Out of Asia?

aus FAZ.NET

Vielfältige Primatenfauna in Afrika

Haben im Eozän asiatische Migranten das Bild im Norden des Kontinents geprägt?

Forscher präsentieren ihre Befunde dafür, dass es ohne die Auswanderung unserer Ahnen von Asien nach Afrika die Menschheit schlicht nicht gäbe.

Von Reinhard Wandtner

07. November 2010

In Nordafrika, im Gebiet des heutigen Libyen, gab es während des Eozäns vor 39 Millionen Jahren eine erstaunlich vielfältige Primatenfauna. Zu ihr gehörten verschiedene Vertreter der Anthropoiden, jener zoologischen Gruppe, zu der die Affen, Menschenaffen und der Mensch zählen. Das berichtet jetzt eine internationale Forschergruppe um den französischen Paläontologen Jean-Jacques Jaeger von der Universität Poitiers. Eine derartige Vielfalt an anthropoiden Primaten in Afrika kommt überraschend, denn es fehlt an fossilen Belegen für Bindeglieder hin zu älteren, noch nicht so weit entwickelten Primaten. Die Forscher halten es daher für recht wahrscheinlich, dass die afrikanische Fauna im Eozän durch Primaten aus Asien bereichert wurde. Der Paläontologe Christopher Beard aus Pittsburgh spitzte die Aussage dahin gehend zu, ohne die erfolgreiche Migration unserer anthropoiden Ahnen von Asien nach Afrika gäbe es die Menschheit schlichtweg nicht.

Für ihre Untersuchungen griffen die Forscher auf Ober- und Unterkieferzähne aus der Fundstelle Dur At-Talah in Die Zähne vom Fundort Dur At-Talah in LibyenZentrallibyen zurück. Anhand der Form und Größe der Backenzähne konnten sie auf vier Arten von Primaten schließen („Nature“, Bd. 467, S. 1095). Es handelte sich um zierliche Tiere mit einem Gewicht von schätzungsweise 120 bis 470 Gramm. Eine dieser Spezies wurde als Halbaffe charakterisiert. Die anderen repräsentieren Anthropoiden, und zwar nicht nur drei verschiedene Arten oder Gattungen, sondern sogar drei zoologische Familien – Afrotarsiden, Parapitheciden und Oligopitheciden.

Keine andere Fossilfundstelle aus dieser Epoche Afrikas spiegelt eine derartige Vielfalt. Überhaupt sind Funde früher Anthropoiden selten, und entsprechend dürftig ist das Wissen über ihre Entwicklungsgeschichte. Als ältester Vertreter wird gelegentlich Altiatlasius angeführt, ein 60 Millionen Jahre alter Fund aus Marokko. Unstrittig zu den Anthropoiden gehören drei in Algerien entdeckte Biretia-Arten. Sie haben vor etwa 40 Millionen Jahren existiert – also im mittleren Eozän wie die libyschen Spezies. Wesentlich reichhaltiger, aber mit 33 bis 35 Millionen Jahren auch deutlich jünger ist dagegen die berühmte Primatenfauna aus Fayum (Ägypten). Sie hat stark zu der Ansicht beigetragen, Afrika sei die Wiege der Anthropoiden.

Als auch in Asien etliche Hinweise auf urtümliche Anthropoiden auftauchten, erschien manchen Paläontologen der Standort der Wiege nicht mehr gar so eindeutig zu sein. Gleichwohl wäre es voreilig, die jetzt beschriebenen Funde schon als einen Beleg für einen asiatischen Ursprung zu werten, meint der Paläontologe Ottmar Kullmer vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt am Main. Vermutlich habe es mehrmals sowohl Ein- als auch Auswanderungen von Anthropoiden gegeben. Überhaupt mahnt Kullmer dazu, Funde stets als einzelne Momentaufnahmen zu betrachten und Zeiträume sowie Umwelteinflüsse nicht zu unterschätzen. Leicht entstehe ein verzerrtes Bild, wenn beim Vergleich fossiler Faunen nicht geklärt sei, ob die Tiere zum Beispiel mitten im Urwald oder aber in der Savanne lebten. So kann man getrost prophezeien, dass sich noch viele Paläontologen über den Ursprung und die Evolution der Anthropoiden den Kopf zermartern werden.

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aus: Neue Zürcher Zeitung, 3. 11. 2010

Höhere Primaten – out of Asia?

Neue Fossilien deuten auf asiatischen Ursprung hin

Sibylle Wehner-v. Segesser · Wo und wann entstanden die höheren Primaten, die als Anthropoiden bezeichnete Gruppe, die neben Menschen, Menschenaffen und Affen auch deren ausgestorbene Verwandte einschliesst? Bis vor kurzem galt es als wahrscheinlich, dass sie sich in Afrika entwickelten, stammten doch die ältesten Anthropoiden-Fossilien von dort. Doch als in den letzten Jahren auch in Asien Anthropoiden vergleichbaren oder noch höheren Alters entdeckt wurden, musste die Frage nach der geografischen Wiege höherer Primaten neu aufgerollt werden.

Einen Beitrag zu ihrer Klärung liefern neue Funde aus Dur At-Talah im Zentrum Libyens, die ein internationales Paläontologenteam nun vorgestellt hat.¹ Zwar handelt es sich bei den Funden «nur» um rund zwei Dutzend isolierter Zähne aus etwa 39 Millionen Jahre alten Schichten des mittleren Eozäns – und bei ihrem Fundort um Nordafrika. Laut den Autoren erlauben die Zähne aber zwei wichtige Aussagen. Zum einen liessen sie sich drei ganz unterschiedlichen Anthropoidengruppen zuordnen. Deren zeitgleiches Auftreten in demselben Gebiet deute auf einen lange zurückliegenden gemeinsamen Ursprung der Anthropoiden hin. Bis anhin hatte man dagegen anhand nur wenig jüngerer Anthropoidenfossilien aus Algerien und Ägypten einen viel späteren – afrikanischen – Ursprung der höheren Primaten angenommen.

Zum anderen liefert die mutmassliche Körpergrösse der Anthropoiden von Dur At-Talah einen zweiten wichtigen Hinweis. Die Besitzer der Zähne waren offenbar nur 130 bis 470 Gramm schwer. In der Frühphase ihrer Entwicklung seien die höheren Primaten demnach winzig klein gewesen, schreiben die Forscher. Eine Tendenz zu deutlich grösserem Körpervolumen habe sich gemäss Fossilfunden in Afrika erst gegen Ende des Eozäns abgezeichnet.

Zusammen mit bereits bekannten Anthropoidenfossilien deuten die neuen Funde laut den Studienautoren darauf hin, dass die Wurzeln der höheren Primaten nicht in Afrika, sondern in Asien zu suchen sind. Während es für einen afrikanischen Ursprung keinerlei fossile Belege gebe, kenne man aus Indien, China und Südostasien inzwischen mehrere, ebenfalls kleinwüchsige frühe Anthropoiden; darunter einen aus Myanmar (Burma) mit einem Alter von 45 Millionen Jahren.

Aufgrund der heutigen Datenlage zeichnen die Wissenschafter daher folgendes Szenario: Die ersten Anthropoiden entstanden zu Beginn der Erdneuzeit in Asien und kolonisierten dann im mittleren Eozän als kleine unscheinbare Wesen Afrika, einen Kontinent, auf dem sie dann ihre eigentliche Blüte erlebten, sich diversifizierten und sukzessive an Körpergrösse zunahmen.

¹ Nature 467, 1095-1098 (2010).

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~ von Panther Ray - November 8, 2010.

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