Am Ursprung des Sozialen.

aus: NZZ am Sonntag, 18. Juli 2010

Wenn Raben Trost spenden

Auch Tiere zeigen echtes Mitgefühl. Es fördert die Harmonie in einer Gruppe und sichert das Überleben .

Von Katharina Kramer

Sobald der Biologe Thomas Bugnyar von der Universität Wien die Raben-Voliere im Wildpark Grünau bei Salzburg betritt, wartet er nur darauf, dass die Federn fliegen. Wie jüngst, als die Rabendame Colombo krächzend hinter der Artgenossin Xara herfliegt, auf sie los springt und sie mit dem Schnabel piesackt. Verschreckt zieht die Verliererin des Duells sich in eine dunkle Ecke zurück. Jetzt kommt für Bugnyar der entscheidende Moment: Wie reagieren die anderen Raben? Lassen sie Xara einfach sitzen oder zeigen sie so etwas wie Mitgefühl? Nach wenigen Minuten fliegt Thea herbei, Xaras beste Gefährtin, die oft mit ihr zusammensitzt und Futter teilt. Behutsam nähert sie sich und krault mit dem Schnabel ganz sanft Xaras Nacken. Die Liebkoste entspannt sich, legt den Kopf nach hinten und schliesst die Augen.

Selbsterkenntnis als Basis

Zwei Jahre lang beobachtete Bugnyar, wie Raben nach einem Kampf mit dem Besiegten umgehen. Immer wieder sah er, dass sich dritte, am Streit unbeteiligte Tiere um die Unterlegenen kümmerten. Das Phänomen tröstender Tiere hat in den letzten Jahren immer mehr Forscher in Bann gezogen. Sie wollen wissen: Welche Spezies zeigen dieses Verhalten und welchen Zwecken dient es? Ist tatsächlich Mitgefühl im Spiel und was verraten tröstende Tiere über die Evolution der Empathie beim Menschen?

Bisher haben Forscher das rührend anmutende Verhalten vor allem bei den kognitiven Überfliegern des Tierreichs ausgemacht: bei Rabenvögeln und Primaten – genauer gesagt ausser bei Raben noch bei Saatkrähen, Schimpansen, Bonobos und Gorillas. Auch Wölfe, Hunde und Bärenmakaken spenden Trost, obwohl diese nicht für ausserordentliche Intelligenz bekannt sind. Wie Raben leisten auch die anderen Spezies zärtlichen Beistand: Affen umarmen den Verlierer, küssen und lausen ihn; Bonobos heitern ihre Artgenossen schon mal mit einer Runde Sex auf. Saatkrähen reiben ihren Schnabel an dem des Verlierers: «Es sieht aus wie Küssen», sagt die Psychologin Amanda Seed von der Universität Cambridge. Wölfe und Hunde legen sich neben den Verlierer, lecken und beschnuppern ihn, animieren zum gemeinsamen Spiel. «Dass ganz unterschiedliche Tierarten ein derart ähnliches Konfliktlösungsmuster zeigen, ist erstaunlich und faszinierend», meint Elisabetta Palagi vom naturgeschichtlichen Museum in Pisa, die fast zwei Jahre lang ein neunköpfiges Wolfsrudel beobachtete. Unter Forschern besteht kein Zweifel: Trösten ist alles andere als banal. Es gilt als eine hohe Form der Empathie. Die Tiere müssen die Niedergeschlagenheit des Verlierers überhaupt spüren. Dann müssen sie willens und fähig sein, diese Emotionen zu lindern. Dazu braucht es Intelligenz, um sich selbst als eigenständiges Wesen zu begreifen und den anderen als ein vom eigenen Selbst getrenntes Wesen; schliesslich ist das Talent zum Perspektivwechsel nötig, um sich in den anderen hineinzuversetzen.

