu fassen kriegt. Immer greift man ins Leere. Da ist kein Stoffliches, vulgo „Inhalt“, in dieser Moral, woran man sich halten könnte. Sie ist die Ausbreitung einer einzigen Tautologie – zu einem Paradox.

Durch einander

Die ganze Philosophie ist aber so eine Tautologie. Sie besteht nur in der Auflösung eines tautologischen Satzes in einen Gegensatz. Jener Satz heißt a = a, oder „was ist, ist“, und ist landläufig als ‚Satz der Identität’ bekannt. Einen Sinn hat er freilich nur, wenn damit „eigentlich“ eine – Nichtidentität gemeint ist. Dann heißt er so: Das Eine ist ‚es selbst’ durch ein Andres; soll gelten als das Andre.[9] Etwa so: Das Unendliche soll endlich sein; oder: Das Unbedingte soll bedingt werden; oder auch, Was ist, soll einen Sinn haben. – Dann ist er nicht Feststellung einer Tatsache, sondern Stellung einer Aufgabe.

In der Geschichte der abendländischen Philosophie ist jene Aufgabe als das Problem der „Einheit von Subjekt und Objekt“ formuliert und formalisiert worden. Aber so, als ob seine Lösung irgendwann einmal gelingen müßte. Doch kann ich den „Gegensatz des Bewusstseins“ lediglich ‚praktisch’ als gegenstandslos behandeln – nämlich im Moment der Tat selbst, wo im Vollzuge ‚Subjekt’ und ‚Objekt’, Sinn und Sein, das Gegebene und die Aufgabe, der ‚Stoff’ und die ‚Form’ wirklich in einem Punkt zusammenfallen. Die Lösung ‚gelingt’ immer nur actu: während der Tat, doch schon nicht mehr in ihrem Produkt; und hernach ist alles so offen wie je zuvor. Die Lösung der Aufgabe ist immer wieder nur die Aufgabe selbst.

Der dialektische Schein

Und wenn ich es recht bedenke, ist der ‚Gegensatz des Bewußtsein’ auch theoretisch ein bloßer Schein. Im wirklichen Leben kommen überhaupt nur Handlungen vor. Ohne das wäre ein ‚Objekt’ uns ebensowenig gewärtig wie ein ‚Subjekt’. Die Handlungen sind das Reale am wirklichen Leben. Was aber „in Begriffen dargestellt wird, ruht“[10]. ‚Subjekt’ und ‚Objekt’ sind theoretische Bestimmungen, die eine abstrahierende Reflexion im nachhinein in meine Anschauung hineingetragen hat. Sie stammen nicht aus dem natürlichen Bewußtsein, sondern sind selbst schon Wissenschaft.

Doch reden wir hier ja nicht vom natürlichen Bewußtsein „überhaupt“, sondern von der Gemütslage des modernen, des bürgerlichen Menschen. Und den zeichnet es allerdings aus, daß er eben – reflektiert. Es ist ihm ja nichts mehr selbstverstündlich, kein Gegebenes und kein Aufgegebenes. Die beseufzte „Verwissenschaftlichung des Alltags“ hat diesen Grund: Er muß  fragen – nach einem Wozu. Und prompt zerfällt ihm die Wirklichkeit in ein Ich und in ein Nichtich. Um die Unschuld ists geschehn.

Der antiquierte Mensch ist mit sich selbst im Reinen und in jeder Nische zuhaus, wo es sich wohlsein läßt. Das ist die Gattung des Philisters. Sie ist zwar noch zahlreich, aber schon veraltet.

Sie ahnen es, und seither werden sie ihrer Unzufriedenheit nicht mehr Herr:

Es scheint, daß der brave, praktische Wirklichkeitsmensch die Wirklichkeit nirgends restlos liebt und ernst nimmt. Als Kind kriecht er unter den Tisch, um das Zimmer der Eltern, wenn sie nicht zu Hause sind, durch diesen genial einfachen Trick abenteuerlich zu machen; als Knabe sehnt er sich nach der Uhr; als Jüngling mit der goldenen Uhr nach der zu ihr passenden Frau; als Mann mit Uhr und Frau nach der gehobenen Stellung; und wenn er glücklich diesen kleinen Kreis von Wünschen zustande gebracht hat und ruhig darin hin und her schwingt wie ein Pendel, scheint sich sein Vorrat unbefriedigter Träume um nichts verringert zu haben. Wenn er sich erheben will, so gebraucht er dann ein Gleichnis – denn es kommt ihm anscheinend nur darauf an, etwas zu dem zu machen, was es nicht ist; was wohl ein Beweis dafür ist, daß er es nirgends lange aushält, wo immer er sich befinde.[11]

Der Philister ist eine aussterbende Spezies.

Eine komische Existenz

Der moderne Mensch ist ein Wanderer: An seinem Platz ist er immer fremd. Setzt er sich fest, fällt er aus seiner Bestimmung.[12] Das Endliche, das er nur immer hat, wird zur greifbaren Figur erst vorm Hintergrund des Unendlichen, das er haben soll und nicht haben kann. Gewärtig ist ihm das Endliche bloß als ein (zu kleines) Stücklein vom Absoluten. „Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge.“[13] In seiner Welt ist er jenseits. Er ist selber das Paradox: Seine Gottheit ist diesseitig, sein Jenseits hier und jetzt, sein Alltag ist seine Offenbarung, seine Erkenntnis Ironie, denn „jeder Philosoph, der die Immanenz gegen die empirische Person geltend macht, ist ein Ironiker“[14]. Er partizipiert an der Ewigkeit, indem er weiß, daß er nur vorläufig ist.

Es ist die Anschauung des hier-und-jetzt-Gegebenen sub specie aeterni – so „als ob“ es ein Unbedingtes zu vergegenwärtigen habe -, die die Romantiker Ironie genannt haben. „Der Humor, als das umgekehrte Erhabene, vernichtet nicht das Einzelne, sondern das Endliche durch den Kontrast mit der Idee.“[15] Gemessen an der ‚unendlichen Aufgabe’ wird alles Reale, jedes einmal fertige Produkt, das im Raum und in der Zeit vorkommt, komisch: Verglichen mit dem, was es vorstellen soll, wirkt es gemein – und rührend zugleich.

„Ironie ist die Form des Paradoxen“, sie repräsentiert den „unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und Bedingten“[16]. Durch sie erst „wird das eigentümlich Bedingte allgemein interessant und erhält objektiven Wert“[17]. „Sie ist die freieste aller Lizenzen, denn durch sie setzt man sich über sich selbst hinweg.“ [18]

Wo das empirische Ich aus sich heraustritt, sich über sich hinwegsetzt und von dort aus – auf sich zurückblickt: dort reden wir von Reflexion. Permanente Reflexion ist der Charakter der bürgerlichen Existenz. Sie ist deren reale Ironie, auch bei einem, dem aller Humor abgeht.

Mann ohne Eigenschaften

Was immer er erreichen will, es ist immer nur der nächstbeste Schritt auf seinem Weg ins Unendliche. Und hat er was erreicht, kehrt es sich gegen ihn als die nächste Schranke auf seinem Weg. Es hält ihn auf, es hält ihn fest, es schmiedet ihn an… das Endliche. Das richtige war es nur, solange er es nicht hatte. Kaum hält er es in Händen, da ist es schon falsch. „Das Endziel hat keine bestimmte Weise, es entwächst der Weise und geht in die Breite.“[19] Was immer er hat, es ist nicht genug. Immer ist er auf dem Weg zu einem andern Ufer. Und wo er sich niederläßt, da – schwebt er nur.

Was er je geworden ist – gemessen an dem, was er alles nicht ist, ist es viel zu wenig. Alle Eigenschaften, die er haben kann, sind ebensoviele Einschränkungen seiner Möglichkeiten: weniger Reichtum als Mangel. Seiner Bestimmung gerecht wird er erst als Mann ohne Eigenschaften. „Kinder sind deshalb am schönsten“, meint Hegel, weil „das Kind in seiner Lebhaftigkeit als die Möglichkeit von allem erscheint“.[20]

Das Kind ist das Urbild des modernen Menschen: Es hat noch keine Eigenschaften. Es fühlt sich im Möglichen nicht minder zuhaus als im Wirklichen; eher mehr. Sein – um mit Robert Musil zu reden – Möglichkeitssinn ist ihm präsenter als sein Wirklichkeitssinn: „Alles könnte auch ganz anders sein.“ Darum wurde das Kind zur großen Entdeckung der Romantik: „Der frische Blick des Kindes ist überschwänglicher als die Ahndung des entschiedensten Sehers“, und „ein Kind ist weit klüger als ein Erwachsener: das Kind muß durchaus ironisches Kind sein“.[21]

Aber auch als Urbild ist es doch bloß ein Bild.

Mögen es sein frischer Blick und der „leichte Sinn für das Zeitliche“ (Fichte) auch auf vertrauten Fuß mit dem Unendlichen setzen – aber es ‚strebt’ ja nicht in der Welt, die „der Fall ist“. Sein Überschwang hält sich in den Grenzen einer ‚Welt’ ad usum Delphini: einer Kunstwelt des harmlosen Scheins. Da kostet es nichts, sich alles „ganz anders“ zu denken. Es ist Gedanken-Spielerei.

Unternehmer an der Grenze

Wirkliches Streben in der Welt der Tatsachen ist Arbeit, nicht Spiel. Der Mensch, der bloß arbeitet, wird zum Philister. Er arbeitet, um sich an seiner Statt einzurichten. Er strebt, um zu haben. Er ist Krämer. Ein Unternehmer ist der, dem am Gewinnen noch mehr gelegen ist als am Gewinn.

Der eine mag typisch sein für unsere lausigen bürgerlichen Zustände; nämlich sofern alles beim Alten bleibt. Der andere ist charakteristisch für das bürgerliche Geschehen – insofern nämlich, als alles neu werden muß. Der Unternehmer ist ein Spieler in der Welt der Tatsachen. Er hält die Revolution permanent. Er ist der Romantiker, der sein Sach auf Nichts gestellt hat: der „auf eigne Faust lebende Mensch“[22].

