„Zum Sinn verdammt“

aus: Neue Zürcher Zeitung, 16. 9. 2010

Das Verstehen verstehen

Zwei Studien zur Hermeneutik und zur «Posthermeneutik»

Von Jochen Hörisch

Menschen sind Wesen, denen es versagt ist, nicht zu verstehen. Denn Menschen sind nach einem emphatischen Wort des französischen Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty «zum Sinn verdammt». Noch und gerade dann, wenn sie auf Unverständliches, Sinnloses, Schockierendes stossen, versuchen sie, sich einen Reim darauf zu machen. In den nüchternen Worten des Systemtheoretikers Niklas Luhmann: Sinn ist eine Kategorie, die man nicht negieren kann. Menschen sind in jedem Wortsinne bedeutsame und bedeutende Wesen.

Sein, das verstanden werden kann

Fünfzig Jahre nachdem Hans-Georg Gadamer sein Opus magnum «Wahrheit und Methode» und damit den Klassiker der neueren Hermeneutik vorgelegt hat, erlebt die Diskussion um die Hermeneutik – die Lehre vom Verstehen – eine überraschende und beeindruckende Verdichtung. Der Basler Philosoph Emil Angehrn hat eine Studie vorgelegt, die sachlich wie stilistisch eng an Gadamers und an Merleau-Pontys Überlegungen anknüpft; deren Titel, «Sinn und Nicht-Sinn», entspricht dem einer 1948 erschienenen Aufsatzsammlung von Merleau-Ponty: «Sens et non-sens». Dennoch setzt Angehrn einen klaren neuen Akzent. Jedes «Verstehen des Menschen» (der Untertitel spielt mit dem Doppelsinn des Genitivus subiectivus und obiectivus) stösst, so des Autors Leitthese, auf «eine Lücke im Sein», auf ein «unhintergehbares Sich-Entzogen-Sein, das der Bewegtheit des Lebens, aber auch aller Sinnschöpfung und Verstehensarbeit innewohnt und ihnen ihre Richtung und ihren Antrieb mitgibt». Das klingt anders als der vielzitierte Satz von Gadamer, der auf tiefe Korrespondenzen von Sein und Sinn vertraut und der da lautet: «Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.»

Um anders als Angehrn zuzuspitzen, der sich durch salvatorische Klauseln wie «Es gibt keinen Sinn ohne Nicht-Sinn, keinen Nicht-Sinn ohne Sinn» gelegentlich um schärfere Pointen bringt: Das sprachlose und sprachlos machende Faktum, dass überhaupt zeitlich verfasstes Sein und nicht vielmehr Nichts ist, lässt sich nicht sinnvoll verstehen. Aber eben deshalb sind Menschen Sinn-Sucher, die, wenn sie das Gesuchte nicht finden, es eben erfinden. Und sie tun dies vor allem angesichts von Endlichkeit und Tod. Die Toten schweigen, sie sind totenstill, mit Toten kann man nicht kommunizieren – und also kann man auch nicht verstehen, was es heisst und wie es ist, tot zu sein.

Die Gegenwärtigkeit des Abwesenden

Von verwandten Denkmotiven wird die Untersuchung des Potsdamer Kunst- und Medienphilosophen Dieter Mersch umgetrieben. Sie steht unter dem knappen Titel «Posthermeneutik». (Auch er ist doppeldeutig, wenn man im Sinne höherer Kalauer daran erinnert, dass die Post selbst in Zeiten des Internets nachtragend und nie ganz präsent ist.) Tatsächlich geht es Mersch wie Angehrn um das schlechthin Unverständliche: In der Produktion und Rezeption von Kunstwerken und Theorien machen Menschen die eigentümliche Erfahrung, «dass kein Begriff, kein Zeichen oder Medium seine eigene ‚Ex-sistenz‘ einschliesst, bezeichnet oder mediatisiert». Profan gesprochen: Wer schreibt, malt, Musik hört oder Theorien über das Verstehen vorträgt, nimmt genau die Kulturtechniken in Anspruch, zu denen er auf ästhetische oder reflexive Distanz geht. Verstehen setzt das voraus, was Verstehen erst ermöglicht. Medien machen sich selbst vergessen. Wer diese Zeilen liest, sieht nicht eigentlich schwarze Striche auf hellem Grund, sondern verarbeitet Zeichen, die er für mehr oder weniger sinnvoll hält und die Assoziationen aller Art auslösen.

In eindringlichen Auseinandersetzungen mit der Dekonstruktion Derridas besteht Mersch darauf, dass das Sich-Entziehen, die Absenz und die Unerreichbarkeit von «Letztsinn» (mit Derrida zu sprechen: von «transzendentalen Signifikaten» wie Wahrheit, Gott oder Bedeutung) wirklich statthaben, dass es den Entzug tatsächlich gibt, kurzum: dass Absenz nicht das letzte Wort hat, sondern dass die Abwesenheit gegenwärtig, also präsente Abwesenheit ist. Die Posthermeneutik nimmt dabei Impulse von Wittgenstein auf. In allem Sagen und zumal in allem paradoxen Bemühen, Unsagbares zu sagen, zeigt sich etwas, das sich nicht aussagen lässt, ein präreflexives Sein dies- und jenseits allen Verstehens.

Komplementäre Lektüre

So lassen sich die Studien von Angehrn und Mersch komplementär lesen – als eine Hermeneutik, die sich von den Grenzen des Nicht-Sinns (des Nichts, des Todes) produktiv irritieren lässt, und als eine Posthermeneutik, die in der Tradition Schellings und Heideggers unvordenkliches Sein im «Riss zwischen Sagen und Zeigen» gewahrt. In einem handgreiflichen Sinne unverständlich bleibt allerdings, warum beide Studien – ganz anders als etwa die thematisch einschlägigen Derridas, die sich skrupulös an Texten abarbeiten – auf die Arbeit der Interpretation konkreter Texte und Kunstwerke gänzlich verzichten. Wer eine Hermeneutik des Verdachts nicht scheut, kann beide Abhandlungen auch als Fluchten vor konkreten Werken in die sichere Distanz von allgemeinen Theorien verstehen.

Emil Angehrn: Sinn und Nicht-Sinn – Das Verstehen des Menschen. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2010. 405 S., Fr. 139.-.
Dieter Mersch: Posthermeneutik. Akademie-Verlag, Berlin 2010. 365 S., Fr. 70.90.

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~ von Panther Ray - September 16, 2010.

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