Problemlösender Vogel.

Sind Vögel viel schlauer, als wir

geglaubt haben?

Vögel haben mehr im Köpfchen als je vermutet. Intelligenztests mit neuseeländischen Keas zeigen: Die Tiere sind innovative Denker und manchmal sogar cleverer als Schimpansen.

Von Tanja Warter

Graugänse erkennen alte Freunde – Artgenossen, aber auch Menschen – selbst nach Jahren am Gesicht wieder. Krähen benützen Werkzeuge, um sich nahrhafte Maden aus Baumlöchern zu angeln. Aras sortieren Klötzchen in Baukästen. Ist Federvieh viel schlauer, als wir je geglaubt haben? Eine neuseeländische Papageienart mit graugrünem Federkleid und grossem, gebogenem Schnabel bringt Wissenschafter zum Staunen. Keas können es in Experimenten locker mit Schimpansen aufnehmen.

Auf dem Wilhelminenberg in Wien hüpft Big Kermit hektisch vor dem Tor einer Voliere nach rechts und links. Drinnen bereitet die Doktorandin Alice Auersperg einen Versuch vor. Sie legt eine durchsichtige Plasticröhre auf den Boden, in die sie vorher eine Erdnuss geklebt hat. Daneben, im Abstand von etwa einem Meter, verteilt die junge Forscherin drei verschieden grosse Holzkugeln. Big Kermit kennt ihre ausgefallenen Versuche schon. «Er will bei Experimenten am liebsten immer selbst an der Reihe sein und als Erster sowieso», kommentiert die Zoologin. «Nehme ich ihn nicht sofort an die Reihe, stellt er sich sogar hinter seinen Artgenossen an.» Dann geht es los. Big Kermit düst ungeduldig herein.

Alice Auersperg arbeitet im Team des Schweizer Zoologen Gyula Gajdon. Er ist Leiter der Kea-Kognitionsforschung an der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Wien. Zusammen mit seinem Team studiert er die Schlauheit von 22 Keas, die in der Station leben. Big Kermit ist einer von ihnen.

Um nähere Aussagen über den IQ seiner Schützlinge machen zu können, unterscheidet Gajdon zwei verschiedene Formen von Intelligenz: die soziale und die technische Intelligenz. Erstere bedeutet, dass die Tiere am meisten von anderen Artgenossen lernen. Das können ältere sein, die vormachen, wie man eine Wurzel ausgräbt. Technische Intelligenz setzt voraus, Probleme aufgrund äusserer Umstände ganz allein lösen zu können. Beispielsweise, wie man am besten an Futter gelangen kann. Für Gajdon und seine Kollegen lautet also die Frage: Lernt ein Kea am ehesten durch gute Vorbilder oder eine karge Umgebung?

Big Kermit schaut sich das vor ihm aufgebaute Szenario einige Sekunden lang an. Dann spaziert er zur Röhre und nimmt sie in den Schnabel. Er bringt sie in die Senkrechte und schüttelt. Big Kermit hat Pech, die Nuss klebt fest. Also marschiert er zielstrebig zu jener Holzkugel, deren Durchmesser augenscheinlich passen könnte – und wählt auf Anhieb die richtige. Etwas umständlich schiebt er sie mit dem langen Schnabel in die Röhre. Wieder hebt er sie an, die Kugel rollt hindurch und schlägt den Leckerbissen heraus. «Zuerst hat er getestet, ob sich das Problem auch ohne Hilfsmittel lösen lassen könnte, also ob die Erdnuss auch so herausfällt», erklärt Alice Auersperg. Die Holzkugel war bereits sein Plan B.

Wieder und wieder ausprobieren

Die Wissenschafterin lächelt zufrieden. Das war wieder ein Beweis für die technische Hochbegabung der Keas. Ihre Einschätzung: «Die Bergregion Neuseelands ist vom Futter her nicht besonders ergiebig. Das animiert zur kreativen Lösungssuche.» Wilde Keas haben beispielsweise herausgefunden, dass eine bestimmte Pflanze zwar giftig ist, aber ihre Beeren echte Leckerbissen sind. Ähnliches konnte Gyula Gajdon beobachten: «Bei einer nicht schmackhaften Pflanze haben sie die Wurzel mit faszinierender Hartnäckigkeit immer wieder aufs Neue probiert. Und siehe da, im Herbst war sie geniessbar.» Das ist die Spezialität der Keas: wieder und wieder ausprobieren, ändern und umorganisieren, bis die Sache gelöst ist.

Zum Tüfteln lassen sich Big Kermit und seine Artgenossen viel Zeit. «In ihrem natürlichen Lebensraum hatten sie bis zur Einschleppung neuer Arten praktisch keine Feinde. Darum konzentrieren sie sich völlig angstfrei auf ihre Projekte», erklärt Verhaltensforscher Gajdon. Neben der Suche nach feinen Wurzeln gehören dazu auch das Anknabbern von Dichtungsgummis an Autoscheiben oder das nächtliche Öffnen und Plündern von Mülltonnen. Was für Menschen simpel klingt, ist für den hühnergrossen Vogel ein schwieriges Unterfangen: den Deckel zuerst anheben, mit dem Schnabel umgreifen, so dass sich der Deckel über dem eigenen Kopf befindet, dann den Rand der Mülltonne in Richtung Scharnier entlang balancieren, bis der Deckel nach hinten abkippt. Da sind vorausschauendes Denken und Multitasking gefragt. «Keas lieben Herausforderungen», sagt Gajdon, «je schräger, bunter und schriller, umso freudiger reagieren sie.» Darum lösen die Tiere in Wien Aufgaben am Touchscreen manchmal gezielt falsch. «Sie freuen sich, wenn der knallrote Fehlerbildschirm erscheint. Das schafft Abwechslung.»

Versuche in der Wildbahn, in der es heute höchstens noch 5000 Exemplare gibt, bestätigen diese Charaktereigenschaft eindrücklich. Gajdon muss lediglich eine Apparatur irgendwo in den Bergen Neuseelands aufstellen, schon flattern nach wenigen Minuten die ersten Kandidaten heran – wilde Keas mit viel Lust auf Unbekanntes. «Sie sind Bastler», sagt Auersperg, «und das unterscheidet sie von Tool-Usern wie den neukaledonischen Krähen. Die lernen eher auf soziale Weise.»

Schwierigste Aufgaben gelöst

Zu Vergleichszwecken machte Auersperg zuletzt Versuche, zu denen bereits Ergebnisse von Primaten vorliegen. Die Überraschung: Immer, wenn in einem Experiment Veränderungen eingebaut werden, schneiden Keas deutlich besser ab als Schimpansen. Durften sie vorher auch noch zusehen, stieg die Motivation rasant an. Gajdon sagt: «Der Wunsch <Ich will auch!> ist der stärkste Antrieb der Keas. So knacken sie die schwierigsten Aufgaben. Dafür können Affen besser Türmchen bauen.» Auch schön.

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~ von Panther Ray - April 19, 2010.

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