Wo er nicht ist, dort ist sein Glück, und dahin ist er immer unterwegs. Er hat alles stets noch vor sich. Er lebt an einer Grenze, die nur da ist, damit er sie übertritt.

So weit als die Welt

So mächtig der Sinn

So viel Fremde er umfangen hält

So viel Heimat ist ihm Gewinn.[23]

Das ist das Menschenbild, das der Erziehung an der Jahrtausendwende vorzuschweben hat ; als Stachel, nicht als zu erfüllendes Maß. Nicht als Vorbild, wonach der Pädagoge seinen Zögling modelt, sondern als ein Gleichnis, in dem er sich selbst erkennt.

Wenn nicht einmal die Pädagogen Unternehmer wären – ja wer denn dann?

*) gechrieben im Mai 1992



[1] Fichte, J. G., Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, Hbg. 1979; ders., Wissenschaftslehre 1805, Hbg. 1984;  Marx, K., und Friedrich Engels, Werke, Bd. 3; Erg.-Bd. I; Berlin 1983; 1968

[2] Marx, K., und Friedrich Engels, Werke, Bde. 23-25, Berlin 1970-74 ; Bd. 42, Berlin 1983

[3] Bachelard, G., Poetik des Raumes, Ffm. 1987, S. 188

[4] Eckart, Meister Johannes E. : Deutsche Predigten und Traktate (Hg. J. Quint) München 1979, S. 160

[6] Novalis, Werke, Bd. I, Zürich. 1945, S. 208

[7] Musil, R., Der Mann ohne Eigenschaften, Hbg. 1960, S. 869

[8] Novalis, aaO, S. 172

[9] Fichte 1984, S. 39

[10] Schelling, F. W. J., Werke, Bd. I, Ffm 1985, S. 193

[11] Musil aaO, S. 138f

[12] ebd., S. 234

[13] Novalis aaO, Bd. II, S. 10

[14] Marx 1968, S. 221

[15] Jean Paul (Richter, F.), Werke Bd. IV, Leipzig-Wien o.J. (Bibl. Inst.), S. 173

[16] Schlegel. Fr., Werke Bd. I, Berlin-Weimar 1980, S. 172, 182

[17] Novalis aaO, Bd. II, S. 17

[18] Schlegel aaO, S. 182

[19] Meister Eckart aaO, S. 196

[20] Hegel, G. W. F., Ästhetik Bd. I, Berlin-Weimar 1955, S. 153

[21] Novalis aaO, Bd. III, S. 63, 263

[22] Musil ebd., S. 130

[23] Brentano, Cl., Godwi, In: Werke (Hg. Kemp), Bd. 2; München 1963-68; S. 17

Wendeltreppe

Das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus ist der von späteren Herausgebern gewählte Titel eines kurzen, vermutlich im Jahr 1797 entstandenen Textbruchstücks, das erst im 20. Jahrhundert an die Öffentlichkeit kam und dessen Verfasser nicht zweifelsfrei feststeht.

Die Handschrift des Manuskripts lässt sich eindeutig Hegel zuordnen. Wortwahl und Inhalt aber passen nicht zur Philosophie des jungen Hegel. Daher ist anzunehmen, dass es sich um eine Abschrift Hegels von dem Text eines seiner Tübinger Freunde und zeitweisen Zimmergenossen Schelling oder Hölderlin handelt; wobei mir der Dichter wahrscheinlicher ist als der dilettierende HansDampfinallenGassen.

Der Verfasser geht offenbar von Fichtes transzendentalistischen Ich-Philosophie aus, um mit einem ästhetischen Postulat des Absoluten zu schließen. 1794 bis 1795 besuchte Hölderlin in Jena Fichtes Vorlesungen. In diese Zeit fällt Fichtes Kontroverse mit Schiller um die Veröffentlichung von Fichtes Über Geist und Buchstab in der Philosophie in Schillers Zeitschrift Horen. Und am 25. Juli 1795 schrieb Fichte an Schiller, dieser begriffe ihn nicht, „weil Sie die Ausdehnung dessen, was ich einstweilen ästhetischen Trieb genannt habe, nicht vermuten.“ Fichtes Studenten werden in dessen Privatkorrespondenz kaum Einblick gehabt haben. Aber es ist anzunehmen, dass sie über die Entwicklung seines Denkens auf dem Laufenden waren.

Weder Schelling noch gar Hegel waren damals in Jena.

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Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus


eine Ethik. Da die ganze Metaphysik künftig in die Moral fällt – wovon Kant mit seinen beiden praktischen Postulaten nur ein Beispiel gegeben, nichts erschöpft hat -, so wird diese Ethik Hölderlin 1792nichts anderes als ein vollständiges System aller Ideen oder, was dasselbe ist, aller praktischen Postulate sein. Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewußten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor – die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts.fichte

Hier werde ich auf die Felder der Physik herabsteigen; die Frage ist diese: Wie muß eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein? Ich möchte unserer langsamen, an Experimenten mühsam schreitenden Physik einmal wieder Flügel geben.

So, wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung die Data angibt, können wir endlich die Physik im Großen bekommen, die ich von späteren Zeitaltern erwarte. Es scheint nicht, daß die jetzige Physik einen schöpferischen Geist, wie der unsrige ist oder sein soll, befriedigen könne.

Von der Natur komme ich aufs Menschenwerk.

Die Idee der Menschheit voran, will ich zeigen, daß es keine Idee vom Staat gibt, weil der Staat etwas Mechanisches ist, so wenig als esSchelling um 1800 eine Idee von einer Maschine gibt. Nur was Gegenstand der Freiheit ist, heißt Idee. Wir müssen also über den Staat hinaus!

Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören. Ihr seht von selbst, daß hier alle die Ideen vom ewigen Frieden usw. nur untergeordnete Ideen einer höheren Idee sind. Zugleich will ich hier die Prinzipien für eine Geschichte der Menschheit niederlegen und das ganze elende Menschenwerk von Staat, Verfassung, Regierung, Gesetzgebung bis auf die Haut entblößen. Endlich kommen die Ideen von einer moralischen Welt, Gottheit, Unsterblichkeit,- Umsturz alles Afterglaubens, Verfolgung des Priestertums, das neuerdings Vernunft heuchelt, durch die Vernunft selbst.

Absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen.

Zuletzt die Idee, die alle vereinigt, die Idee der Schönheit, das Wort in höherem platonischen Sinne genommen. Ich bin nun überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, der, in dem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist und daß Wahrheit und HegelGüte nur in der Schönheit verschwistert sind. Der Philosoph muß ebensoviel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere Buchstabenphilosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie. Man kann in nichts geistreich sein, selbst über Geschichte kann man nicht geistreich raisonieren – ohne ästhetischen Sinn. Hier soll offenbar werden, woran es eigentlich den Menschen fehlt, die keine Ideen verstehen – und treuherzig genug gestehen, daß ihnen alles dunkel ist, sobald es über Tabellen und Register hinausgeht.

Die Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben.

Zu gleicher Zeit hören wir so oft, der große Haufen müsse eine sinnliche Religion haben. Tübinger StiftNicht nur der große Haufen, auch der Philosoph bedarf ihrer. Monotheismus der Vernunft und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst, dies ist’s, was wir bedürfen.

Zuerst werde ich hier von einer Idee sprechen, die, soviel ich weiß, noch in keines Menschen Sinn gekommen ist – wir müssen eine neue Mythologie haben, diese Mythologie aber muß im Dienste der Ideen stehen, sie muß eine Mythologie der Vernunft werden.

Ehe wir die Ideen ästhetisch, d. h. mythologisch machen, haben sie für das Volk kein Interesse; und umgekehrt, ehe die Mythologie vernünftig ist, Tübingen, Hölderlinturmmuß sich der Philosoph ihrer schämen. So müssen endlich Aufgeklärte und Unaufgeklärte sich die Hand reichen, die Mythologie muß philosophisch werden und das Volk vernünftig, und die Philosophie muß mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen. Dann herrscht ewige Einheit unter uns. Nimmer der verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des Volks vor seinen Weisen und Priestern. Dann erst erwartet uns gleiche Ausbildung aller Kräfte, des Einzelnen sowohl als aller Individuen. Keine Kraft wird mehr unterdrückt werden. Dann herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister!

Ein höherer Geist, vom Himmel gesandt, muß diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das letzte größte Werk der Menschheit sein.

tower-of-negation

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aus: Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke, Frankfurt 1961, S. 1014ff.

“Natur”- und… Geisteswissenschaft?

Also soweit Philosophie wissenschaftlich ist, bleibt sie negativ und rein kritisch – das war das bisherige Ergebnis. Will sie positiv und praktisch werden, kann sie sich an logische Demonstrationen und Herleitungen aus geprüften Gründen nicht länger halten. Sie muss  postulieren, was “sein soll”, auf eigene Verantwortung und ohne Sicherheitsnetz. So in Politik und Pädagogik, und in der persönlichen Lebenslehre sowieso. Existenzphilosophie hat man das genannt, und der Namen gefällt mir.  Positiv und wissenschaftlich verfahren allein die Naturwissenschaften, und darum nennen sie sich die exakten.
.
Und was wird aus dem vielen, vielen positiven Wissen, das die Menschen inzwischen über sich selbst und über ihr Tun und Lassen in Geschichte und Gegenwart angesammelt haben? Dass es nicht ‘wissenschaftlich’ im Sinn der strengen Verfahren von Physik und Chemie ist; dass es nämlich nicht die Mathematik zum Leitfaden hat, springt ins Auge. Aber es ist doch nicht willkürlich und rein ästhetisch wie die von A bis Z wertsetzenden – und daher ‘durch Freiheit möglichen’ – praktischen Disziplinen. Sie hat es ja mit Erfahrungstatsachen zu tun!

