Macht Krankheit dumm?

25. Juli 2010, NZZ am Sonntag

Erreger senken Intelligenz

In manchen Ländern ist der IQ tiefer als in anderen. Schuld sind Infektionskrankheiten, behaupten Forscher.

Von Theres Lüthi

Der IQ ist nicht überall auf der Welt gleich. In manchen Ländern ist er höher als in anderen. Als nächstliegender Grund galt bisher, dass die Bildungschancen weltweit ungleich verteilt sind.

Doch jetzt haben Forscher der University of New Mexiko in den USA eine weitere Erklärung. Sie geben Infektionskrankheiten die Schuld, dass die Menschen in gewissen Weltregionen ihr geistiges Potenzial weniger gut ausschöpfen können als in anderen. Um ihre These zu prüfen, haben die Forscher Daten der Weltgesundheitsorganisation für rund 200 Länder analysiert. Anhand von 28 häufigen Infektionskrankheiten ermittelten sie die «Infektionslast» eines Landes. Diese Werte verglichen sie mit dem IQ der entsprechenden Länder. Dabei zeigte sich eine starke Korrelation: «Je grösser der Krankheitsdruck, umso tiefer der IQ», lautet das Fazit der Studie («Proceedings of the Royal Society»).

Globales IQ-Ranking

Zuunterst im globalen IQ-Ranking, das ein britisch-finnisches Forscherteam vor einigen Jahren erstellt hat, steht Äquatorialguinea, dann folgen St. Lucia, Kamerun, Moçambique und Gabon. In all diesen Ländern ist die Infektionslast hoch. Zuoberst im IQ-Ranking figurieren Singapur, Südkorea, China und Japan, wo die Krankheiten selten sind. Wie die Forscher schreiben, war die Korrelation in praktisch allen Weltregionen zu beobachten.

Als Ursache des Phänomens vermuten sie, dass die Immunabwehr dem Gehirn wichtige Energie raubt. Bei einem Neugeborenen benötigt das Gehirn 87 Prozent des gesamten zur Verfügung stehenden Energiehaushalts. Im Alter von 5 Jahren sind es noch immer 44 Prozent. Im Erwachsenenalter sinkt der Anteil auf 27 Prozent. Sind kleine Kinder Infektionserregern ausgesetzt, steht ihnen entsprechend weniger Energie für die Hirnentwicklung zur Verfügung, so die Überlegung.

«Wir behaupten nicht, dass die globalen Unterschiede im IQ einzig durch Parasiten verursacht werden», sagt Christopher Eppig, einer der Autoren. In den statistischen Analysen vermochten die Infektionserreger die IQ-Unterschiede aber besser zu erklären als Faktoren wie Bildung, Einkommen oder Klima.

Tatsächlich ist schon früher auf eine Verknüpfung zwischen Infektionen und kognitiven Fähigkeiten hingewiesen worden. So fand eine brasilianische Studie, dass Kinder, die mit Hakenwurm infiziert waren, bei kognitiven Tests schlechter abschnitten als ihre nichtinfizierten Altersgenossen. Der Zusammenhang zwischen Infektionskrankheiten und IQ könnte auch ein anderes Rätsel lösen: den «Flynn-Effekt». Dieser beschreibt das Phänomen, wonach der IQ kein stabiler Wert ist, sondern um durchschnittlich 0,3 Punkte pro Jahr ansteigt. Eine heute 30-jährige Person erzielt demnach fast 20 IQ-Punkte mehr, als ihre Grosseltern vor 60 Jahren geschafft hätten.

Gesundheit lohnt sich

«Wir erwarten, dass mit abnehmendem Krankheitsdruck in einem Land der IQ ansteigen wird», sagt Eppig. Ob die Dinge allerdings so einfach liegen, darf bezweifelt werden. Schliesslich lassen sich Faktoren wie Gesundheit, Bildung und IQ nur schwer auseinanderhalten. Infektionskrankheiten korrelieren auch mit den Gesundheitsausgaben eines Landes. Und ein Land, das sich um die Gesundheit seiner Bürger kümmert, dürfte auch die Bildung grossschreiben, was sich wiederum auf die Lernkultur und IQ-Tests auswirkt. So oder so macht die Studie aber eines deutlich: Investitionen in die Gesundheit lohnen sich allemal.

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~ von Panther Ray - August 8, 2010.

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