Der Semmelweis-Effekt.

aus Neue Zürcher Zeiting, 18. 11. 2010

Zank und Dünkel in den

Wissenschaften

upj. · Das menschliche Erkennen hat, so möchte man doch gerne glauben, seit dem 17. Jahrhundert einen unendlich grossen und sicheren Schritt vorwärts gemacht: Es entstand die moderne Naturwissenschaft. Wahrheiten können nun sachlich erkannt werden, die Objektivität ist unter Laborbedingungen gesichert, und Leibniz war sogar der Meinung, dass in Zukunft der Streit zwischen zwei unterschiedlichen Meinungen durch eine einfache Rechenoperation entschieden werden könne. Doch man hatte eines vergessen: Die Antriebskräfte der Wissenschafter selbst sind alles andere als rein, lauter und klar. Fast allen akademischen Kontroversen wohnt ein gerüttelt Mass an Eitelkeit, Zank und Dünkel inne. Platzhirsche sehen durch eine neue These ihr Revier bedroht und sabotieren aktiv den Neuling. Ein schönes Beispiel ist Ignaz Semmelweis, der das Kindbettfieber auf die mangelnde Hygiene der Ärzte zurückführte und dafür auch klare und evidente Laborbeweise hatte: Semmelweis‘ Karriere wurde von den etablieren Ärzten boykottiert, seine Habilitation abgelehnt; er wurde schikaniert, erkrankte und wurde schliesslich in die psychiatrische Klinik Döbling bei Wien abgeschoben, wo er verstarb. Heute gilt er als Entdecker der Ursachen des Kindbettfiebers. Und mit seinem Namen ist auch ein neuer Begriff verbunden. Als «Semmelweis-Reflex» wird bezeichnet, was weiterhin fröhliche akademische Usanz ist: dass das wissenschaftliche Establishment einen innovativen Kopf zunächst für seine Thesen bestraft. Heinrich Zankl, emeritierter Professor für Humangenetik, hat die hehre Wissenschaft für einmal aus der Perspektive ihrer Feindschaften und Streitigkeiten ausgeleuchtet. Viel kommt da zusammen. Das Revier der Platzhirsche ist gross, nicht nur in den Naturwissenschaften.

Heinrich Zankl: Kampfhähne der Wissenschaft. Kontroversen und Feindschaften. Verlag Wiley-VCH, Weinheim 2010. 290 S., Fr.

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~ von Panther Ray - November 18, 2010.

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