Es fängt bei der Namensgebung an. “Natur”wissenschaft… im Unterschied, im Gegensatz zu was? Zu Geisteswissenschaft, Moral science, Humaniora? Der Unterschied ist nicht selbstverständlich, und darum wurde er auch nicht immer gemacht. Bei den Antiken erscheinen Physik und ‘Meta’-Physik noch ganz ungescheiden, erst bei Aristoteles werden sie wenigstens auf verschiedene Bände verteilt; aber schon bei den – dann lange Zeit Ton angebenden – Neuplatonikern (Plotin, Proklos) treten sie wieder vermengt auf. Sachlich notwendig wird sie auch wirklich erst mit Galileo, der mit der Mathematisierung der Formeln zuerst ein Kriterium eingeführt hat, um ’strenge’ Wissenschaft von mehr oder minder plausiblem Dafürhalten zu unterscheiden. Mit Descartes ist dieses Kriterium fürs Abendland verbindlich geworden: Wissenschaft spricht wahr, und der Maßstab für die Wahrheit der Aussagen ist, dass sie ’so klar und eindeutig bewiesen werden können wie die Demonstrationen der Geometrie’. Nur was sich in einem mathematischen Modell darstellen lässt, lässt sich mit mathematischer Sicherheit beweisen.

Dass ‘Natur’ eo ipso in ein mathematisches Modell gehört, war damit stillschweigend unterstellt. Die Unterstellung ist geschehen, indem sich Galileo ausdrücklich aus der aristotelischen Meta-Physik zurück besann auf Platos Ideen’-Begriff und seiner Anschauung der reinen Formen (’vollkommene Körper’) in der Mathematik. Dass damit ‘allein die Natur’ zu erfassen wäre, war damit noch gar nicht positiv gesetzt. Es ergab sich negativ, indem ein Rest übrig blieb, der sich nicht in mathematischen Modellen darstellen lässt; eben die ‘nicht-exakten’ Wissenschaften: Wissenschaften im eingeschränkten Sinn…

Descartes hat schon zu seiner Zeit energischen Widerspruch gefunden, der zu seiner Zeit aber ungehört blieb. Giambattista Vico stellte der Idee von der mathematischen Durchschaubarkeit von Gottes Schöpfung den Grundsatz entgegen, dass einer nur das ‘wahr’ erkennen könne, was er selber gemacht habe: “Verum et factum convertuntur”, ‘wahr’ und ‘gemacht’ bedeuten dasselbe. Die Natur habe Gott gemacht und der allein könne sie erkennen. Der Mensch hat seine Geschichte (seine Kultur, seine Kunst…) gemacht, und die allein könne er verstehen.

In einen Gegensatz sind Physik und Philosophie mit dem Beginn der industriellen Revolution faktisch getreten. Es war ein Streit um die Deutungshoheit im gesellschaftlichen Raum, den die Philosophie ab Mitte des 19. Jahrhunderts nur verlieren konnte. Der Rückgriff auf G.Vicos Gedanken erfolgte gegen Ende des Jahrhunderts, als Philosophie und Geschichtswissenschaft gegen den bloßen Positivismus der ‘Natur’- und Ingenieurswissenschaften neu zu behaupten suchten.

Eine positive Bestimmung hat dann wohl zuerst Wilhelm Dilthey (1833-1911) unternommen. Während der Mensch im ersten Fall ‘die Natur außer ihm’ untersucht, betrachtet er in den “Geistes”-Wissenschaften ’sich selbst und seine Werke’. Gilt es bei jenen, die Dinge aus ihren Ursachen zu erklären, suchen diese, die Taten den Menschen aus ihren Motiven zu verstehen. Die Methode hier ist rationale Rekonstruktion, dort intuitive Einfühlung.

Das ist früh als unbefriedigend empfunden worden. Plausibel und für die Konversation tauglich ist es wohl, aber sobald man sich den wissenschaftlichen Grenzfällen nähert – für die die Unterscheidung ja taugen soll, nicht aber für die unstrittigen Fälle! -, lässt sie sich nicht konsequent durchführen. Generell schon darum nicht, weil seit Kant (von dem auch Dilthey ausging) auch in den Naturwissenschaften das menschliche Apriori – die ‘Kategorien’ und die ‘transzendentalen Anschauungsformen’ Raum und Zeit – immer schon mit enthalten ist. Und im Besondern wird es deutlich bei der immanenten Methodenreflexion der Naturwissenschaften: Beschäftigt sich Wissenschaftslogik mit der Natur außer uns oder mit uns selbst und unsern Werken?! Gänzlich verwirrend wird es beim Prüfstein der Naturwissenschaftlichkeit selber: der Mathematik – und da verstrickte uns diese Unterscheidung unversehens tief in die Metaphysik, und die Katze bisse sich in den Schwanz.

Wilhelm Windelband (1848-1915) sah es als irreführend an, die beiden großen Wissenszweige nach ihren Gegenständen unterscheiden zu wollen: Es stecken viel zu viele Prämissen da schon drin! Zweckmäßiger sei es, zunächst ihre Verfahrensweise und eo ipso ihre Erkenntnisabsichten zu unterscheiden: Die ‘Gegenstände’ werden sich finden…

Es gibt Wissenszweige, die in der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen nach durchgehenden Regelmäßigkeiten suchen, und wenn sie sie finden, stellen sie sie womöglich in mathematischen Formeln dar. Diese nennen sie ‘Naturgesetze’. Wissen- schaften, die sich um die Formulierung von

Gesetzen bemühen, nennt er ‘nomothetisch’ (von gr. nómos= Gesetz, und thésis=Setzung). Es gibt andere Wissenszweige, in denen es um die möglichst vollständige Beschreibung einer einzelnen Gegebenheit geht (die notabene zu diesem Zweck als eine ‘Einheit’ alias ‘Ganzes’ gedacht werden muss). Diese Wissenschaften nennt er ‘idiographisch’ (von gr. ídion= dieses-Eine, und gráphê=Zeichnung).

Man solle daher nicht sagen: Die Geschichtswissenschaft (Gesellschafts-, Literatur-, Sprachwissenschaft…) “ist” idiographisch, “weil” ihr Gegenstand nichts anderes zulässt und man sich bescheiden muss, immer nur ein historisch eingrenzbares Einzelnes nach allen seinen Seiten auszuleuchten. Man kann auch immer auf diesen Feldern quer durch die Geschichte hindurch nach ‘Gesetzmäßigkeiten’ suchen. Freilich wird man ihr Vorhandensein nun nicht mehr arglos voraus setzen können. Und hat man faktische Regelmäßigkeit (=Wahrscheinlichkeiten) wirklich aufgefunden, wird man immer noch begreiflich machen müssen, was daran notwendig gewesen sein mag

Im übrigen ist es nicht das Fehlen einer gesetzgeberischen Prätention, das die idiographischen Disziplinen weniger exakt macht als ihre ‘natur’wissenschaftlichen Schwestern; das macht sie im Gegenteil weniger spekulativ. Sondern dass sie ihre theoretischen Vermutungen nicht an überprüfbaren Experimenten öffentlich bewahrheiten können. Das Gedankenexperiment muss ihnen den Laborversuch ersetzen, und das ist weniger exakt als die Versuchsanordnung; denn Denkfehler sind ansteckend.

Kurz gesagt: Im Unterscheid zu Diltheys dogmatischer Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften ist Windelbands Unterscheidung von nomothetischen und idiographischen Disziplinen eine heuristische und daher kritische Bestimmung.

Und eins ist klar: Was die letzten Endes alles entscheidende Frage angeht, was der Mensch in der Welt sollda bringen sie uns, wie wissenschaftlich auch immer, nicht einen Fuß breit weiter als ihre naturwissenschaftlichen großen Brüder. Denn was der Mensch in seiner Geschichte schon so alles gemacht hat, das “beweist” lediglich, welche Möglichkeiten er wirklich hatte, denn er hat sie ja ergriffen. Welche andern Möglichkeiten er vielleicht auchnoch gehabt hätte, aber eben nur nicht ergriffen hat, darüber sagt es nichts. Und noch weniger, ob er es gesollt hätte. Noch darüber, welche Möglichkeiten er heute und morgen hat und haben wird, und was er daraus machen soll.

Der Mensch sei nur da wirklich Mensch, wo er spielt, schrieb Friedrich Schiller an der Wende zum neunzehnten Jahr- hundert. Da war selbst in England die industrielle Revolution erst noch in ihren Anfängen. Und unter Spiel verstand der Dichter immerhin eine recht ernste Sache, nämlich im eminentesten Sinn die Kunst. Der Kulturhistoriker Johan Huizinga sollte den Gedanken später in die Formel “homo ludens” fassen.

Zwar, schon im Mittelalter hatte es geheißen: “ora et labora”, aber das war nur für die Mönchsorden gedacht. Für den einfachen Mann war Feiern und Faulenzen eine völlig ehrbare Sache. Mit all seinen Heiligenfesten neben dreiundfünfzig Sonntagen hatte das katholische Jahr mehr Feierabende als Werktage. Erst nach Schillers Tod, und in Deutschland erst eine Generation danach, sollte das radikal anders werden. “Arbeit ist der Sinn des Lebens” und “Wer nix arbeitet, soll auch nix essen” lautet die imperative Moral des industriellen Zeitalters. Des Menschen Leben findet seine Bestimmung als Anhängsel zur Maschine. Homo faber als Arbeitnehmer.

Zweihundert Jahre nach Schiller hören wir allenthalben: Die Industriegesellschaft geht zu Ende, und mit ihr all ihre moralischen und kulturellen Maßstäbe. Zwar wird noch immer viel Geld verdient, und noch immer in höchst ungleicher Verteilung. Doch mit den Performances der Unterhaltungskunst wird schon ebenso viel Umsatz gemacht wie mit der Montage von Autos. Und es wird noch mehr! Die IT-Branche ist und bleibt der gewaltige Wachstumssektor, und sein Schrittmacher ist die Unterhaltungselektronik. Was wird uns in der Zukunft die Arbeit als Sinn und Zweck der Welt ersetzen? “Das Wissen”? Wessen Wissen, und wovon? Oder gar “die Medien” selber?

