Und aus dem Osten die Finsternis.

aus Neue Zürcher Zeitung, 17. 11. 2010

Kamen die ersten europäischen Bauern aus dem Nahen Osten?

Genetische Analyse von Skeletten spricht für einen Import der Landwirtschaft durch wandernde Bevölkerungsgruppen

Genanalysen von 7000 Jahre alten Skeletten aus Deutschland belegen Verbindungen zu heute lebenden Populationen im Nahen Osten. Das scheint für die Hypothese zu sprechen, dass die Landwirtschaft durch Einwanderung nach Europa kam.

Von Geneviève Lüscher

Der Streit ist alt und wird auch mit der neuen Studie einer Gruppe von Genetikern unter Wolfgang Haak von der Adelaide-Universität in Australien nicht beigelegt werden können. Es geht um einen der wichtigsten Schritte in der Menschheitsentwicklung, den Wechsel vom Wildbeutertum zu Ackerbau und Viehzucht, die sogenannte neolithische Revolution. Dieser Wandel vom nomadisierenden Jagen und Sammeln zur sesshaften bäuerlichen Lebensweise hat die Menschheit fundamental beeinflusst.

<spanAusgangspunkt der neolithischen Revolution ist unbestritten der Nahe Osten, wo sich vor etwa 11 000 Jahren erste Änderungen in der Lebensweise bemerkbar machten. Es stehen sich zwei Hypothesen gegenüber, wie sich dieser Wandel nach Europa ausgebreitet hat. Die eine geht von einer Akkulturation durch Ideentransfer aus, das heisst, die neuen Ideen wanderten, während die Menschen blieben, wo sie waren; die andere nimmt wandernde Bevölkerungsgruppen an, die sich mit den indigenen Wildbeutern Europas vermischten.

Wolfgang Haak und seine Kollegen haben nun Indizien für die zweite Hypothese gefunden.¹ In einer Studie präsentieren sie Genproben einer Bestattungsgemeinschaft aus Derenburg im Harz. Die frühneolithischen Bauern lebten vor rund 7000 Jahren und waren Vertreter der ältesten jungsteinzeitlichen Kultur, die in Europa von Ungarn bis nach Frankreich verbreitet war. Von den 43 Individuen in Derenburg konnten die Knochen von 22 für eine genetische Analyse verwendet werden. Weitere Neolithiker derselben Kultur aus ganz Europa wurden ebenfalls in die Studie einbezogen, was die Zahl der Individuen auf 42 erhöhte. In einem nächsten Schritt verglichen die Wissenschafter bestimmte mitochondriale Haplotypen dieser Population mit denen von 55 modernen Menschengruppen aus 36 Regionen Europas und Eurasiens.

Die Forscher konnten nachweisen, dass das genetische Profil der frühneolithischen Bauern aus Derenburg grosse Ähnlichkeit mit heute lebenden Populationen im Nahen Osten – in der heutigen Türkei, in Syrien und im Irak – aufweist. Das könne nur dahingehend interpretiert werden, dass zumindest in diesem Fall die prähistorischen Bauern nach Mitteleuropa eingewandert seien, schreiben die Forscher in ihrer Publikation. Die genetischen Signaturen lieferten auch Hinweise auf die Route der Einwanderung. Diese verlaufe über Anatolien, Südosteuropa und das Karpatenbecken nach Mitteleuropa.

Noch nicht von dieser Hypothese überzeugt sind Vertreter der Akkulturation. Für Werner E. Stöckli von der Universität Bern, Archäologe und Spezialist für das Neolithikum, sind die Daten von 42 Individuen eine schmale Basis für derart weitreichende Interpretationen. Das grösste Problem sieht er aber in der Tatsache, dass es «die» Neolithisierung archäologisch nicht gibt. Der Wechsel zur Landwirtschaft sei gemäss Bodenfunden weder im Nahen Osten noch in Europa in einem Schub erfolgt, sondern gestaltete sich als mehrtausendjähriger Prozess. Die Neuerungen aus dem Nahen Osten erreichten Europa in Wellen: zuerst das Getreide, später die ersten Haustiere, dann die Keramik. Dieses Nacheinander spricht seiner Meinung nach eher für eine ständige Akkulturation. Zudem dürfe nicht vergessen werden, dass bereits vor dem Neolithikum bestimmte Formen von Steingeräten durch Ideentransfer nach Europa gelangt waren und dass auch die bahnbrechenden nachneolithischen Neuerungen wie die Verarbeitung von Kupfer, Bronze und Eisen den gleichen Ursprung hatten. Jedes Mal eine Völkerwanderung zu postulieren, sei für ihn kaum vorstellbar.

Die Forscher um Haak sind sich der Vorläufigkeit ihrer Analysen bewusst. Die Auswanderungshypothese müsse durch weitere genetische Untersuchungen frühneolithischer Populationen im Nahen Osten und in Anatolien untermauert werden, schreiben sie.

¹ PLoS Biology, Online-Publikation vom 9. November 2010.

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~ von Panther Ray - November 17, 2010.

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