Wissenschaftsgläubig.

30. Mai 2010, NZZ am Sonntag

Spur unter Verdacht

Richter setzen die Resultate wissenschaftlicher Untersuchungen gerne mit der Wahrheit gleich. Zu Unrecht: Besonders der Fin

Von Patrick Imhasly

Viele Juristen haben ein falsches Vertrauen in die Wissenschaft», sagt der Zürcher Rechtsanwalt Marcel Bosonnet. «In ihrem Streben nach der Wahrheit verlassen sie sich zu sehr auf die Aussagekraft wissenschaftlicher Methoden.» Mit dieser Haltung ist Bosonnet, der oft als Strafverteidiger vor Gericht auftritt, nicht allein.

Vor einem Jahr hat die amerikanische Akademie der Wissenschaften einen umfangreichen Bericht veröffentlicht, der sich mit der Güte forensischer Methoden auseinandersetzt. Das erstaunliche und für viele Forscher erschreckende Fazit: Ausser bei der Identifizierung von Personen mittels DNA-Analyse ist die Aussagekraft forensischer Verfahren bisher kaum untersucht und belegt worden. Weder die Analyse von Bissspuren noch jene von Haaren haben nach wissenschaftlichen Massstäben bewiesen, dass sie sich für die verlässliche Identifikation von Verdächtigen eignen. Auf der Anklagebank befindet sich auch der Fingerabdruck – und damit ausgerechnet jene Methode, die seit mehr als 100 Jahren von Kriminalisten weltweit routinemässig eingesetzt wird und für viele bis heute als unfehlbar gilt.

Einmaligkeit nie getestet

Die Identifikation per Fingerabdruck beruht darauf, dass das Muster von Graten und Furchen bei jedem Mensch – sogar bei eineiigen Zwillingen – einzigartig ist. Es entsteht im Fötus während der Schwangerschaft als Ergebnis einer komplexen Mischung zwischen genetischen Faktoren und den Bedingungen im Mutterleib. Niemand bestreitet, dass dieses Muster tatsächlich einmalig ist, getestet wurde diese Annahme aber nie.

Problematischer ist, dass das Prozedere für den Vergleich eines gefundenen Fingerabdrucks mit jenem eines Verdächtigen fehleranfällig ist. Das dafür international gebräuchliche Protokoll namens ACE-V sieht vor, dass eine Spur zuerst analysiert und erst dann verglichen wird. Das soll verhindern, dass ein Untersucher gezielt nach Übereinstimmungen zwischen zwei Fingerabdrücken Ausschau hält. Zumindest in den USA werden aber diese beiden Schritte in der Praxis oft gleichzeitig durchgeführt. Hinzu kommt, dass die vorgeschriebene Überprüfung des Befunds nicht immer durch einen unabhängigen Experten erfolgt, sondern durch den Kollegen im gleichen Büro, der mit dem Fall vertraut ist.

Dass Hintergrundwissen die Ergebnisse beeinflussen kann, wies der britische Psychologe Itiel Dror schon 2006 in einer Studie nach. In 17 Prozent der Fälle beurteilten Untersucher dieselbe Spur je nach Wissensstand anders. Wurde ihnen mitgeteilt, der Verdächtige sei geständig, tendierten sie zu einer Übereinstimmung. Hatte er aber anscheinend ein hieb- und stichfestes Alibi, kamen sie zum gegenteiligen Schluss. Aber nicht nur der Mensch ist ein Unsicherheitsfaktor. Der Fingerabdruck an einem Tatort variiert stark je nach dem, ob er sich auf einer glatten oder rauen Oberfläche befindet; er kann verschmiert oder unvollständig sein. Auch seine Reproduktion – ob mit Tinte oder per Scanner – ist nie perfekt.

«Wenn man mit Fingerabdrücken professionell umgeht, dann sind sie ein sicheres Mittel, um jemanden zu identifizieren», sagt Kurt Zollinger, Leiter Wissenschaft und Technik im Forensischen Institut von Stadt- und Kantonspolizei Zürich. Aber auch er räumt ein, dass erst Studien wie jene von Dror «eine wissenschaftliche Basis dafür schaffen, was wir seit langem – durchaus erfolgreich – praktizieren.»

Die Diskussionen um die Aussagekraft des Fingerabdrucks wurden durch spektakuläre Fehlzuweisungen befeuert. So wurde der Amerikaner Brandon Mayfield nach den Bombenattacken am 11. März 2004 in Madrid festgenommen, weil das FBI seine Fingerabdrücke auf einem Plasticsack mit den Zündkapseln identifiziert hatte. Kurz danach musste die Behörde den Anwalt aus Oregon freilassen; sie hatte bei der Analyse der Fingerabdrücke geschlampt. Und noch immer ist nicht restlos geklärt, warum ein Fingerabdruck bei einem Mord 1997 in Schottland fälschlicherweise der Polizistin Shirley McKie zugeordnet und damit ihre Karriere zerstört wurde. Laut einer Umfrage, die das Wissenschaftsmagazin «New Scientist» kürzlich publiziert hat, glauben inzwischen 75 Prozent der forensischen Wissenschafter in den USA, dass Menschen dort wegen Fehlern bei der Analyse von Fingerabdrücken zu Unrecht im Gefängnis sitzen oder sogar auf ihre Hinrichtung warten.

In der Schweiz ist noch kein Fall bekannt, wo eine fehlerhafte Interpretation eines Fingerabdrucks so gravierende Konsequenzen hatte. Das hat auch damit zu tun, dass sich in unserem Strafrecht Ankläger und Verteidiger vor Gericht weniger kontrovers die Resultate von Untersuchungen um die Ohren schlagen als in den USA. «Weil bei uns der Druck weniger gross ist, kann sich ein Untersucher eher erlauben, auf eine Spur zu verzichten, wenn er unsicher ist», sagt Adrien Cordier, Leiter Kriminaltechnik bei der Kantonspolizei Aargau. Er schätzt, dass bloss 1 bis 5 Prozent aller Fingerabdrücke so kritisch sind, dass sie bei der Auswertung Probleme bereiten.

Juristen müssen mitdenken

«Es ist eine Illusion, zu glauben, dass eine wissenschaftliche Methode zur Identifikation von Personen absolut sicher sein kann. Das gilt selbst für die DNA-Analyse», sagt Christophe Champod, Kriminalwissenschafter an der Universität Lausanne. Allerdings waren bei der DNA-Analyse statistische Verfahren zum Abschätzen von Unsicherheiten etabliert, bevor die Methode in die Praxis kam. Für den Fingerabdruck werden entsprechende Modelle unter anderem in Lausanne erst erforscht. Sie sollen Aussagen darüber erlauben, wie aussagekräftig die Muster in bestimmten Regionen eines Fingers sind und wie häufig Kombinationen von Merkmalen in einer Population auftreten.

Laut Champod ist ein vom britischen Forensic Science Service entwickeltes Verfahren in wenigen Monaten reif für die Anwendung. Künftig wird ein Richter dann vielleicht von einem Experten nicht mehr ein klares Ja oder Nein zu hören bekommen, wenn es darum geht, einen Verdächtigen anhand eines Fingerabdrucks zu identifizieren. Der Befund könnte dann lauten: «Stammt die Spur vom Angeklagten, beträgt die Wahrscheinlichkeit einer Übereinstimmung 95 Prozent, stammt die Spur von einem andern, beträgt sie 1 zu 1 Milliarde.» Die Juristen müssen dann noch stärker als heute mit den Wissenschaftern mitdenken, «statt ihre Expertisen als Wort Gottes zu nehmen», wie Marcel Bosonnet sagt.

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~ von Panther Ray - Mai 30, 2010.

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