Wir wissen nur so viel: Das emsige Nach-Machen, das geduldige Vervielfältigen, das Re-Produzieren wird es nicht länger sein. Erfinden, Entwerfen, Projizieren wird in ungeahntem Ausmaß die wirtschaftlichen Aktivitäten bestimmen – sofern man sie denn “wirtschaftlich” überhaupt noch nennen kann. Also doch eher ein Spiel? Wird Homo ludens den Homo faber besiegen?

Arbeit und Spiel und Kunst

Arbeit und Spiel unterscheiden sich nicht in technologischer, nicht in ‚ergonomischer’ Hinsicht. Ist Arbeit das, was Mühe -, und Spiel das, was Spaß macht? Je tiefer das Kind im Spiel versinkt und ‚sich vergisst’, umso mehr Energie verbraucht es – und schwitzt. Manchem macht seine Arbeit – manchmal – Spaß. Warum aber so selten? Nicht, weil er schwitzt, sondern weil er sie nicht gewählt hat: Ein andrer hat sie ihm übergeholfen.

Da kommen wir der Sache schon näher. Arbeit erscheint umso mühseliger, macht umso weniger Spaß, je mehr sie einem fremden Zweck unterliegt. Arbeit ist gebundenes Tun nach vorgegebenem Zweck. Spiel ist freies Tun ohne Zweck; oder: nach einem Zweck, der „sich findet“ – in dem, mit dem, durch das Spiel.

Nur mit der Schönheit solle der Mensch spielen, sagt Schiller; und mit der Schönheit solle er nur spielen. Denn das haben Kunst und Spiel gemeinsam: eine Sache um ihrer selbst willen tun. Arbeit ist eine Tätigkeit, die um eines Andern, nämlich eines Zweckes willen geschieht. Der Zweck ist ihr Was, die Unbotmäßigkeit des toten Stoffs bestimmt das Wie: An der Sicherheit, mit der sie den Stoff dem Zweck anverwandelt, misst sich ihre Qualität. Und wenn es möglich wird, die Tätigkeit zu ersparen und ihre Qualität den Maschinen einzubauen, umso besser. Industriearbeit, Lohnarbeit ist die „reine“ Form der Arbeit. Nicht logisch, aber historisch, und darauf kommt’s an. Sie ist die Art von Tätigkeit, die gesellschaftlich gilt – qua Tauschwert, denn der ist der allgemeinste Zweck.

Spiel dagegen wird „um seiner selbst willen“ getan. Aber was bedeutet das? Dass es „befriedigt“? Dann wäre die Befriedigung Zweck, nicht die Tätigkeit, und wir würden uns im Kreise drehn. Das Eigentümliche am Spiel ist aber, dass vorher nicht feststeht, ob es befriedigen wird oder enttäuschen. Das Eigentümliche am Spiel ist sein offener Ausgang. Dass es also keinen Zweck hat. Es werden Folgen eintreten, wie bei allem, was man tut. Aber man weiß nicht, welche. Man kann sie nicht „bedenken“. Man mag sie erahnen oder erhoffen, aber man muss es wohl drauf ankommen lassen… Spiel ist Risiko, und das Risiko ist sein Zweck. Es lebt vom Zauber des Unbestimmten. Arbeit dagegen will Bestimmtheit.

Eine Werden und Vergehen, ein Bauen und

Zerstören in ewig gleicher Unschuld hat in

dieser Welt allein das Spiel des Künstlers

und des Kindes.

Nietzsche

Die Unbestimmtheit der Zwecke – dass man erst sehen wird, was es werden soll, wenn es etwas geworden ist -, das macht Kunst zum Spiel. Die Künstler der Vergangenheit waren sich ihrer Zwecke freilich sicherer als die heutigen. Sie wussten sich beauftragt. Zuerst von geistlichen, dann von immer weltlicheren Mächten. Erst als der Markt die Künstler vom Geheiß der Auftraggeber befreit und ihre Existenz aber auch unsicher gemacht hatte, wurde der Ausgang der künstlerischen Tätigkeit offen. Kunst trat in einen polemischen Gegensatz zur Bürgerlichkeit – d. h. zur Arbeit. Der Künstler wurde vor die Tür gesetzt und lebt seither in einem Reich des Ungewissen. Wie die Kinder. Nur am Sonntag ließ man ihn in die gute Stube: wie die Kinder. In ihnen beiden hat unser Gattungsstil überlebt, als Residuum. Der Vergleich von Kunst und Kindheit ist mehr als eine Metapher. Denn ist der Künstler immer ein bisschen wie ein Kind, so ist das Kind, mit Maurice Ravel zu reden, „von Natur künstlich“.

Der Erwachsene veraltet

In der Industrieproduktion selbst wird heute das Erfinden von Neuem wichtiger als die Reproduktion vorgegebener Zweckformen. Die Tugenden der Arbeitskultur – berechnen, assimilieren, saldieren – werden entwertet. Wenn der Arbeitsprozess streckenweise selbst den Charakter von Spiel annimmt, dann wird „Chaosqualifikation“ funktioneller als Bestimmtheit; vielleicht das Kernproblem am Standort Deutschland, wo man jetzt Inder braucht, weil man die Kinder zu viel lernen lässt. Die elektronischen Informationssysteme machen es sinnfällig: Wer sich ins Internet einklinkt, spielt mehr als dass er arbeitet; er surft.

Funktionalität nimmt selbst den Charakter von Unbestimmtheit an. Rationalität, die unsere Zivilisiertheit ausmachte, gerät außer Kurs.

Und mit der Arbeit schwindet auch die Arbeit der Kinder: das Lernen. Cyberworld hält Einzug nicht erst ins Arbeitsleben, sondern schon in die Klassenzimmer – und alles, was sich überhaupt „lernen“ lässt, lernt früher oder später auch der Computer. Beim Informations- management hat er den Menschen weit überholt. Will der ihn dennoch beherrschen, muss er sich nicht länger zum Spezialisten bilden, sondern zum Fachmann fürs Allgemeine – mit dem freien Willen als seinem „Betriebssystem“. Selbst der Haupteinwand der Romantik gegen die bürgerliche Lebensweise, die Vereinseitigung der Menschen durch die Wahl ihres Berufs, fällt nun nicht mehr ins Gewicht. Im Zeichen von „lebenslangem Lernen“ wird die spezifische Arbeit der Kinder zu einer unspezifischen Tätigkeit von Allen, und die Erwachsenheit veraltet. Zugleich hört Kindlichkeit auf, ein Residuum zu sein, und verbreitet sich vom Souterrain aus über die anderen Etagen – bis in den bürgerlichen Alltag. Die Hürde fällt hin. (Allerdings geht es jetzt auch in der guten Stube nicht mehr so feierlich zu.) Das selbst gemachte Wirkungsgefüge der Arbeitsgesellschaft lockert sich, das Wertgesetz schwindet. Es sieht gar aus, als kehrten wir zu unserm Ursprung zurück.


Als der Hirnforscher Gerhard Roth im Philosophischen Quartett bei Sloterdijk und Safranski die These von der vollständigen Determiniertheit unseres durchaus nicht freien Willens vertrat, räumt er am Ende der Diskussion doch eine Ausnahme ein: „die Verneinung“.

Er hat die Tragweite seiner Einschränkung nicht bedacht. Wenn der Verneinungsmodus eine Ausnahme von der Determiniertheit unseres Willens ist, dann ist der ganze Mensch eine Ausnahme von der Determination. Denn der Mensch kann grundsätzlich Alles verneinen und verleugnen. Könnte er nicht nein sagen, dann könnte er nicht ja sagen. Eben das ist die Freiheit seines Willens.

„Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann“, meint Max Scheler.

Die Ausnahme von der Regel.

Ich will raus in den Park. Ich sehe aus dem Fenster. Eine dunkle Wolkenfront zieht auf. Ich sage „Nein!“

Da habe ich, nach Gerhard Roth, frei gehandelt.

(Ich will raus in…) Ich sehe in den Himmel. „Soll ich oder soll ich nicht?“ Dann greife ich meinen Schirm und gehe doch.

Ich habe ebenfalls frei gehandelt. Denn zu dem Gedanken „ich soll nicht“ habe ich nein gesagt.

Das wird Gerhard Roth kaum bestreiten.

Ich bin im Park, ein unabweisliches Bedürfnis ergreift mich, „nein“ kommt überhaupt nicht in Frage, aber… wie? Taschentücher sind noch genügend da, da vorn ist ein Gebüsch, na wenn das mal nicht in (…) geht…

Eine Wahl habe ich nicht, aber einfach nur ja! sagen kommt schon gar nicht in Frage, es ist so vieles zu berück- sichtigen, zu erwä- gen, in die Wege zu leiten, und alles so schnell…

Und das soll dann ‚unfrei’ sein?

Schnickschnack, würde Wolf Singer sagen. Kollege Roth hat manchmal einen schwachen Moment, ich für mein’ Teil hätte so eine Einschränkung gar nicht zugegeben: „Im Bezugssystem neu- robiologischer Forschung gibt es keinen Raum für objektive Freiheit, weil die je nächste Handlung, der je nächste Zustand des Gehirns immer determiniert wäre durch das je unmittelbar Vorausgegangene.“ Einem jeden uns als frei gefasst dünkenden Gedanken liegt ein neuronales Ver- schaltungsmuster zu Grunde, das diesen und nur diesen einen Gedanken ‚bedeutet’. Singer sagt uns, „dass unter- schiedlichen Gedanken verschiedene neuronale Aktivitätsmuster zugrunde liegen. Kein Gedanke ohne Substrat. Allem, was begrifflich trennbar ist, müssen unterschiedliche Gehirnzustände entsprechen.”

