Digitale Hirnprothesen.

aus: FAZ.NET

Was soll nur aus unseren Gehirnen werden?

Das digitale Leben kann vieles erleichtern, aber es fordert einen hohen Preis. Wir meinen, vieles parallel bewältigen und gleichzeitig Mails konzentriert lesen zu können. Die Hirnforschung kommt aber zum gegenteiligen Schluss. Mit Multitasking droht die Verwahrlosung unseres Stirnlappens.

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Von Martin Korte

Überlastete Schaltzentrale des Denkens: die  Vernetzungsfähigkeit  der Nervenzellen ist in der Datenflut einer  ständigen Belastungsprobe  ausgesetztÜberlastete Schaltzentrale des Denkens: die Vernetzungsfähigkeit der Nervenzellen ist in der Datenflut einer ständigen Belastungsprobe ausgesetzt

30. April 2010

Zweifeln hilft beim Lernen, beim Philosophieren, und auch naturwissenschaftlicher Fortschritt wäre ohne ihn kaum denkbar. Darüber hinaus lässt uns diese Geistestätigkeit langsamer altern, da man Entscheidungen bewusster treffen muss, wenn man über den Zweifel den Autopiloten des Handelns und routinierten Denkens verlässt. Bedingt durch den Umstand, dass das Gehirn an seinen Aufgaben wächst und nicht etwa durch eine Schonhaltung gestärkt wird, ist Zweifeln kognitiv lohnend, eine Geistestätigkeit, die uns nicht verlorengehen sollte.

Schon allein unter diesem Gesichtspunkt scheint es gerechtfertigt, unsere Mediennutzung, insbesondere das Internetsurfen, genauer – das heißt: aus neurobiologischer und psychologischer Sicht – unter die Lupe zu nehmen. Ein Hirnforscher verfügt hierbei über eine Perspektive außerhalb der üblichen Diskussion zwischen hysterischer Technikphobie und den Überzeugungen der digital natives, die das Internet längst als Teil ihrer normalen Umwelt akzeptiert haben.

Sichtbare Unterschiede

Was macht das Internet mit unserem Gehirn? Wie bei allen menschlichen Tätigkeiten, die wir intensiv betreiben, verändert sich bei jeder Benutzung das Gehirn, manchmal sogar dauerhaft und oft länger, als wir dies wahrnehmen. Selbst wenn wir eingeübte Tätigkeiten lange nicht mehr ausgeführt haben, behält das Hirn eine strukturelle Erinnerung an diese Aktivitäten. Aber möglicherweise verändert die Internetnutzung weit mehr als nur unsere Gedächtnisspeicher. Das jedenfalls legen Experimente des Neurowissenschaftlers Gary Small von der University of California in Los Angeles nahe. Seine Ausgangsfrage war simpel: Gibt es sichtbare Unterschiede in der Gehirntätigkeit von internetunerfahrenen Probanden gegenüber den Aktivierungsmustern erfahrener Websurfer?

Das war in der Tat der Fall, vor allem in bestimmten Stirnlappengebieten der Großhirnrinde. Aber das war gar nicht der Clou des Experimentes: Small und seine Mitarbeiter ließen die Novizen für lediglich fünf Tage das Internet nach einem vorgegebenen Arbeitsplan benutzen. Diese kurze Zeit reicht offensichtlich aus, um die Aktivitätsmuster von Anfängern den Aktivitätsmustern erfahrener Nutzer anzugleichen. Das Hirngebiet, welches hier Anpassungsprozesse zeigt, trägt den Namen dorso-lateraler präfrontaler Cortex – es liegt im hinteren seitlichen Teil des vorderen Bereichs des Stirnlappens.

Wichtiger noch als seine Lage sind dessen Funktionen: Es wird in Verbindung gebracht mit strategischem Denken, logischen Analysen und dem Treffen von Entscheidungen. Mit anderen Worten: Es handelt sich um eine der Kommandozentralen des menschlichen Gehirns.

Vielsurfen schwächt die Kommandozentrale im Gehirn

Welche Schlüsse kann man aus dem Experiment ziehen? Einerseits ist es erschreckend, wie schnell sich das Gehirn durch neue Tätigkeiten verändern lässt, auf der anderen Seite aber auch beruhigend, denn es zeigt, wie formbar und flexibel dieses vornehme Organ in unserem Kopf ist. Man könnte nun einwenden, dass das Ergebnis trivial ist: Natürlich ändern sich im Gehirn Verarbeitungswege und Aktivitätsmuster, wenn wir etwas lernen und dieses Gelernte abspeichern – wo sollte das Gelernte sonst abgespeichert werden? Bemerkenswert aus meiner Sicht ist jedoch nicht, dass man Veränderungen feststellt, sondern wo sie stattfinden. Die durch den Internetkonsum beeinflussten Areale in der Hirnrinde bestimmen nämlich unsere Art und Weise, Probleme zu lösen, Emotionen zu kontrollieren oder zu erkennen, ebenso wie unsere Konzentration und die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben und langfristige Ziele zu verfolgen.

