Kritik der digitalen Vernunft.

aus: FAZ.NET, 23. Juni 2010


Können wir Maschinen menschliches Denken beibringen? Und wie muss die Künstliche Intelligenz-Forschung ihren Denkstil dafür ändern? Der amerikanische Computerwissenschaftler David Gelernter sprach in Berlin über die Möglichkeit einer Synthese von maschinellem und menschlichem Denken.

Reduziertes Denken: Das war das Verdikt, das die informationstheoretische Intelligenz traf, als sie in den sechziger Jahren mit dem Programm der starken Künstlichen Intelligenz (KI) antrat und die perfekte Simulation menschlichen Denkens durch Maschinen verhieß. Die technisch hochgerüsteten, titanenhaften Utopiewesen eines Marvin Minsky oder Hans Moravec mochten über einschüchternd gesteigerte Kombinationsfähigkeit verfügen, sie blieben in ihrer Weltsicht beschränkte, blutarme Wesen. Was ihnen fehlte, war die hermeneutische Intelligenz, das Sinnverstehen, Takt, Stil, Einbildungskraft, esprit de finesse. Die KI-Forschung, mit immer wieder erneuerten Versprechen angetreten, bekam ihre Grenzen aufgezeigt, bis sie allmählich ihren Anspruch selbst in Frage stellte: Soll man die Menschenähnlichkeit überhaupt zum Maßstab der Künstlichen Intelligenz machen?

Der amerikanische Computerwissenschaftler, Erfinder, Kulturhistoriker und Maler David Gelernter verfolgt den ursprünglichen Gedanken dagegen seit langem unermüdlich weiter: dass sich die Softwareentwicklung die Arbeitsweise des menschlichen Denkens zum Vorbild nehmen soll. Doch es sollen dabei Qualitäten zum Tragen kommen, die man gewöhnlich nicht mit der Arbeit eines Informatikers verbindet: ein Sinn für Ästhetik, ein Denken in Bildern und Assoziationen. Gelernter geht davon aus, dass alle hochbegabten Programmierer darüber verfügen. Er selbst wurde nach eigener Auskunft aus rein praktischen Gründen zum Informatiker, weil er als Künstler nicht ohne die Kontamination mit dem Kommerz hätte leben können. Also begann er zu programmieren, schuf die Möglichkeit parallel prozessierender Rechner, was die Entwicklung des World Wide Webs entscheidend vorantrieb, und blieb bei all dem doch von ästhetischen Vorstellungen angeleitet. In der Berliner Redaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ stellte er am Dienstagabend seine Vision vor, die den alten Traum der menschenähnlichen Intelligenz nicht aufgeben, aber anders auf ihn zugehen will. Eingeladen zu dem Vortrag und anschließender Diskussion hatten die F.A.Z. und die American Academy.


Die Nachtseite des Denkens

Stellt sich die Frage nach künstlicher Intelligenz nicht ohnehin neu angesichts des exponentiellen Wachstums des Internets, das immer mehr Computer und Akteure vernetzt und auf dem Weg zu einer kollektive Superintelligenz zu sein scheint? Sind die Algorithmen und das Wissen, mit dem Amazon, Google oder Facebook unser Verhalten im Netz verfolgen und lenken, nicht Formen künstlicher Intelligenz? Nein, sagt Gelernter, es sind für ihn lediglich Programmiertricks, bei denen kein wirkliches Denken stattfindet. Sein Verständnis von künstlicher Intelligenz setzt auf einem grundlegenden Niveau an. Das ganze Netz kann nur intelligent sein, wenn der einzelne Computer intelligent ist.

Der Weg zur maschinellen Intelligenz muss für ihn mit einer Revision des verengten informationstheoretischen Denkstils beginnen. Die Informatik neigt immer dazu, Denken mit Rechnen und logischem Schlussfolgern gleichzusetzen. Denken erscheint dann als konzentrierter, analytischer Prozess. Auch der Computer zielt auf diese bestimmte Art pragmatischer, lösungsbezogener Intelligenz ab. Gelernter öffnete in Berlin den Blick auf die Breite des geistigen Spektrums, dass sich von Zuständen höchster Konzentration bis zu nachtwandlerischen Bewusstseinsformen schwacher Fokussiertheit, Verträumtheit und Versponnenheit erstreckt. Es ist gerade diese Nachtseite des Denkens, wie sie von Dichtern vielfach beschrieben ist, die Einbildungskraft, Kreativität und Assoziation hervorbringt. Es ist das Denken, das sich bei abgeschwächtem Bewusstsein in der Übergangszone zum Schlaf entfaltet, wenn die Gedanken abschweifen und zu wandern beginnen, indem spontane analogische Verknüpfungen zwischen Dingen entstehen.