Abbildungs-Modi

(Lassen wir mal das ‚begrifflich’ beiseite, das hier gar nichts verloren hat. Und an dieser Stelle will ich mich auch nicht über die mögliche Umkehrung auslassen: Einer sagt mir das Wort ‚Pferd’, ich denke also ‚Pferd’ – und folglich stellt sich in meinem Hirn dieses eine und kein anderes Ver- schaltungsmuster ein… Da würde dann der Geist die Materie “determinieren”.)

Hier will ich genauer auf die Frage eingehen, was „zu Grunde liegen“ an dieser Stelle bedeuten mag. Dann werden wir nämlich sehen, dass im Verneinungs-Modus auch ganz ohne Gerhard Roth der Teufel steckt!

Mit Zugrundeliegen dürfte ja wohl Abbilden gemeint sein, wenn Singer das Wort auch meidet. Nämlich in einem analogen Modus „wiedergeben“, „repräsentieren“, „nach- zeichnen“.

Zur Erinnerung: ‚Analog’ ist ein Zifferblatt, wenn sich darauf ein Zeiger in konstan- tem Tempo so dreht, dass die Drehbewegung auf sinnlich wahrnehm bare Weise das gleichmäßige ‚Verlaufen’ der Zeit „darstellt“; selbst wenn gar keine Ziffern zu sehen sind, sondern nur Striche und Punkte. Auf einem ‚digitalen’ Zifferblatt erscheinen dagegen in gleichmäßigen Abständen nach einander die Ziffern selbst und zeigen an, „wie spät“ es ist. Freilich nur dem, der weiß, was diese Ziffern – diese ‘digits’ – bedeuten. Er muss unser Zahlensystem gelernt haben und wissen, dass der Tag vierundzwanzig Stunden hat. Auf dem analogen Ziffernblatt kann ein Fünfjähriger an der Bewegung des Sekundenzeigers zusehen, wie eine Minute vergeht. Er mag sogar geistig zurück geblieben sein: Er sieht es doch!

Das ist der Unterschied zwischen Abbildung und Symbol. Das eine ist analog, das andere ist digital. Eine arabische Ziffer (nur die heißen so!) ist digital; die römischen Zahlen sind analog, aber auch nur die ersten drei. Bei der IV wird’s ebenfalls digital. Dazwischen liegt der Akt der Reflexion, der Akt des Verstehens, das Denken in specie: die Umrechnung einer (sinnlichen) Erscheinung in eine (logische) Bedeutungmit der in einem so entstehenden logischen Raum ‚operiert’ werden kann, ohne dass irgendwelche Gegenstände sinnlich anwesend wären).

Der Haken: Im analogen Bilderraum gibt es keinen Verneinungs-Modus. Das ist der Vorzug der analogen Darstellung gegenüber der digitalen: Sie ist reicher, sie ist farbiger. Es kann immer noch eine und noch eine Gestaltqualität, noch eine Farbkombination hinzu erfunden werden. Aber die digitale Darstellungsweise ist bestimmter. ‚Digits’ lassen sich eindeutig unterscheiden. Ein Apfel und eine Birne lassen sich – von Weitem schon gar – manchmal nicht so klar unterscheiden

Und vor allem: Das digitale Repräsentationsmuster erlaubt die Verneinung, das analoge nicht. ‚Ein Pferd’ kann ich mir anschaulich vor Augen führen. ‚Kein Pferd’ nicht: Wenn ich es mir „vorstelle“, sieht es auch nicht anders aus als, sagen wir, ‚keine Suppenschüssel’.

Und was das Schlimmste ist: Wo es keinen Vernei- nungsmodus gibt, da gibt es erst recht keinen Frage-Modus!

Wolf Singer mag sich drehn und winden wie er mag: Nicht nur haben die Menschen den Frage- und Verneinungsmodus, sondern es gibt sogar gewichtige anthropologische Gründe, darin ein – oder das – auszeichnende Merkmal des Menschlichen zu sehen.

Ein umgedrehter Spieß

Die Freiheit bestreitet Wolf Singer mit dem Argument, die Forschung habe im Menschenhirn keinen ‚Sitz’ des Ich lokalisieren können. Das Ich stelle sich immer wieder situativ neu her durch je andere neuronale Verschaltungen. Mit dem Vernei- nungsmodus dreht sich der Spieß von alleine um: Wenn er uns keine ‚Stelle’ nachweisen kann, wo durch rein neuronale Kettenreaktionen analoge Bilder in digitale Symbole „umgerechnet“ und so die gattungsmäßig unverzichtbaren Frage- und Verneinungsmodi möglich gemacht werden – dann kann unser Wille nicht ‚determiniert’, dann muss er ‚frei’ sein.

PS. Ich will allerdings nicht verhehlen, dass sich Wolf Singer und sein Kollege Roth in eine no-win-Situation begeben haben. Denn wenn sie eines Tages eine solche ‘Stelle’ lokalisieren sollten, dann… werde ich ihnen sagen: “Na da isses ja endlich, das Ich, nach dem Ihr so lange gesucht habt! An der Stelle, wo der physiologische Sinnesreiz mit einer Bedeutung ausgestattet wird, da ist der Sitz unserer Freiheit!

“Die Moral sagt schlechthin nichts bestimmtes. Sie ist das Gewissen, eine bloße Richterin ohne Gesetz. Sie gebietet unmittelbar, aber immer einzeln. Gesetze sind der Moral durchaus entgegen”…

…notierte Novalis, als er Fichte gehört hatte. Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass man Sittlichkeit nicht lernen kann wie irgend ein Pensum. Kann aber darum keiner was für den andern tun? Muss jeder wieder ganz allein aufbrechen und sehen, wo er bleibe? Nachdem so viel geschehen ist in der Geschichte und sich schon so viele vor uns an den Rätseln der Welt versucht haben? Dann hätten sie uns all ihre Zeugnisse ja ganz umsonst nachgelassen! Nein, definieren lässt sich das Rätsel vom Sinn allerdings nicht. Aber es lässt sich zeigen.

Unter den hinterlassenen Reichtümern der vergangenen Generationen ist kaum einer, der ganz allein dem Stoffwechsel diente und der Erhaltung des Leben so, wie es war. Fast jeder Gegenstand, jedes Werk weist in seiner Gestaltung einen kleinen Überschuss – Entwurf, disegno, design – auf, der nicht nötig gewesen wäre zu seinem bloß sachlichen Nutzen. Dieses Mehr betrachten wir als seine ästhetische Seite. Sie war immer auch eine Art Stellungnahme zur Frage nach dem Sinn der Welt, mal mehr, mal weniger absichtlich. Und je mehr sein Schöpfer jeweils selber meinte, in seinem Werk die Frage beantwortet zu haben, umso sicherer erkennen wir Kunst darin, und die ist uns noch rätselhafter als die Natur, weil sie sich selbst für eine Lösung hält.

Seit der Romantik nun, als die Kunst modern wurde, bescheidet sie sich, nein: macht sie sich’s zur Ehre, das Rätsel nur noch darzustellen. Sie begibt sich ausdrücklich in Gegensatz zu Industrie und Wissenschaft, die beide versprechen, spätestens morgen zu klären, was heute noch im Dunkeln liegt. Industrie und Wissenschaft behalten Recht, denn das Leben geht weiter. Doch je besser sie uns das Leben und die Welt erklären, um so deutlicher wird auch, dass deren Sinn nicht in ihnen liegt, sondern außerhalb, als das immer neue Problem.

Als solches lässt es sich nicht begreifen und erlernen, sondern nur anschauen. Sein Medium ist nicht Logik, sondern Ästhetik. Das ist ein Erleben, wo nicht das Urteil erst – nach Analyse und Kritik – auf die Wahrnehmung folgt, sondern „auf einmal“ mit ihr selbst gegeben ist, uno actu. Nicht dass es aller Kritik entzogen wäre. Es ist nicht diskursiv, aber darum ist es noch lange nicht irrational; doch erst einmal muss es da sein, und das muss jeder selbst vollbringen – andemonstrieren lässt es sich nicht.

Das unterscheidet Bildung von Lernen. Güter lassen sich wägen und messen, aber Werte muss man erlebt haben. Auf Unterrichtseinheiten kann man es nicht verteilen, und methodischer Fleiß würde nur stören, denn er verengt das Wahrnehmungsfeld. Darstellbar ist es nicht als Argument und Kalkül, sondern in Bildern und Geschichten. Es erschließt sich nicht durch Analyse, sondern durch Betrachtung. Als die Hingabe an das Unbestimmte steht sie dem Spiel näher als der Arbeit. Sie ist der „ästhetische Zustand“.

Merke:
“Ethik und Aesthetik sind Eins.”
Ludwig Wittgenstein
Tractatus logico-philosophicus, Satz 6.421

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Philosophie oder Psychologie?

Die Philosophie fragt nicht danach, wie Menschen wirklich denken. Viele denken so, aber einige denken ganz anders. Im tatsächlichen Denken spielen Zufälle und äußere Verur- sachungen eine Rolle, Motive und Hindernisse. Wie und warum – das interessiert den Psychologen. Den interessieren aber nicht die Ergebnisse des Denkens, nämlich ob sie ‘zutreffen’ oder nicht. Ihn interessiert allenfalls, ob und warum der Denkende gelegentlich ganz etwas anderes tut, als er beabsichtigt hat: Dafür will der eine ‘Gründe’, der andre ‘Motive’ herausfinden…

Angenommen, es ließe sich mit allerletzter Sicherheit herausfinden, was im Bereich der Psychologie wahr ist – so wäre doch immer noch das, was in unserer Psyche vorgeht, Ergebnis eines Millionen Jahre alten faktischen Ent- wicklungsprozesses. Und von dem müsste man im Grundsatz annehmen, dass er möglicherweise an diesem oder dem andern Punkt auch anders hätte verlaufen können. In diesem Sinne handelt es sich um ein “Naturgeschehen”. Und dieses ist immer bedingt.