Untersuchungen haben auch gezeigt, dass der Internetgebrauch unsere analytischen Fähigkeiten und unsere Leistung, mehrere Aufgaben praktisch gleichzeitig auszuführen – Multitasking – ebenso verbessert wie die Geschwindigkeit der Bildverarbeitung im Gehirn. Die schlechte Nachricht dabei ist aber, dass wir Menschen generell schlecht im Multitasking sind. Gemeint ist hier vor allem die Fähigkeit unseres Arbeitsgedächtnisses, parallel Probleme zu bearbeiten, eigene Gedankengänge zu protokollieren oder sich beispielsweise Gegenstände und Zwischensummen bei Kopfrechenaufgaben zu merken. Dieser Teil unserer Gedächtniswerkstatt hat erstaunlich geringe Kapazitäten.

Die Mühen der Informationsabwehr

Ein Teil der Fähigkeit des Arbeitsgedächtnisses, das eng mit dem Stirnlappen kooperiert, betrifft die selektive Aufmerksamkeit. Sie erlaubt es einem, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren und alles andere, was an Sinnesinformationen oder ablenkenden Gedanken einläuft, zu blocken. Wenn wir nur zwei oder gar drei Aufgaben parallel erledigen, nimmt die Leistungsfähigkeit der primären Aufgabe parallel zur kognitiven Last der anderen ab – und zwar unausweichlich. Wer also an etwas arbeitet und ständig durch eintreffende Nachrichten abgelenkt wird oder auch nur auf so etwas Banales wie eine E-Mail wartet – schon der Gedanke an mögliche Eingänge in den digitalen Briefkasten genügt – der arbeitet deutlich weniger effektiv als jemand, der seine Tätigkeiten nacheinander ohne Störung abarbeitet.

Die größte kognitive Bremse besteht für viele von uns heute darin, dass wir auch bei einer Tätigkeit, die wir gerade ausüben, ständig den Gedanken an andere – vor allem digital inszenierte – Tätigkeiten verdrängen müssen. Diese Informationsabwehr frisst große Teile unseres Arbeitsspeichers. Wer sich also auf Multitasking konditioniert, zahlt einen hohen Preis: Die Fehleranfälligkeit seines Denkens und Handels wird sehr groß (schnell ist noch lange nicht korrekt), die Konzentrationsspannen werden verkürzt. Gleichzeitig nimmt der Wunsch nach schneller „Belohnung“ – nach Erfolgserlebnissen – im Gehirn zu, was zur Folge hat, dass wir immer weniger bereit sind, unsere exzessiven Aktivitäten aufzugeben. Die Suchtgefahr steigt. Sollte dieser Befund, der bisher nur an ausgewählten und vergleichsweise kleinen Probandenzahlen ermittelt wurde, sich zu einem flächendeckenden Befund bei der heranwachsenden Generation ausweiten, wird es einem unwohl bei dem Gedanken, wie es um die Fehleranalyse und Präzision künftiger Maschinenbauingenieure und Brückenbauer bestellt ist.

Wer viel weiß, lernt leichter dazu

Man könnte einwenden, dass wir ja alles gar nicht mehr so präzise wissen müssten, da wir alles jederzeit an jedem Ort nachschlagen können. Aber so einfach wird es uns das Gehirn nicht machen. Der Grund liegt in den Verschaltungseigenschaften von Nervenzellen im Gehirn. Treten zwei Ereignisse gleichzeitig auf oder assoziieren wir einen Begriff mit einem anderen, so werden die Kontaktstellen – Synapsen genannt – zwischen den Nervenzellen verändert. Ein solches Netzwerk bezeichnen Hirnforscher als assoziativ; das bedeutet, die Verbindungen von Nervenzellen untereinander sind in ihrer Stärke und damit in der Durchlässigkeit für Signale verstellbar. Eine der wichtigen Eigenschaften dieser assoziativen neuronalen Netze besteht darin, dass neue Informationen immer in bestehende Netzwerke eingebaut werden. Und hierin begründet sich die Macht des Wissens: Wer viel weiß, kann leicht Neues mit altem Wissen in vielfältiger Weise verknüpfen. Wer umgekehrt wenig weiß und Neues lernen soll, muss jedes Mal wieder ganze Netzwerke zusammenschalten.

