Mein Gehirn und meine Welt.

aus: Neue Zürcher Zeitung, 19. 10. 2010

Ich und mein Gehirn

upj. · Wer über das Denken nachdenkt, kann sich schnell in eigenartig quälenden Spiralen verlieren. Bin ich mein Gehirn, oder denkt es in mir? So und ähnlich lauten Fragen, die schon die Antike kannte. Das gegenwärtige «Zeitalter der Neurobiologie» ist nun mit viel Selbstbewusstsein darangegangen, diese den Menschen seit Zeiten bedrängenden Fragen ein für alle Mal zu erledigen. Nachdem man die Gene «entschlüsselt» habe, sei es doch ein Leichtes, nun auch noch das Gehirn auf den Nenner zu bringen. Gedächtnis, Intelligenz, Moral, Bewusstsein – das alles «geschieht» im heiligen Gral des Gehirns. Die ebenso kostspieligen wie beeindruckenden Verfahren der neuen Bildtechnologie lassen die sogenannten «Hirnaktivitäten» so sichtbar machen, wie eine Kamera den Flug eines Kormorans verfolgen kann. Und nun. Was haben wir gesehen? Wie «denkt» das Gehirn?

Alva Noë, ein der Kunst zugeneigter Professor für Philosophie im kalifornischen Berkeley, ist skeptisch geblieben. «Nach Jahrzehnten der vereinten Anstrengung von Neurowissenschaftern, Psychologen und Philosophen bleibt zur Frage, wie das Gehirn uns Bewusstsein verleiht, wie es Empfindungen, Gefühle und Subjektivität entstehen lässt, aber nur eines weiterhin gewiss: Wir haben keine Ahnung.» Man habe, so Alva Noë, am falschen Ort nach dem Bewusstsein gesucht. Das Bewusstsein ist nicht etwas, das an einem konkreten Ort – nämlich im Hirn – «ist», sondern das Bewusstsein ist etwas, das wir uns durch Tätigkeit ständig neu schaffen. So wenig, wie eine Depression rein neuronal verstanden werden kann, so wenig kann das Denken auf einen neuronalen Vorgang reduziert werden. Die Hirnforschung ist vollkommen veraltet und verkürzt, weil sie nur den neuronalen Mikrofokus betrachtet, nicht aber den dynamischen Lebensprozess eines Wesens im Austausch mit seiner kulturellen, biologischen und sozialen Umwelt. Wir stecken nicht in unserem Kopf. Wir sind in der Welt zu Hause.

Alva Noë: Du bist nicht dein Gehirn. Eine radikale Philosophie des Bewusstseins. Aus dem Amerikanischen von Christine Wagler. Piper-Verlag, München 2010. 240 S., Fr. 31.90.

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~ von Panther Ray - Oktober 19, 2010.

Eine Antwort to “Mein Gehirn und meine Welt.”

  1. Freut mich, diese Meinung. Das ist gute fichtesche Transzendentalphilosophie.
    Wir haben ein Bewusstsein erst in der Handlung, erst im Vollzug. Man kann grob zwei Realitäten unterscheiden:

    a) Die geistige Realität, die sich bildet und vollzieht durch die Synthesis von formaler Freiheit und vorausgesetzter Grundintention. Das „Vermögen“ des Bewusstseins und Selbstbewusstseins darf hier nicht objektivistisch vorausgesetzt werden. In Bezug auf einen Grundintention entscheidet und formiert sich die formale Freiheit. Es wird Bezug genommen auf einen Wert, der aufleuchtet in der Wahrheit als Wahrheit – „als“ in diesem Sinne, dass Wahrheit selbstbewusst, frei nachgebildet wird – und realisiert wird in einer bestimmten Aussage. Die Realität des Bewusstseins IST im Vollzug einer geistigen Aussage und nicht in messbaren Reizen des Gehirns.

    b) Methodisch anders betrachtet beginnt aber dieser praktisch und theoretische Bezug auf Wahrheit mit der Zeit- und Raumvorstellung durch die Sinneswahrnehmung bereits in jeder sinnlichen Empfindung. Die neuronal, messbaren Reize im Gehirn, die fünf oder sechs Sinnesorgane, die Gefühle im weitesten Sinne, sind nur die Widerspiegelung eines Sich-Bezuges von Bewusstsein. Der Ichbezug in aller Beschreibung von Wahrnehmung ist axiomatisch klar vorauszusetzen, wenn jemals so etwas wie Erkennen, Bewusstsein möglich sein kann. Letztlich ist das Bewusstsein immer Vollzug einer Aufgabe, Realisation eines Freiheitsvollzuges, einer werthaften Intention. Wir sind geistige Wirklichkeit, und weil wir das intentional sind und sein wollen, bedürfen wir auch der sinnlichen Wirklichkeit. Diese geistige Wirklichkeit formiert sich deshalb immer zugleich und ineins mit qualitativen Hemmungen in den Empfindungen. Wenn die geistige Wirklichkeit gehemmt wird, kommen wir, wenn wir transzendental analysieren, zur Bestimmung von Sinnen und ihrer Realität, zur Bestimmung des Gehirns und der ganzen zeitlich-räumlichen Welt. Das ist ein Schluss vom Bewusstsein auf das Gehirn, nicht umgekehrt vom Gehirn auf das Bewusstsein.

    Meine unmaßgebliche Meinung. (frastr)
    Generell möchte ich für die vielen pointenreichen Bemerkungen in den oftmaligen Zusendungen von „Pantha Ray“ danken. Ich lese sie gerne.

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