Sollten also die Hirnforscher demnächst herausfinden, dass der Satz “zwei mal zwei ist vier” durch die Evolution irgendwo in unseren grauen Zellen genetisch einprogrammiert ist, dann wäre das lediglich eine Anpassung an gegebene Umstände gewesen, die einen Selektionsvorteil begründet hat. Durch diesen wäre sie bedingt. Doch dass 2×2 wirklich =4 ist, wäre damit absolut nicht bewiesen! Dazu bedürfte es immer noch einer eigenen logischen Operation.

Bedeutungen

Bei philosophischen Fragestellungen geht es nicht (mehr) um das Tatsächliche. Über das muss man sich, und sei es nur vorläufig, schon geeinigt haben. Bei philosophischen Fragen geht es vielmehr um Bedeutungen. Nicht um das Tatsächliche, sondern um das “Logische”, nämlich um Sinnbezüge und Geltungen. Das sind Bestimmungen, die außerhalb von räum- lichen und zeitlichen (und also zufälligen) Bedingungen liegen. Eine Tat hat einen “Sinn” auch noch tausend Jahre, nachdem sie getan wurde, oder sie hat nie einen gehabt; und zwar unbedingt. Unbedingt im Übrigen auch dadurch, ob je einer diesen Sinn erkannt hat oder nicht. Und eine Aussage “gilt” auch dann, wenn die Gegenstände, über die sie ausgesagt wurden, längst nicht mehr existieren; und wenn kein Lebender sie je ausgesprochen hat!

Der Philosoph dagegen fragt, wie das – jedes! – Denken verfahren muss, wenn es wahr sein soll, und damit es wahr sein kann. Wahrheit ist Zweck seines Fragens, und in Hinblick auf diesen Zweck verfährt er ‘pragmatisch’. Ihn interessiert nur, was diesen Zweck fördert, und nicht das, was ihn stört. Zu beachten: Was immer dieser oder der Philosoph jeweils lehren mag – dass Wahrheit ’sein soll’, setzt er stillschweigend voraus, indem er Aussagen macht, die beanspruchen, als wahr zu gelten!

Der Satz “Es gibt keine wahren Sätze” (einige Denker neigen dieser Auffassung zu) widerspricht durch seine kategoriale (Urteils-) Form seinem (materialen) Gehalt. Es ist ein ähnlicher Fall wie das berühmte (Schein-) Paradox “Alle Kreter lügen”. Kommunikationstheoretisch ausgedrückt: Die Meta-Rede hebt die Objekt-Rede auf. Dieser Satz ist Sinn-widrig. Und nicht nur wird die Möglichkeit wahrer Sätze stillschweigend vorausgesetzt, sondern damit zugleich auch die Fähigkeit, ‘aus Freiheit’ äußere Verursachungen und innere Versuchungen aus meinem Denken auszuscheiden. Einem jeden steht es natürlich frei, diese Voraussetzungen zu bestreiten. Nur muss er sich dann aus der Erörterung von Aussagen, die wahr sein wollen, heraushalten.

Das Urteil und sein Grund

Mit der ‘Wahrheit’ ist es dasselbe Problem wie mit der ‘Freiheit’. Der Satz ‘der Mensch ist frei’ – bis heut ein Dauerbrenner der abendländischen Geistesgeschichte – ist theoretisch schlechterdings nicht beweisbar und also nicht diskutabel. Er lässt sich nur in der Form ‘der Mensch soll frei werden’ oder ‘du sollst handeln, als ob du frei wärst’ moralisch postulieren. Dennoch ist er mehr als bloße Meinung. Denn sein Gegen-Satz ‘Der Mensch ist unfrei’ lässt sich ohne inneren Widerspruch nicht formulieren.

Wer ihn ausspricht, hat ein Urteil gefällt. Er hat nicht nur vorausgesetzt, dass ‘es’ Gründe ‘gibt’ für sein Urteil (unabhängig von seiner Subjektität), sondern er hat sich selbst auch das Vermögen zugeschrieben, über deren Gültigkeit zu entscheiden. Das Vermögen, aus eigenem Rechtsgrund zu urteilen, ist, als ‘liberum arbitrium’, das Vermögen der Freiheit. Die kategoriale (Urteils-) Form des Satzes ‘der Mensch ist unfrei’ hebt den materialen Gehalt des Satzes wieder auf.

Die Frage, ob wohl unser Wissen einen hinreichenden Grund hat – und daher ‘wahr’ ist -, lässt sich theoretisch, also im Rückgriff auf einen höheren (oder ‚tieferen’) Urteilsgrund nicht entscheiden – sonst wäre der jeweils aufgefundene Grund seinerseits begründet, und wir wären so klug wie vorher. Theoretisch stehen wir vor einem gordischen Knoten, der nicht gelöst, sondern nur zerschlagen werden kann: Unser Wissen muss einen Grund haben – weil anders all unsere Sätze ohne Sinn wären. Hier wie oben wäre die entgegen gesetzte Annahme absurd: Keiner von uns könnte sie sinnvoll aussprechen, er müsste lallen oder den Mund halten. Wenn es im Leben einen Sinn geben soll, dann muss das Wissen einen Grund haben. Wer meint, das Leben bräuchte keinen Sinn, der kann nicht widerlegt werden. Er müsste sich allerdings aus der Erörterung sinnvoller Fragen heraushalten. Denn wer das Nichts behauptet, behauptet nichts, sagt Heidegger.

Die Frage, ob es Wahrheit überhaupt gibt, ist Unfug. Die Antwort darauf wäre, wie immer sie ausfiele, wahr oder unwahr. So kann man nur fragen, weil man sich von der Wahrheit längst eine Idee gemacht – und also die Antwort “in Wahrheit” schon vorausgesetzt hat.

Wahrheit ist kein vorhandener Stoff, den die empirischen Wissenschaften mit den geeigneten Instrumenten bei genügend schlauer Versuchsanordnung schon noch nachweisen werden, sondern ein Postulat. Sie “kann nur eine Idee sein; ein bloßer Gedanke in uns, von welchem gar nicht vorgegeben wird, dass ihm in der wirklichen Welt außer uns etwas entspreche. Ideen können unmittelbar nicht gedacht werden. Sie sind Aufgaben eines Denkens, und nur, inwiefern wenigstens die Aufgabe begriffen werden kann, kommen sie in unserm Bewusstsein vor”. (vgl. Die philosophische Wendeltreppe XV)

Reflexiv

Die ‘Anpassung’ unserer Gehirnfunktionen durch Jahr- millionen von natürlicher Auslese geschah nicht um dieser Idee, sondern um des Überlebens willen. Es ist eine empirische, eine historische Tatsache – es ist eine ‘phänomenale Gegebenheit’, dass jene Gruppe von Vermögen, die wir zusammen fassend Vernunft nennen, uns durch die Evolution angestammt wurden. Woher sie auf uns gekommen sind, ist das eine. Das andre ist: Jetzt sind sie da. Und jetzt wenden wir sie auf alles an, was uns begegnet; auch auf unser Herkommen – und sogar auf sie selbst. Die Vernunft ist (das ist das ungelöste Mysterium der Hirnforschung:) an und für sich reflexiv. Sie kann selbst ‘hinter sich zurück’ gehen, und darum ist sie selber unhintergehbar.

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12. Die praktische Philosophie beginnt da, wo die theoretische nicht weiterkann

Wanderer

Gedanklich endet meine Wendeltreppe bei den Ergebnissen der ‘kritischen’ alias Transzendentalphilosophie. Das wurde beanstandet, denn danach hat die Zahl der philosophischen Bücher wohl noch um ein Vielfaches zugenommen…

Ich wollte aber keinen kurzen Lehrgang durch die Geschichte der Philosophie schreiben, sondern ein Einführung ins Philosophieren selbst. Ich meine im Ernst, dass der theoretischen Philosophie seit den Tagen der Transzendentalphilosophen substanziell nicht mehr viel hinzugefügt wurde. Wo es theoretischen Erkenntnisgewinn gab, handelte es sich weitgehend um die – philologische – Klärung von Missverständnissen. Wo die ‚Phänomenologie’ – Husserl und, in seinem Gefolge, Heidegger – zu brauchbaren Resultaten kommt, bestätigt sie doch immer nur, in weniger deutlichen Begriffen, die Ergebnisse der ‚kritischen’ alias Transzendentalphilosophie. Ich bin so kühn, mutatis mutandis dasselbe über die ‚sprachanalytisch’-pragmatische Schule unserer Tage zu behaupten.

Der Umkreis der philosophischen Themen ist im großen Ganzen abgesteckt. Innerhalb des Kreises mag das Feld immer und immer wieder neu bearbeitet und mögen den Themen immer wieder neue ‘Seiten’ abgewonnen oder das Gewonnene aus anderer Perspektive neu bestätigt werden. Tatsächlich ist die Philosophie seither so verfahren; soweit sie nämlich theoretisch und wissenschaftlich ist.

Doch hat sich seit dem 19. Jahrhundert, nämlich seit Schopenhauer und Kierkegaard eine Variante der Philosophie ausgebildet, die ausdrücklich nicht theoretisch und auch nicht wissenschaftlich sein will, die Lebensphilosophie. Ihren bislang wort- und gedankenmächtigsten Vertreter hat sie in Nietzsche gefunden. Ihr Ehrgeiz ist es, die Frage nach dem Sinn des Lebens unmittelbar und positiv aufzuwerfen und nicht länger über den Umweg metaphysischer Begriffsakrobatik. Philosophie soll praktische Lebenshilfe geben (und womöglich politisch wirksam werden). Damit ist sie im öffentlichen Leben so erfolgreich gewesen, dass sie im landläufigen Verständnis den Begriff der Philosophie ganz für sich vereinnahmt und die wissenschaftliche Philosophie in die akademische Ecke gedrängt hat.*

Ihr Publikumserfolg ist verständlich. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich jedem Menschen. Und jeder stellt sich ihr – mal mehr, mal weniger bewusst. Was er dabei – auf sein Leben zurückblickend – jeweils an Antworten gefunden zu haben meint, das kann man Lebensweisheit nennen. Nichts steht ihm freier als das. Es fragt sich nur, ob sich daraus eine positive Lehre entwickeln lässt, die der eine dem andern mit einem Anspruch auf öffentliche Verbindlichkeit vortragen darf.


*

Die Frage nach dem Sinn (des Lebens in) der Welt war der Urheber der Philosophie – und, durch sie, der Wissenschaft (die eine spezifisch abendländische Erscheinung ist). Das war der Ausgangspunkt und war der Schlusspunkt meiner “Wendeltreppe”. Die ständige metaphysische Versuchung unseres Verstandes – das, was Kant den “dialektischen Schein” genannt hat – ist es, in der Erkenntnis des Seienden einen Hinweis auf unser Sollen, auf die ‘rechte Lebensführung’ zu suchen. Wenn der Einzelne Bestandteil eines sinnhaft geordneten Kosmos ist, dann liegt es nahe, dem Teil dasselbe Ordnungsprinzip zu zu weisen wie dem Ganzen. ‘Was der Mensch soll’ ließe sich geradlinig aus dem, ‘wie die Welt beschaffen ist’, herauslesen.

Hans Erni, Odyssee

Doch die Erkenntnis des Seienden ist zirkulär und führt nirgends hin: ‘Die Natur’ antwortet uns ja immer nur auf die Fragen, die wir ihr stellen – und auch das nur unter Stöhnen und Seufzen. ‘Der Naturwissenschaft- ler beobachtet keines Wegs ‚die Natur’ so lange, bis sie ihm von allein ein Lied singt. Vielmehr reißt er aus der Natur vorsätzlich ein winziges Stück heraus, zwingt es in die Folterkammer seines Labors und quält es kunstvoll so lange, bis es auf seine gezielten Fragen mit Ja oder Nein antwortet.’ Den „Sinn“ der Sachen – das, „worum es [uns] eigentlich geht“ – haben wir, als Frage, immer schon selber mitgebracht, und wenn wir ihn hernach ‚an’ den Sachen wieder erkennen, dann ist es nur der Schatten unserer „apriorischen“ Absicht. ‚Die Natur’ kann uns nicht einmal sagen, wer oder was sie ‚ist’. Noch weniger kann sie wissen, was wir in einer Welt ‚sollen’, die längst mehr geworden ist als bloß Natur.

Die Kritik an diesem Irrtum ist dasjenige, was an der Philosophie wissenschaftlich ist.

Oder anders, wissenschaftlich ist die Philosophie nur als Kritik. Wenn ich sage, man kann leben, ohne zu philosophieren, dann heißt das: Man kann leben, ohne Wissenschaft zu treiben. Um das Wort Philosophie – und wer es alles für sich in Anspruch nehmen darf – muss man sich nicht streiten. Auch die Philosophischen Lebensberatungs-Dienste unserer Tage dürfen sich so nennen, gesetzlich geschützt ist das Warenzeichen nicht. Aber ich bestehe auf einer scharfen Unterscheidung zwischen kritischer, wissenschaftlicher Philosophie und landläufiger Lebensweisheit.

Das ist eine politische Erfordernis.

Wissenschaft ist  öffentliches Wissen. Sie ist entstanden, um in der Öffentlichkeit ein Feld abzustecken, innerhalb dessen Meinungsverschiedenheiten, die immer auch von Interessen geprägt sind, vernünftiger Weise nicht mehr möglich sind. Dies ist ihr historischer Sinn. Das Aufkommen der Wissenschaften im Abendland des siebzehnten, achtzehnten Jahrhunderts war das politische Weltereignis. Herrschaft konnte von nun an gemessen werden an dem, was ‘als vernünftig erkannt’ war. Und nur so ist eine repräsentative, nämlich die Staatsbürger repräsentierende politische Ordnung überhaupt denkbar. Die Öffentlichkeit erwartet allerdings von der Wissenschaft, dass sie Gesetzestafeln erstellt, in die man die ‘konkreten Fälle’ nur noch einzutragen braucht, um die ‘richtige Lösung’ sogleich ablesen zu können. Es liegt daher im Interesse sowohl der Öffentlichkeit als auch der Wissenschaft selbst, ihre Grenzen möglichst scharf zu ziehen.

House of Commons

Der einzig begründete Ausgangspunkt der praktischen Philosophie ist ein negativer: dass die theoretische Philosophie – nach den Ergebnissen der ‚Kritik’ – im Sein keinen Sinn nachweisen kann. Der Sinn ist das, was — nicht durch Notwendigkeit vorgegeben ist, sondern: – ‚durch Freiheit möglich’ wäre. Sinn kann man nicht finden, sondern muss man erfinden.

Ist er also beliebig?

Na ja. Jedenfalls nicht in dem ‚Sinn’, dass erlaubt ist, was einem grade ‚in den Sinn kommt’. Denn was aus Freiheit geschah, lässt sich zwar nicht ‚begründen’, nämlich aus theoretischen Einsichten herleiten; aber man wird es rechtfertigen müssen, nämlich vor mir selber und dann vor all denen, denen ich ihrerseits Freiheit zumute und denen ich über den Weg laufe. Dann wird man sehen…

Mit andern Worten: Würde ich nicht in einer Welt leben, die ich ‚in Freiheit’ mit Andern teile, bräuchte ich keine praktische Philosophie und keine ‚Sinn des Lebens’. Ich lebte vor mich hin, und damit gut.

*

Zwar kann die Wissenschaft (mit jedem Tag genauer) sagen, ‘was ist’. Denn das ist die theoretische Frage, die in ihr Ressort fällt. Aber was wer soll, ist eine praktische Frage, die nicht nach wahr oder falsch, sondern nach gut oder schlecht zu entscheiden ist. Und die fällt eben nicht in ihr Ressort: Denn gegenüber den Fragen des praktischen Lebens verhält sie sich, das sie theoretisch ist, rein kritisch: indem sie sagt, was nicht ist. Die Frage, wie und wohin ich mein Leben führe, ist ein praktische Frage; und eine private. Die Wissenschaft kann mir sagen, ob es good vibrations gibt, auf die ich rechnen darf, oder nicht; danach muss ich selber entscheiden.

Die Frage, wohin die Staaten und die Gesellschaften steuern, ist öffentlich, aber sie ist nur in Grenzen theoretisch. Denn Antwort hängt von denen ab, die sie stellen, und die sind Handelnde, bevor sie wissenschaftlich Erkennende sind; darum  läuft die wissenschaftliche Erkenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer hinterher und bringt es allenfalls zur self-fulfilling prophecy**. Und dabei ist die Frage, wohin sie steuern sollen, noch nicht einmal angeschnitten. Könnten die Gesellschaftswissenschaften wirklich voaussagen: Wenn ihr dies tut, geschieht das, und wenn ihr jenes tut, dann geschieht solches – dann müsste die Frage, ob wir ‘das’ oder lieber ’solches’ wollen, immer noch praktisch entschieden werden; ‘aus Freiheit’, wie Kant das nennt. So gibt es ein unmittelbares politische Interesse daran, dass sich die Wissenschaften ihrer Grenzen jederzeit klar bewusst bleiben; Hirnforschung incl.

*

Lebensweisheit ist dagegen eine Privatangelegenheit und gehört in “meine Welt”, wenn ich so sagen darf. Erstens geht sie nur mich selber an. Wenn ich zweitens darüber hinaus einen Drang spüre, meine Anschauungen (!) andern mitzuteilen, dann stehen mir dazu die Mittel der nicht-diskursiven Mitteilung zu Gebot; die Mittel der Kunst nämlich. Philosophie könne man eigentlich nur noch dichten, meinte Wittgenstein...
sprung

Die Kritik führt bis zu diesem Punkt: Damit überhaupt etwas gelten kann, muss ein Absolutum gelten. Aber wir (die Wissenschaften) können euch  nicht bis dort hin führen. Begründen können wir das Absolute nicht. Wenn wir an jener Stelle sind, müsst ihr selber springen – auf eigne Faust; und mögt euch hinterher rechtfertigen. Nämlich vor euch selber und denen, die in euerm Privatleben sonst noch vorkommen.

Wer künstlerische Berufung fühlt, der trete vors große Publikum. Der Kritik ist er dort freilich nicht entzogen, ganz im Gegenteil. Nur ist es jetzt die Kunstkritik – die umso unerbittlicher ist, als sie selber Teil des kritisierten Gegenstandes ist. Die Kunst hat sich im Laufe der Neuzeit wie die Wissenschaft zu einer gesellschaftlichen Instanz entwickelt, und die Kritik ist deren Teil. Wissenschaftlich ist sie nicht, sondern ästhetisch. Sie kan nicht (logisch) demonstrieren, sondern nur (anschaulich) zeigen. Sie kann – wie die Kunst selber – Beifall heischen, aber kein Einverständnis erzwingen, wie die Wissenschaft.

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Das gilt im selben Maß von den praktischen Staats- und Gesellschaftslehren. Die wissenschaftliche Kritik kann ihnen ihre Grenzen zeigen – und dass sie nicht Fleisch von ihrem Fleisch sind. Sie selber haben sich der Öffentlichkeit möglichst anschaulich darzustellen. Sie fordern zu Wertentscheidungen heraus, und die sind – in weitestem Sinn – ein ästhetischer Akt. Doch das Ästhetische liegt nicht jenseits der Vernunft, sondern diesseits. Es liegt ihr zu Grunde.

.das Neue Jerusalem

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*) In derselben Zeit beobachten wir in der Kunst die Scheidung zwischen dem ernsten und dem unterhaltenden Genre. Crossover ist auch da eine ständige Versuchung.

