Welttag der Philosophie.

aus Neue Zürcher Zeitung, 18. 11. 2010

Die Erziehung des Menschengeschlechts

Heute hat die Philosophie ihren Welttag

Uwe Justus Wenzel · Die Unesco ist die diensthabende Agentur zur Erziehung des Menschengeschlechts. Eines der Erziehungsmittel der United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization ist die Einrichtung sogenannter Welttage, wie sie auch andere Sonderorganisationen der Vereinten Nationen und die Uno selbst ausrufen. Erzogen wird an solchen Tagen auf dem Wege der Bewusstseinserweiterung. Erweitert oder geschärft wird nicht zuletzt, sondern zuerst das Problembewusstsein; am Tag der Muttersprache (21. Februar) nicht anders als an den Tagen des Buches (23. April), der Pressefreiheit (3. Mai), der kulturellen Entwicklung (21. Mai), der Bildung (8. September) oder der Toleranz (16. November). Es ist schwer zu sagen, ob das entsprechende Problembewusstsein durch die zyklische Wiederkehr der Tage seiner Erweiterung im Laufe der Jahre tatsächlich zunimmt. Denn es könnte sein, dass es sich in der Zeit nach den jeweiligen Erweiterungstagen stets wieder verengt und also abnimmt, so dass es im Ergebnis des Jahreskreislaufs auf der Stelle getreten ist. Mit dem Problembewusstsein stagnierte dann auch die Weltgeschichte, die heutzutage – in geringfügiger Abwandlung eines Wortes von Hegel – kaum noch etwas anderes als der Fortschritt im Bewusstsein der Probleme sein kann.

So führen Welttage geradewegs in philosophische Fragen – weswegen es gelegen kommt, dass am heutigen dritten Donnerstag des Monats November ein weiterer Welttag wiederkehrt, nämlich der der Philosophie. Dieser Feiertag des freien Geistes wird von der Unesco seit 2002 begangen, seit 2005 geniesst er den Status eines offiziellen Welttages. Die diesbezügliche Resolution (mit dem Aktenzeichen 33 C / 37) erinnert – recht und billig – daran, dass Philosophie «kritisches und unabhängiges Denken» ermutige sowie «Toleranz und Frieden» zu befördern vermöge. Das Schriftstück hält aber, wenig später, auch fest, «that the proclamation of a world philosophy day will not have any additional financial implication for the regular budget of Unesco 2006-2007».

Die in einer Epoche schrumpfender Haushalte zeitgemässe und nicht völlig falsche Beteuerung, Philosophie sei nicht teuer, lenkt auf fast schon listige Weise davon ab, dass nicht etwelche «finanziellen Implikationen» den Sprengstoff des Welttages der Philosophie bilden, sondern die Implikationen der Freigeisterei. Nicht alle Regierungen der 193 Mitgliedstaaten der Unesco dürften es begrüssen, wenn «kritisches und unabhängiges Denken» kultiviert wird. Und doch haben in den letzten Jahren immer wieder die zentralen und offiziellen Grossveranstaltungen des Philosophie-Welttages an Orten stattgefunden, die der Nachrichtenkonsument nicht ausschliesslich mit geistiger Freiheit assoziiert. Noch erstaunlicher mag erscheinen, dass die jeweiligen Regierungen sich zuvor darum beworben haben, den Austragungsort für die Feier des freien Geistes stellen zu dürfen. Doch mit der Philosophie verhält es sich offenbar ähnlich wie mit den Menschenrechten: Sie steht in der Rhetorik der internationalen Verständigungsverhältnisse hoch im Kurs. Ihr Prestige ist so gross, ihr Charme so unwiderstehlich, dass auch Machthaber sich gerne in ihrer Begleitung ablichten lassen. Mitunter muss ein solcher Machthaber aber eben auch dann noch beim internationalen Fotoshooting lächeln, wenn seine bei der Unesco entliehene Begleiterin ihm die eine oder andere unangenehme Wahrheit ins Gesicht sagt.

Gleichwohl: Wird die Philosophie nicht doch kompromittiert, wenn sie – und sei es nur zeitweilig und gewieft diplomatisch – Kompromisse mit Heuchlern schliesst? Andererseits: Wenn Geschichte nur mehr ein Fortschritt im Bewusstsein der Probleme sein kann und nicht – nicht so leicht – mehr ein Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit (wie Hegel noch glaubte), dann hat der Weltgeist mit den Welttagen der Philosophie zu Recht an Orten Station gemacht, die in einem weiten, wenn auch nicht alle im gleichen Sinne als Problembezirke gelten dürfen: Rabat (2006), Istanbul (2007), Palermo (2008), Moskau (2009).

Und was ist mit Teheran, das für dieses Jahr den Zuschlag für den Hauptkongress erhalten hatte? Nachdem die Machthabenden in Iran und ihre intellektuellen Komplizen allzu dreiste Spielchen getrieben hatten, zog die Unesco sich als Schirmherrin und die entliehene Welttagsphilosophie in vorletzter Minute zurück (NZZ 12. 11. 10). Auch das hat sein Gutes, auch das ist – in einem wiederum weiteren Sinne – Erziehung. Der Welttag wird dergestalt zu einem Gerichtstag dramatisiert; Hegels Rede von der Weltgeschichte als Weltgericht hallt nach. Und die Philosophie, die gerne tolerant und besonnen ist und, wo nötig, auch diplomatisch, demonstriert, dass sie als Medium der Verständigung zwischen den Kulturen nicht bis zur Selbstverleugnung neutral sein will.

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~ von Panther Ray - November 18, 2010.

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