Können Roboter fühlen?

aus: FAZ.NET, 8. 7. 2010

Gibt es eine Rationalität des

Gefühls?


Um menschenähnlich zu werden, müssen Androidenroboter auch das Fühlen lernen. Wie weit kann das gelingen? Auf dem schwierigen Weg zur wahren Empfindung verwischt die Androidenrobotik gerne die Grenze zur Utopie.


Koordinativ nicht unbegabt, aber emotional beschränkt: ein Fußballroboter des Android FC

Zur Menschenähnlichkeit fehlt der Androidenrobotik bisher vor allem das Gefühl. Mag das logisch-syntaktische Denken modellierbar und auf Maschinen übertragbar sein, die menschliche Leistung gar wie beim Schachspiel übertreffen: Wenn Roboter wie Menschen handeln sollen, muss auch das emotional gefärbte Denken eine Rolle spielen.

Am Potsdamer Einstein Forum stellte der Psychologe und Philosoph Wolfgang Gessner jetzt seine Emotionstheorie vor, mit der er das Ziel verfolgt, dem Verhalten von menschenähnlichen Robotern diese emotionale Steuerung zu geben. Das würde bedeuten, dass Androiden ihre jeweilige Situation einschätzen lernen, passende Gefühle aktivieren und eine folgerichtige Handlung einleiten. Würde ein Androide Furcht „empfinden“, könnte er Maßnahmen ergreifen, um der Bedrohung auszuweichen. Gessner stellt sich den Androiden darüber hinaus jedoch als anregenden Kooperationspartner des Menschen vor. Dass Roboter dazu eigene mentale Zustände haben und fremde interpretieren müssten, erscheint ihm nicht als grundsätzliches Problem. Das System, das er entwickelt habe, könne eine solche subjektive Perspektive leisten.

Verborgene Rationalität des Fühlens

Das Hauptproblem der Robotik bleibt die Repräsentation von Alltagssituationen, die Schwierigkeit, ihre künstlichen Intelligenzen einer dynamischen Umwelt anzupassen und das allgemeine Weltwissen, das uns im Alltag selbstverständlich zur Verfügung steht, formal zu beschreiben. Eine Unsumme möglicher Situationen müssten Androiden entziffern können, um ihnen eindeutige Gefühle zuzuordnen. Was wiederum hieße, dass mit jeder Situation ein bestimmtes Gefühl untrennbar verbunden sein müsste. Gessner hat für diese Aufgabe eine formale Sprache entwickelt, die mittels Operatoren Wünsche, Einstellungen, Annahmen oder praktische Schlüsse ausdrücken und maschinell implementieren könne.

Hinter dieser Annahme steht der Glaube an die verborgene Rationalität des Gefühls. Stets wiederholte Gessner seine Grundannahme, dass unser aller Fühlen gleich und auf eine überschaubare Zahl standardisierter Gefühle reduzierbar sei. Man könnte auch sagen: Es muss so einfach sein, um modellierbar zu bleiben. Gessner erstaunte jedoch mit der im Gestus der Unbeirrbarkeit vorgetragenen Behauptung, seine Formalsprache sei in der Komplexität beliebig steigerbar.

Nun wird ein Fakir eine andere Erfahrung von Schmerz haben als ein nicht schmerzgeübter Mensch, im Alter wird man nicht mehr so leicht die Leidenschaften der Jugend empfinden, und eine rote Ampel kann uns unter Zeitdruck in Rage versetzen, zu anderer Zeit eine willkommene Pause bieten. Mit anderen Worten: Es ist ein relativ überschaubares Muster primärer Gefühle und standardisierter Situationen, das die kognitivistische Emotionstheorie anvisiert, das auf die Eingebundenheit des Gefühls in individuelle Lebensgeschichten, seine kulturelle Prägung und Situationsbedingtheit keine Rücksicht nimmt. Für grundlegende Gefühle wie Geborgenheit, Zerrissenheit oder Ehrgefühl, für Äußerungsmodi wie Ironie, Humor oder Sarkasmus, für die Maskeraden des Alltags, die Sublimierung von Emotionen und den verschluckten Ärger hat dieses Modell keinen Ausdruck. Die Illusion der Gefühlsgleichheit wird über den Schematismus der Sprache erreicht, der unterschiedlichen Erfahrungen das gleiche Wort zuordnet. Zum interpretierenden Sinnverstehen ist es von der logisch-syntaktischen Modellierung ein weiter, wahrscheinlich ungangbarer Weg.

Fühlen heißt Problemlösen

Näher betrachtet, läuft das Modell auf einen Schematismus hinaus, der Androiden in einer festumrissenen Umwelt mit einem begrenzten Inventar von Gefühlen einen gewissen Handlungsspielraum zugesteht. Auch Gessner räumte das in der Diskussion ein und beschränkte seinen Ansatz nun auf die funktionale Außenseite des Gefühls. Der Roboter könne kein inneres Erleben ausbilden, schon weil er ein anderes physisches Substrat habe und ihm Wille und Bewusstsein fehlten. Er könne lediglich funktionale Teilstrukturen simulieren, um Gefühle als schnelle, problemlösende Reaktionsmuster abzurufen. Realistisch ist das Szenario von Androiden, die über schematische Gefühlsrepräsentationen verfügen und in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, etwa im Rechtssystem oder der Krankenpflege, verstärkt zur Geltung kommen werden.

Diese Konzession hielt Gessner nicht davon ab, seine Diagnose in teils unmerklichen Übergängen utopisch zu überformen. Gefühle, Bewusstsein, Wille, Normen erschienen plötzlich wieder wie Bauklötze, die problemlos einem maschinellen System implementierbar sind. Die Androidenrobotik tut sich keinen Gefallen, die ontologischen Differenzen im visionären Ausgriff immer wieder zu verwischen. Die Politik des prolongierten Versprechens mag Forschungsgelder einbringen, ist aber auf Dauer ermüdend, wenn sie dem technischen Stand weit hinterherläuft. Sie macht auch blind für ihre beeindruckenden Formalisierungsleistungen.

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~ von Panther Ray - Juli 8, 2010.

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