**) In einer UFA-Komödie sagt Grete Weiser: “Wie soll ich wissen, was ich meine, bevor ich höre, was ich sage?” So geht es ‘der Gesellschaft’, wenn sie sich nach den Zielen ihres Handelns fragt. Wie können wir wissen, was wir wollen, bevor wir sehen, was wir tun?

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13. Natur- und… “Geistes”wissenschaft?

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Also soweit Philosophie wissenschaftlich ist, bleibt sie negativ und rein kritisch – das war das bisherige Ergebnis. Will sie positiv und praktisch werden, kann sie sich an logische Demonstrationen und Herleitungen aus geprüften Gründen nicht länger halten. Sie muss  postulieren, was “sein soll”, auf eigene Verantwortung und ohne Sicherheitsnetz. So in Politik und Pädagogik, und in der persönlichen Lebenslehre sowieso. Existenzphilosophie hat man das genannt, und der Namen gefällt mir.  Positiv und wissenschaftlich verfahren allein die Naturwissenschaften, und darum nennen sie sich die exakten.
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Und was wird aus dem vielen, vielen positiven Wissen, das die Menschen inzwischen über sich selbst und über ihr Tun und Lassen in Geschichte und Gegenwart angesammelt haben? Dass es nicht ‘wissenschaftlich’ im Sinn der strengen Verfahren von Physik und Chemie ist; dass es nämlich nicht die Mathematik zum Leitfaden hat, springt ins Auge. Aber es ist doch nicht willkürlich und rein ästhetisch wie die von A bis Z wertsetzenden – und daher ‘durch Freiheit möglichen’ – praktischen Disziplinen. Sie hat es ja mit Erfahrungstatsachen zu tun!

Es fängt bei der Namensgebung an. “Natur”wissenschaft… im Unterschied, im Gegensatz zu was? Zu Geisteswissenschaft, Moral science, Humaniora? Der Unterschied ist nicht selbstverständlich, und darum wurde er auch nicht immer gemacht. Bei den Antiken erscheinen Physik und ‘Meta’-Physik noch ganz ungescheiden, erst bei Aristoteles werden sie wenigstens auf verschiedene Bände verteilt; aber schon bei den – dann lange Zeit Ton angebenden – Neuplatonikern (Plotin, Proklos) treten sie wieder vermengt auf. Sachlich notwendig wird sie auch wirklich erst mit Galileo, der mit der Mathematisierung der Formeln zuerst ein Kriterium eingeführt hat, um ’strenge’ Wissenschaft von mehr oder minder plausiblem Dafürhalten zu unterscheiden. Mit Descartes ist dieses Kriterium fürs Abendland verbindlich geworden: Wissenschaft spricht wahr, und der Maßstab für die Wahrheit der Aussagen ist, dass sie ’so klar und eindeutig bewiesen werden können wie die Demonstrationen der Geometrie’. Nur was sich in einem mathematischen Modell darstellen lässt, lässt sich mit mathematischer Sicherheit beweisen.

Dass ‘Natur’ eo ipso in ein mathematisches Modell gehört, war damit stillschweigend unterstellt. Die Unterstellung ist geschehen, indem sich Galileo ausdrücklich aus der aristotelischen Meta-Physik zurück besann auf Platos Ideen’-Begriff und seiner Anschauung der reinen Formen (’vollkommene Körper’) in der Mathematik. Dass damit ‘allein die Natur’ zu erfassen wäre, war damit noch gar nicht positiv gesetzt. Es ergab sich negativ, indem ein Rest übrig blieb, der sich nicht in mathematischen Modellen darstellen lässt; eben die ‘nicht-exakten’ Wissenschaften: Wissenschaften im eingeschränkten Sinn…

Descartes hat schon zu seiner Zeit energischen Widerspruch gefunden, der zu seiner Zeit aber ungehört blieb. Giambattista Vico stellte der Idee von der mathematischen Durchschaubarkeit von Gottes Schöpfung den Grundsatz entgegen, dass einer nur das ‘wahr’ erkennen könne, was er selber gemacht habe: “Verum et factum convertuntur”, ‘wahr’ und ‘gemacht’ bedeuten dasselbe. Die Natur habe Gott gemacht und der allein könne sie erkennen. Der Mensch hat seine Geschichte (seine Kultur, seine Kunst…) gemacht, und die allein könne er verstehen.

In einen Gegensatz sind Physik und Philosophie mit dem Beginn der industriellen Revolution faktisch getreten. Es war ein Streit um die Deutungshoheit im gesellschaftlichen Raum, den die Philosophie ab Mitte des 19. Jahrhunderts nur verlieren konnte. Der Rückgriff auf G.Vicos Gedanken erfolgte gegen Ende des Jahrhunderts, als Philosophie und Geschichtswissenschaft gegen den bloßen Positivismus der ‘Natur’- und Ingenieurswissenschaften neu zu behaupten suchten.

Eine positive Bestimmung hat dann wohl zuerst Wilhelm Dilthey (1833-1911) unternommen. Während der Mensch im ersten Fall ‘die Natur außer ihm’ untersucht, betrachtet er in den “Geistes”-Wissenschaften ’sich selbst und seine Werke’. Gilt es bei jenen, die Dinge aus ihren Ursachen zu erklären, suchen diese, die Taten den Menschen aus ihren Motiven zu verstehen. Die Methode hier ist rationale Rekonstruktion, dort intuitive Einfühlung.

Das ist früh als unbefriedigend empfunden worden. Plausibel und für die Konversation tauglich ist es wohl, aber sobald man sich den wissenschaftlichen Grenzfällen nähert – für die die Unterscheidung ja taugen soll, nicht aber für die unstrittigen Fälle! -, lässt sie sich nicht konsequent durchführen. Generell schon darum nicht, weil seit Kant (von dem auch Dilthey ausging) auch in den Naturwissenschaften das menschliche Apriori – die ‘Kategorien’ und die ‘transzendentalen Anschauungsformen’ Raum und Zeit – immer schon mit enthalten ist. Und im Besondern wird es deutlich bei der immanenten Methodenreflexion der Naturwissenschaften: Beschäftigt sich Wissenschaftslogik mit der Natur außer uns oder mit uns selbst und unsern Werken?! Gänzlich verwirrend wird es beim Prüfstein der Naturwissenschaftlichkeit selber: der Mathematik – und da verstrickte uns diese Unterscheidung unversehens tief in die Metaphysik, und die Katze bisse sich in den Schwanz.

Wilhelm Windelband (1848-1915) sah es als irreführend an, die beiden großen Wissenszweige nach ihren Gegenständen unterscheiden zu wollen: Es stecken viel zu viele Prämissen da schon drin! Zweckmäßiger sei es, zunächst ihre Verfahrensweise und eo ipso ihre Erkenntnisabsichten zu unterscheiden: Die ‘Gegenstände’ werden sich finden…

Es gibt Wissenszweige, die in der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen nach durchgehenden Regelmäßigkeiten suchen, und wenn sie sie finden, stellen sie sie womöglich in mathematischen Formeln dar. Diese nennen sie ‘Naturgesetze’. Wissen- schaften, die sich um die Formulierung von

Gesetzen bemühen, nennt er ‘nomothetisch’ (von gr. nómos= Gesetz, und thésis=Setzung). Es gibt andere Wissenszweige, in denen es um die möglichst vollständige Beschreibung einer einzelnen Gegebenheit geht (die notabene zu diesem Zweck als eine ‘Einheit’ alias ‘Ganzes’ gedacht werden muss). Diese Wissenschaften nennt er ‘idiographisch’ (von gr. ídion= dieses-Eine, und gráphê=Zeichnung).

Man solle daher nicht sagen: Die Geschichtswissenschaft (Gesellschafts-, Literatur-, Sprachwissenschaft…) “ist” idiographisch, “weil” ihr Gegenstand nichts anderes zulässt und man sich bescheiden muss, immer nur ein historisch eingrenzbares Einzelnes nach allen seinen Seiten auszuleuchten. Man kann auch immer auf diesen Feldern quer durch die Geschichte hindurch nach ‘Gesetzmäßigkeiten’ suchen. Freilich wird man ihr Vorhandensein nun nicht mehr arglos voraus setzen können. Und hat man faktische Regelmäßigkeit (=Wahrscheinlichkeiten) wirklich aufgefunden, wird man immer noch begreiflich machen müssen, was daran notwendig gewesen sein mag

Im übrigen ist es nicht das Fehlen einer gesetzgeberischen Prätention, die die idiographische Disziplinen weniger exakt macht als ihre ‘naur’wissenschaftliche Schwestern; das macht sie im Gegenteil weniger spekulativ. Sondern dass sie ihre theoretischen Vermutungen nicht an überprüfbaren Experimenten öffenbtlich bewahrheiten kann. Das Gedankenexperiment muss ihnen den Laborversuch ersetzen, und das ist weniger exakt als die Versuchsanordnung; denn Denkfehler sind ansteckend.

Kurz gesagt: Im Unterscheid zu Diltheys dogmatischer Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften ist Windelbands Unterscheidung von nomothetischen und idiographischen Disziplinen eine heuristische und daher kritische Bestimmung.

Und eins ist klar: Was die letzten Endes alles entscheidende Frage angeht, was der Mensch in der Welt sollda bringen sie uns, wie wissenschaftlich auch immer, nicht einen Fuß breit weiter als ihre naturwissenschaftlichen großen Brüder. Denn was der Mensch in seiner Geschichte schon so alles gemacht hat, das “beweist” lediglich, welche Möglichkeiten er wirklich hatte, denn er hat sie ja ergriffen. Welche andern Möglichkeiten er vielleicht auchnoch gehabt hätte, aber eben nur nicht ergriffen hat, darüber sagt es nichts. Und noch weniger, ob er es gesollt hätte. Noch darüber, welche Möglichkeiten er heute und morgen hat und haben wird, und was er daraus machen soll.

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