Ein Weiser der Welterzeugung.

aus Neue Zürcher Zeitung, 16. 11. 2010

Zum Tod von Ernst von Glasersfeld

Uwe Justus Wenzel · Mathematiker, Primatenforscher, Wissenschaftsdidaktiker, Epistemologe, Kybernetiker, Computerlinguist, schliesslich Professor für kognitive Psychologie – und das alles ohne einen akademischen Abschluss: Ernst von Glasersfeld, der am 12. November in seinem Haus in Leverett, Massachusetts, dreiundneunzigjährig gestorben ist, war ein Multitalent.

In einer Zeit der fortwährenden «Wissensexplosion», in der es keine Universalgenies mehr geben kann und in der sie, wenn es sie doch gibt, von Universaldilettanten nicht so leicht zu unterscheiden sind, hat der 1917 als Sohn eines k. u. k. Diplomaten und einer Skirennläuferin in München Geborene, in Meran und in der Schweiz Aufgewachsene, vor den Nazis Geflohene und in den USA schliesslich Angekommene es immerhin geschafft, seine vielfältigen Begabungen, Interessen, Erkenntnisse und Tätigkeiten – wenn man von den zeitweilig ausgeübten Berufen des Skilehrers (in Australien) und des Farmers (in Irland) absieht – unter einen wissenschaftlichen oder auch metawissenschaftlichen Hut zu bringen. Es ist der Hut einer transdisziplinären Denkbewegung, die auf den Markennamen «Konstruktivismus» hört und bis in die Psychotherapie hinein ihre Aussenposten hat (von denen der bekannteste Paul Watzlawick sein dürfte, ein Mitstreiter Ernst von Glasersfelds).

Philosophisch gesehen handelt es sich bei dieser Bewegung um eine Wiedergängerin des Idealismus unter gedanklich wie begrifflich ermässigten Bedingungen; ihre Anhänger sind in der Regel der Überzeugung, dass sie eine von ihnen unabhängige Wirklichkeit nicht erkennen können und dass sie die Welt, in der sie leben, selbst – in Wort und Tat – erzeugen: «konstruieren». Das respektgebietende Adjektiv «radikal», das Ernst von Glasersefeld seinem eigenen Konstruktivismus gewöhnlich beigesellte, mag auf die nur von schwindelfreien Gemütern gehegte Annahme hindeuten, die Wirklichkeit sei «an sich» nicht nur nicht erkennbar, sondern sie existiere ohne ein sie «konstruierendes» Subjekt auch gar nicht. Seine Radikalität könnte der radikale Konstruktivismus aber zudem dadurch beweisen, dass er sich selbst als Konstrukt – als eine Weltsicht unter anderen – zu durchschauen in der Lage wäre.

Für eine gewisse ironische Selbstdistanz spricht eine Bemerkung, die Ernst von Glasersfeld gemacht hat, als er im vergangenen Jahr die Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold in Empfang nehmen durfte: «Für jemanden, der sein Leben lang versucht hat, sich selbst nicht ernst zu nehmen, ist eine solche Auszeichnung ein völlig erschütternder Schock.» – Die Frage, wie er radikaler Konstruktivist habe werden können, hat Glasersfeld mit dem Hinweis darauf beantwortet, dass er mehrsprachig aufgewachsen sei. Wer einsprachig aufwachse, komme nicht so leicht darauf, dass andere und Anderssprachige die Welt in ganz anderen Begriffen und Bildern wahrnähmen. So betrachtet könnte der derzeit besonders in der Kommunikations- und Medientheorie im Schwange befindliche Konstruktivismus auch einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten.

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~ von Panther Ray - November 16, 2010.

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