Es ist daher naiv zu glauben, dass man praktisch auf Knopfdruck bereits Wissen erwirbt und mit diesem Wissen dann auch noch kritisch umgehen kann. Der Informationsüberfluss des Internets fördert zwar das Multitasking, aber nicht unser Wissen – er verhindert es.

Machen die neuen Medien intelligenter? In der Tat taugen sie offenbar dazu, bestimmte Aspekte unserer Intelligenz zu fördern. Unsere Fähigkeit, visuelle Muster zu erkennen und einzuordnen, und unser analytisches Denken können profitieren. Zu diesem Befund scheint auf den ersten Blick auch der nach einem neuseeländischen Psychologen benannte Flynn-Effekt zu passen: Die Auswertung von normierten Intelligenztests aus vierzehn Ländern über das gesamte zwanzigste Jahrhundert hinweg ergab durchschnittlich alle zehn Jahre einen Anstieg des Intelligenzquotienten um drei bis fünf Punkte.

Die Intelligenz leidet, obwohl vieles in der Digitalwelt immer leichter wird

Warum werden wir immer klüger? Die Gene scheiden als Antwort aus, dafür verläuft die Entwicklung viel zu schnell. Also bleiben nur Veränderungen der Umwelt, die diese dramatische Zunahme des IQ erklären könnten. Die Entwicklung moderner Medien scheint uns also generell schlauer und nicht dümmer gemacht zu haben. Allerdings ist der Flynn-Effekt in den vergangenen zehn Jahren, in denen Suchmaschinen schneller und das Internet sowie digitale Spiele omnipräsent wurden, ins Stocken geraten: Der Intelligenzquotient steigt nicht mehr an, ja wir sind sogar wieder auf dem absteigenden Ast der Skala. Ist das Gehirn am Ende seiner Trainierbarkeit angelangt?

Wahrscheinlicher ist, dass wir einen falschen Trainer angeheuert haben: Zu viele unserer Aktivitäten in den digitalen Welten scheint unser Belohnungssystem in die Irre zu leiten. Die Konzentrationsfähigkeit wird auf zu kurze Zeiten eingestellt, unsere Sprachkompetenzen verkümmern ebenso wie unsere haptischen Fertigkeiten. Wenn wir etwas berühren und bewegen, beeinflusst das unser kognitives Vorstellungsvermögen mehr, als wir bisher angenommen haben.

Verminderte Empathie

Die Internetnutzung hat auch einen Einfluss darauf, wie genau wir soziale Signale interpretieren können, wie empathiefähig wir sind. Wenn wir auch über ein angeborenes System für Nachahmungslernen verfügen und über ein Arsenal an Spiegelneuronen, steht zu befürchten, dass dieses verkümmern könnte, wenn die Fähigkeiten nicht in der frühen Kindheit im sozialen Kontext trainiert werden. Die Anpassungsfähigkeit des Gehirns ist ein zweischneidiges Schwert: Sie erlaubt, Techniken neu zu erlernen, aber sie führt auch dazu, dass unsere neuronalen Netze, die lange nicht mehr genutzt werden, von anderen Spezialisierungen übernommen werden.

Unsere Internetgewohnheiten drohen also nicht nur unseren Alltag zu verändern, sondern auch unser Denken und möglicherweise unser Mitgefühl sowie unsere Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Wir brauchen einen realen Strom an Eingangssignalen von anderen Menschen, um die menschlichste aller Tätigkeiten – zu ergründen, was andere Menschen denken und fühlen – so gut wie möglich auszuführen. Das Internet hat sich hier in vielen Studien nicht als adäquater Ersatz erwiesen.

Aufgabe eines interdisziplinären Wissenschaftskonsortiums sollte es nun sein zu beurteilen, wo der Schein der Effektivität in Wirklichkeit Sucht und Ineffektivität erzeugt. Wir müssen klären, wo und wie Medien geschaffen sein sollten, damit sie unser Denken fördern. Dies kann man nicht der Macht des Faktischen oder kommerziellen Interessen allein überlassen. Stattdessen sollten wir in unseren Köpfen den Zweifel ebenso fördern wie die Kreativität, diese wunderbar sympathische Tätigkeit unserer Gehirne. Gerade um des Fortschritts willen ist der Zweifel wichtiger denn je.

Martin Korte lehrt Zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch „Wie Kinder heute lernen“ (DVA).

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~ von Panther Ray - Mai 5, 2010.

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