Diese Qualitäten überprüfen Forscher gemeinhin mit dem Spiegeltest: Erkennen die Tiere ihr eigenes Konterfei, gilt als gesichert, dass sie über die notwendige Selbst- und Fremderkenntnis verfügen. Primaten und Rabenvögel bestehen den Spiegeltest spielend. Auf welche kognitiven Fähigkeiten sich Wölfe, Hunde und Bärenmakaken bei ihrer Hinwendung zum Verlierer stützen, «müssen wir erst noch herausfinden», sagt Palagi.

Weniger Kämpfe

Allen animalischen Trostspendern gemeinsam ist, dass sie in sozial komplexen Gruppen leben. «Für Gruppentiere», sagt Bugnyar, «ist es überlebenswichtig, dass alle Mitglieder miteinander auskommen.» Ein nicht besänftigter Verlierer kann sich bei der nächstbesten Gelegenheit auf den Gewinner stürzen oder das Futter nicht mehr mit ihm teilen. Das Trösten stellt die überlebenswichtige Harmonie wieder her. Dadurch kommt es zu weniger Kämpfen in der Gruppe, ihre Mitglieder verletzen sich seltener und verlieren weniger Energie. Aus diesen Gründen dürfte sich das Verhalten im Verlauf der Evolution durchgesetzt haben: Mitglieder von Gruppen, in denen getröstet wurde, hatten eine grössere Chance, ihre Gene weiterzugeben.

Doch wer spendet den so wichtigen Trost? Erstaunlicherweise spielt die Verwandtschaft selten eine Rolle. Meistens ist der Tröster der beste Gefährte des Verlierers. Derjenige, mit dem der Verlierer am meisten Zeit verbringt, besonders oft das Futter teilt oder gegenseitige Körperpflege betreibt. So greift bei den monogam lebenden Saatkrähen stets der Le- benspartner besänftigend ein und bei den promiskuösen Bonobos in der Regel der häufigste Partner für die Körperpflege. Deshalb gilt für das Trostverhalten die «Freundschafts-Hypothese»: Je besser die Bindung, desto höher die Trost-Wahrscheinlichkeit.

Daraus folgern die meisten Forscher, dass die Tiere nicht Beistand leisten, weil sie sich selbst schützen wollen. Es könnte ja sein, dass sie den Unterlegenen nur beruhigen, damit der seine aufgestaute Aggression nicht an ihnen auslässt. Tatsächlich kommt ein solches Besänftigen des Verlierers vor: etwa in Schimpansengruppen, wo der Haussegen schief hängt und die Mitglieder zur Aggression neigen. Hier wird der Verlierer häufig von jenen aufgemuntert, die er sonst mit Vorliebe vermöbelt. Doch in den meisten Fällen scheint hinter dem tierischen Trost ein echtes Mitgefühl zu stehen, das aus einer engen Bindung erwächst.

Wie wirkungsvoll dieser Beistand ist, fragte sich die Anthropologin Orlaith Fraser. «Trost erfüllt ja vor allem den Zweck, dass der Getröstete hinterher weniger gestresst ist und zum Alltag übergehen kann.» Im Schimpansen-Gehege des nordenglischen Chester-Zoo prüfte sie, ob jene Tiere, die Zuwendung erhalten, auch weniger Stress-Symptome zeigen. Unterlegene, die eine Schulter zum Anlehnen hatten, lausten und kratzten sich tatsächlich seltener als jene, die ihre Niederlage allein verkraften mussten.

Das Mitgefühl des Menschen wurzelt also tief. Schon der gemeinsame Vorfahre von Schimpanse und Mensch vor 5 Millionen Jahren konnte wahrscheinlich den Kummer seiner Artgenossen erspüren und lindern. Nach und nach brachte es der Mensch zum Meister-Tröster: Während Tiere nur ihre besten Gefährten aufrichten, stehen wir auch Wildfremden zur Seite. «Das ist eine ganz neue Qualität des Mitgefühls», meint die Psychologin Amanda Seed, «und evolutionär betrachtet ein enormer Schritt nach vorn.»

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~ von Panther Ray - Juli 18, 2010.

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