Inquisition und Wissenschaft

aus NZZ 17. 10. 2010

Aufschlussreiche Dokumente aus den Archiven des Heiligen Offiziums und des «Verzeichnisses der verbotenen Bücher»

Von Christoph Lüthy

Spätestens seit der Aufklärung waren die römisch-katholische Inquisition und der erst 1965 abgeschaffte «Index», jenes Verzeichnis der verbotenen Bücher, als politische Instrumente der Wahrheitsunterdrückung verschrien, wobei die Verurteilung Galileo Galileis und das Verbot des kopernikanischen Modells als Hauptexempel für die Borniertheit des durch Rom beanspruchten Wissensmonopols angeführt wurden. «Ich sollte wollen», schrieb Voltaire 1770, «dass ihr die folgende Aufschrift über die Türe eures Heiligen Offiziums hängt: ‚Hier haben sieben Kardinäle, unterstützt von ein paar Bettelmönchen, beschlossen, den führenden Denker Italiens im Alter von 70 Jahren ins Gefängnis zu werfen und ihn mit Brot und Wasser fasten zu lassen, nur weil er das menschliche Geschlecht unterweisen wollte – und sie waren Ignoranten.‘«

Die Konfliktthese

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich aus diesem Vorwurf die sogenannte Konfliktthese, welche Theologie und Wissenschaft als ewige Feinde betrachtete. Die beinahe identisch betitelten und in zahlreiche Sprachen übersetzten Werke der Amerikaner William Draper und Andrew Dickson White, die auf Deutsch als «Geschichte der Conflicte zwischen Religion und Wissenschaft» (1875) beziehungsweise «Geschichte der Fehde zwischen Wissenschaft und Theologie in der Christenheit» (1895) erschienen, gehören zu den Gründungsdokumenten dieser Tradition.

Während es uns Heutigen nicht schwerfällt, uns das Konfliktpotenzial, das das Verhältnis von Wissenschaft und Theologie birgt, lebhaft vor Augen zu führen, ist es für den Historiker interessant zu begreifen, wie sich dieser Konflikt überhaupt hat entwickeln können. Denn von der Warte der mittelalterlichen Terminologie aus betrachtet ist die Theologie ja nicht nur selbst eine der Wissenschaften («scientiae»), sondern gar deren Königin – und die einzige, in welcher man einen Doktorhut erwerben konnte (die anderen «höheren» Fakultäten, Medizin und Jurisprudenz, galten nicht als Wissenschaften). Logischerweise kann somit die Fehde eigentlich nur als wissenschaftsinterner Zwist begonnen haben, der im Laufe der Zeit zu einer Spaltung der Wissensmodelle, zu einem kognitiven Schisma, geführt hat.

Vier Bände und 3380 Seiten umfasst ein im vergangenen Mai im Vatikan der Öffentlichkeit vorgestelltes Konvolut aus Aktenstücken, welches den Titel «Katholische Kirche und moderne Wissenschaft» trägt. Die Dokumente sind den Archiven der zwei Kongregationen des Heiligen Offiziums (also der Inquisition) und des «Indexes» (also der Buchzensur) entnommen. Die Wissenschaftshistoriker Ugo Baldini und Leen Spruit haben in jahrelanger Kärrnerarbeit transkribiert und annotiert, was sie dort an relevanten Akten haben finden können. Es ist bloss der Anfang eines immensen Projektes, an dem die beiden Historiker noch Jahre werden arbeiten müssen, denn sie planen, bis zum Ende des 18. Jahrhunderts vorzustossen. Die nun vorgelegten Bände betreffen bloss die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts. Zwar sind nach der Verbrennung der Schriften von Arius im Jahr 325 durch kirchliche Obrigkeiten immer wieder Bücher verboten worden, und auch die Inquisition ist mittelalterlichen Ursprungs, aber die zentrale Römische Inquisition wurde – von Papst Paul III. – erst 1542 ins Leben gerufen, die Kongregation für den Index dann 1571. Es sind nicht die Zensuren der Sorbonne oder der Pariser Bischöfe und auch nicht die spanische oder portugiesische Inquisition, die Baldini und Spruit untersucht haben, sondern bloss die Akten der Römer Zentralinstanzen. Es handelt sich dabei freilich um eine ausserordentliche Dokumentenfülle, die 610 Regal-Meter füllt.

«Wissenschaft»?