Das Entscheidende ist für Gelernter, dass das konzentrierte Denken eben gerade nicht kreativ ist. Schöpferisch sind wir, wenn wir es nicht bewusst darauf anlegen. Bestimmend für das kreative Denken ist auch die emotionale Gestimmtheit des Denkens, die Bindung an das Gefühl: „Erinnerte Gefühle sind der Schlüssel zu neuen, unerwarteten Analogien.“ Kreativität und analoges Denken sind über das Gefühl verknüpft.


Bauhaus-Ansatz für die Computertechnik

Muss die Informatik also romantisiert werden? Kann man der Maschine diese poetische Denkweise beibringen? David Gelernter ist kein Kognitivist. Er glaubt nicht, dass Computern ein Bewusstsein eingepflanzt werden kann oder dass es aus komplexen Informationsprozessen auf rätselhafte Weise hervorgeht. Dafür fehlen der Maschine die körperlichen Rohmaterialien, die physikalischen und chemischen Voraussetzungen. Die Bewusstwerdung der Maschine ist aber auch nicht sein Ziel. Er will der KI nur die ganze Weite des menschlichen Geistes erschließen, neben den logischen und analytischen Fähigkeiten also auch die kreativen und poetischen. Es würde dann reichen, wenn der Computer diese um das Poetische erweiterte Intelligenz simulieren kann.

Es ist eine Art Bauhaus-Ansatz, die Verbindung von Technik und Ästhetik, die Gelernter der Computertechnik empfiehlt. (Es geht ihm auch um Hybride aus alten Medienformen wie Zeitung oder Buch und neuen technischen Anwendungen.) Ist Apple derzeit die praktische Verwirklichung dieser Synthese? Baut es diesen „Bauhaus-Computer“? Ein langes Schweigen auf die Frage, die Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der F.A.Z., ihm stellte. Dann die Antwort: „Nein.“


Erziehung zu intellektueller Passivität

Die KI-Forschung stellt Gelernter mit diesem Anspruch, vorsichtig gesprochen, vor große Herausforderungen. Es ist gerade diese weiche, alltägliche Seite des Denkens, der sie bisher ratlos gegenübersteht: Wie formalisiert man analogisches Denken und unscharfe Begriffe, wie repräsentiert man das allgemeine Wissen, das uns für die Bewältigung des Alltags so selbstverständlich zur Verfügung steht? Die Beziehungen zwischen Emotion und Kognition sind der KI nicht weniger rätselhaft. Am Ende steht auch der visionäre Ausblick vor der einfachen informationstechnischen Frage, wie sich dieses kreative, schweifende Denken operationalisieren und in klare Handlungsanweisungen, Befehlsketten, Algorithmen übersetzen lässt.


Die Lücke lässt sich nicht schließen, sagt Gelernter, aber sie kann bis zur Unkenntlichkeit verschwinden. Sobald man das menschliche Denken in seiner umfassenden Form verstehe, habe man die Richtschnur zur Konstruktion simulierten oder künstlichen Denkens an der Hand. Die Maschine wird Intelligenz dann so simulieren können, dass sie möglicherweise nicht mehr von der menschlichen zu unterscheiden ist. Aber sie wird immer noch keine innere geistige Welt, keine Erfahrung der Dinge haben. Der Mensch bewohnt seine Gedanken, die Maschine denkt nur dem äußeren Anschein nach.

Es wäre dann fast nur noch eine philosophische Frage, diese beiden Formen des Denkens auseinanderzuhalten. Gelernter geht es aber auch um den praktischen Unterschied: sich nicht von smarter Software das Denken und das Urteil abnehmen zu lassen. Die Erziehung zu intellektueller Passivität durch das Internet, wie sie an amerikanischen Schulen zu beobachten sei, gehöre zu den gefährlichsten Tendenzen. Das Internet, sagt David Gelernter, hat es einfacher gemacht, intellektuelle Oberflächlichkeit zu rechtfertigen.

______________________________________________________________________________________


David Gelernter, geboren 1955, hat mit seinen Forschungen die Grundlagen des World Wide Web geschaffen. Sein Name ist eng mit dem Siegeszug des digitalen Zeitalters verbunden, sein Buch „Mirror Worlds“ (1991) nimmt fast alle Entwicklungen digitaler Kommunikation der letzten zwei Jahrzehnte vorweg. Am 24. Juni 1993 öffnete er ein Päckchen: den Sprengsatz des Una-Bombers Ted Kaczynski, der die Köpfe jener Revolution töten wollte und sich einen der wichtigsten Computerwissenschaftler ausgesucht hatte. Heute ist Gelernter Professor für Computerwissenschaft in Yale.

Advertisements

~ von Panther Ray - Juli 8, 2010.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: