Jungbrunnen Hirn.

aus: FAZ.NET

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Die Geister, die wir rufen

Das Gehirn verfügt über erstaunliche Potentiale der Regeneration. Das zeigen jüngste Forschungen, die verblüffend leicht zu verjüngende Nervenzellen ausgemacht haben. Die therapeutischen Hoffnungen sind entsprechend hoch.

Von Joachim Müller-Jung

19. Mai 2010

Welch ein Trugschluss. Und welch ein Glück, wie wir heute wissen. Mit wenigen Weisheiten haben die Wissenschaftler so eklatant daneben gelegen wie mit der lange gehegten Annahme, das Gehirn eines Erwachsenen sei entwicklungsbiologisch am Ende. Schicksal lebenslanges Siechtum. Nach der Geburt gehe es nur noch abwärts, hieß es. Worüber allenfalls gestritten wurde, war die Zahl der täglich dahinsiechenden Nervenzellen. Jetzt erfahren wir quasi im Wochenrhythmus, wie oberflächlich diese Betrachtung des alternden Gehirns in Wirklichkeit war.

Tatsächlich behält das Gehirn ein enormes Erneuerungspotential bis ins höhere Alter – eine Potenz, die sich auch medizinisch als vielversprechend erweisen könnte. Daran glaubt jedenfalls Magdalena Götz, eine der führenden Stammzellforscherinnen im Land. Sie hat am Wochenende auf einem Symposion des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie (EMBL) in Heidelberg neue Ergebnisse ihrer Gruppe an der LMU München vorgestellt, die nur einen Schluss zulassen: In unserem Gehirn, und keineswegs nur in einigen wenigen kleinen Hirnarealen, sitzen viele Zellen, die geradezu darauf warten, verloren gegangene Nervenzellen zu ersetzen. Das Dumme ist: Es passiert nie von alleine – und nicht in dem gewünschten Umfang. Wieso, das bleibt noch zu klären. Doch dass die in der grauen Substanz verstreuten „schlafenden“ Stammzellen grundsätzlich das Zeug zum Edelreservisten im Großhirn haben, scheint nun klar.

Zellen im Schwebezustand

Bei den von Götz erforschten Zellen handelt es sich nicht um eigentliche Nervenzellen, sondern um Astroglia – sternförmige Zellen, denen man lange wie anderen Gliazellen im Großhirn allenfalls schützende und nährende Funktionen zugeschrieben hatte. Viele von ihnen sind offensichtlich aber geradezu darauf programmiert, sich doch nochmal zu teilen und zu Nervenzellen umzuwandeln, falls die entsprechenden Signale eintreffen – Signale, die etwa beim Embryo die Nervenzellgenese forcieren. Die Astroglia befinden sich in einer Art Schwebezustand. Sie sind einerseits ausgewachsene Körperzellen und verharren doch in einem virtuellen embryonalen Stadium mit Reset-Taste.

Unmittelbar nach einer Verletzung ist der Jungbrunnen offenbar besonders leicht zu aktivieren. Das hat Götz‘ Gruppe mit Hilfe des Münchener Epilepsiechirurgen Roland Goldbrunner gezeigt. Astroglias, die man erwachsenen Patienten entnommen und anschließend in der Petrischale getestet hat, konnten schon durch das gentechnische Einschleusen eines einzelnen Reprogrammier-Gens hocheffizient verjüngt und zu Nervenzellen umgewandelt werden.

Ein Transkriptionsfaktor genügt

In der heutigen Ausgabe der Online-Zeitschrift „Plos Biology“ beschreibt Götz zusammen mit Benedikt Berninger und Christophe Heinrich aus ihrem Labor, wie unkompliziert diese Verwandlung im Grunde zu erreichen ist – zumindest in der Petrischale. „Überredet“ man die Zellen gentechnisch zur Produktion eines einzelnen Transkriptionsfaktors, etwa Neurogenen-2, der im embryonalen Gehirn extrem aktiv ist, so werden aus den Astroglias schnurstracks Neurone. Sie bilden den wichtigen Nervenbotenstoff Glutamat. Nimmt man statt dessen als Steuerungselement das Gen Dlx2, so entwickeln sich daraus Nervenzellen, die den hemmenden Nervenbotenstoff Gamma-Aminobuttersäure – Gaba – erzeugen.

Ein Kinderspiel also, die beiden Grundbausteine der neuronalen Netze im Großhirn herzustellen – so scheint es. Zumal Götz und ihre Gruppe auch zeigen konnten, dass die so kreierten Nervenzellen voll funktionsfähige Verbindungen – Synapsen – bilden. Selbst greise Alzheimer-Patienten könnten davon eines Tages profitieren, stellen die Münchener Forscher in ihrem Aufsatz in Aussicht – indem man verlorenes Hirngewebe im Kopf selbst regeneriert. Tatsächlich jedoch sind von der Petrischale bis zur Verjüngungskur im Kopf noch viele technische Hürden zu überwinden, wie Götz in Heidelberg zu verstehen gab. Man tastet sich vor. Und Überraschungen sind, wie man inzwischen hinlänglich weiß, durchaus einzukalkulieren.

Gehirnforschung: Die Geister, die wir rufen

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~ von Panther Ray - Mai 19, 2010.

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