Baldini und Spruit haben bei ihrer Suche nach dem Konflikt zwischen Theologie und Wissenschaft jene Überfülle an Akten weggelassen, die sich mit rein theologischen Häresien oder unsittlicher Literatur befassen. Was übrig bleibt, wäre somit die Wissenschaft? Doch genau dies ist es nicht! Was in diesen vier Bänden in minuziöser Arbeit rekonstruiert wird, betrifft kaum das, was seit dem späten 17. Jahrhundert in einigen europäischen Vulgärsprachen als «Wissenschaft» bezeichnet wird und sich erst im 19. Jahrhundert in der heutigen Form gefestigt und institutionalisiert hat. Der Heliozentrismus von Kopernikus ist im 16. Jahrhundert beispielsweise noch nicht aktenkundig geworden. Und Giordano Bruno ist im Jubeljahr 1600 nicht wegen seiner kühnen Kosmologie der unendlichen Welten verbrannt worden, sondern, wie die bereits seit langem bekannten Akten belegen, wegen seiner theologischen Häresien. Auffälligerweise ist es gerade nicht die Astronomie, die den Zorn der Inquisitoren und Zensoren erweckt, sondern vielmehr deren Schwester, die prognostische Astrologie – und zwar bloss dort, wo diese zukünftige Ereignisse als «sicher» voraussagen zu können behauptet. Sonst wird systematisch bloss gegen die schwarze Magie vorgegangen, da sich diese des Teufels oder seiner dämonischen Dienerschaft bediene. Hier sympathisiert der heutige Leser leicht mit der Auffassung der Zensoren. Solche Sympathie wird durch den Umstand gefördert, dass beide Praktiken, die astrologische Prognostik und die schwarze Magie, seit dem 18. Jahrhundert den Pseudowissenschaften zugerechnet werden.

Bei den Prozessen gegen Denker, die sich zur Unverträglichkeit des platonisierenden christlichen Seelenverständnisses mit der an den Universitäten unterrichteten Seelenlehre von Aristoteles äusserten, hört das Sympathisieren aber bereits auf. Denn hier wird kirchenamtlich häufig gegen eine – nachvollziehbare – Textexegese eingeschritten, welche die bisweilen absurde Verquickung von aristotelischen und christlichen Auffassungen in der Scholastik blosslegt. Doch wiederum: Ob man es nun aus heutiger Sicht begreifen, rechtfertigen oder verwerfen will, es wäre anachronistisch, die Unterdrückung einer nichtscholastischen Seelenauffassung als wissenschaftsfeindlich im heutigen Sinne zu betrachten. Hier geht es vielmehr um die Fortsetzung jenes Autoritätsstreits zwischen Theologie und Philosophie, der bereits das Mittelalter charakterisiert hat.

Was daher die im Haupttitel genannte Thematik «Katholische Kirche und moderne Wissenschaft» angeht, so enthalten die vier Bände bloss deren Vorgeschichte – eine für das Begreifen des darauffolgenden Dramas allerdings notwendige. Darüber hinaus bieten sie viel Wertvolles für den Historiker der frühen Neuzeit. Anhand von Tausenden von Aktenstücken können wir den verzweifelten Versuch verfolgen, von Rom aus die Bücherproduktion Europas zu überblicken – ein Unternehmen, das von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist, da das südlichste Zentrum der europäischen Buchproduktion im wenig kooperativen Venedig lag und aus den anderen Zentren – hier müssen vor allem Basel und Frankfurt genannt werden – kaum Bücher nach Rom gelangten.

Die Crème der Intellektuellen

In dieser Hinsicht bestand selbst ein logistischer Teufelskreis: Da einige der frühen Indizes schlichtweg alle in protestantischen Druckorten publizierten Bücher verboten, war es für die römische Zensur beinahe unmöglich, auch nur von deren Existenz zu erfahren. Die Tatsache, dass bei Giordano Brunos Verhaftung 1593 der Inquisition kein einziges seiner in Paris, London, Prag, Wittenberg und Frankfurt publizierten Bücher auch nur als Titel bekannt war, ist symptomatisch für diese Situation. Diese wiederum führte zum Versuch, die örtlichen Bischöfe in die Zensur einzubinden, um die europäische Buchproduktion flächendeckend zu kontrollieren. Doch verfügten die Bischöfe weder über das notwendige Personal, noch waren die Kriterien deutlich, nach denen sie hätten zensieren müssen. Die zahlreichen Anfragen an Bischöfe und an die römische Kongregation selbst belegen zudem, dass italienische Professoren und Mediziner auf gewisse in protestantischen Landen publizierte Werke angewiesen waren – Andreas Vesals berühmte, 1543 in Basel publizierte Anatomie gehörte ebenso dazu wie die in Zürich gedruckten enzyklopädischen Werke Konrad Gessners. Der Weg, der ansatzweise eingeschlagen wurde, bestand im «Korrigieren» derjenigen Druckwerke protestantischer Provenienz, nach denen die grösste Nachfrage bestand.

Abgesehen von den verschiedenen, sehr gehaltvollen historischen Einleitungen sind es die auf 1800 Seiten veröffentlichten Prozess- und Zensurakten zu 86 von den Herausgebern als «Protowissenschafter» identifizierten Figuren, die diesem Werk seinen grossen Wert geben. Hier finden wir die Crème der Intellektuellen des 16. Jahrhunderts versammelt, von Georg Agricola und Aldrovandi über Bodin, Cardano und Della Porta bis zu Leonhard Fuchs, Sebastian Münster, Paracelsus, Kaspar Peucer, Pomponazzi und Telesio.

Catholic Church and Modern Science. Documents from the Historical Archives of the Roman Holy Office and the Index. Sixteenth-Century Documents. Herausgegeben von Ugo Baldini und Leen Spruit. Libreria Editrice Vaticana, Rom 2009. XXIV und 3380 S., € 188.-.

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~ von Panther Ray - Oktober 21, 2010.

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