Ein Netzwerk der Moral im Gehirn

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aus: Neue Zürcher Zeitung, 7. April 2010
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Die Fähigkeit, Absichten zu erkennen, beeinflusst moralisches Urteilen

Forscher testen, welche Hirnregionen bei moralischen Urteilen unterschiedlicher Art beteiligt sind. Dies gibt Hinweise darauf, wie Moral entsteht.

Von Lena Stallmach

Ist es verwerflicher, wenn jemand eine Person versehentlich vergiftet oder wenn er es absichtlich tut und die Person stirbt nicht? Die meisten Menschen beurteilen eine Handlung nicht nur nach den Konsequenzen, sondern vor allem nach den Absichten, die der Handelnde verfolgt. Demnach haben sie mehr Nachsicht mit einer Person, die unabsichtlich tötet, als mit jemandem, der dies absichtlich versucht und keinen Erfolg dabei hat, wie eine Studie von Liane Young vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge zeigt.¹

Böse Absichten erkennen

Anders verhalten sich Patienten mit einer Schädigung im vorderen Teil der Hirnrinde (ventromedialer präfrontaler Kortex, VMPC). Sie beurteilen einen absichtlichen, aber fehlgeschlagenen Mordversuch als relativ unbedenklich. Die Patienten haben einen normalen Intellekt, wegen ihrer Verletzung aber eingeschränkte soziale Emotionen wie Mitgefühl oder Schuld. Young und ihre Kollegen nehmen an, dass diese Emotionen bei der Bewertung von bösen Absichten eine Rolle spielen.

Dies ist nicht die erste Arbeit, die auf eine Beteiligung von Emotionen bei moralischen Urteilen hindeutet. Bereits vor einigen Jahren haben Michael Königs von der University of Iowa und seine Kollegen gezeigt, dass der VMPC bei der Beurteilung von moralischen Dilemmata wichtig ist.² Diese haben ein hohes moralisches Konfliktpotenzial wie etwa das Opfern eines Menschenlebens für das von fünf anderen. Es zeigte sich, dass VMPC-geschädigte Patienten Handlungen, die eine emotional schwierige Entscheidung erfordern, wie ein Menschenleben fürs Überleben vieler zu opfern, eher befürworten als Gesunde. Offenbar orientieren sie sich mehr an den Konsequenzen.

Young und ihre Kollegen haben nun den Aspekt der Absicht in einer weiteren Studie eingehender untersucht.³ Die Forscher konzentrierten sich diesmal auf eine über dem rechten Ohr liegende Hirnregion (right temporoparietal junction, RTPJ), die immer dann aktiv ist, wenn jemand Annahmen über Gedanken oder Absichten einer anderen Person macht – also versucht, deren Gedanken zu lesen. Die Forscher beeinflussten nun die Aktivität der RTPJ bei gesunden Probanden. Dies gelang mit Hilfe der transkraniellen Magnetstimulation (TMS), mit der einzelne Hirnbereiche gezielt und vorübergehend gehemmt werden können. Währenddessen sollten die Probanden folgende Handlungen beurteilen. Eine Frau schüttet ihrer Freundin Zucker in den Kaffee. 1. Sie denkt, es sei Zucker, und es ist Zucker. 2. Sie denkt, es sei Zucker, es ist aber Gift, die Freundin stirbt. 3. Sie denkt, es sei Gift, es ist aber Zucker. 4. Sie denkt, es sei Gift, es ist Gift, die Freundin stirbt. Es zeigte sich, dass die Probanden die böse Absicht weniger berücksichtigten, wenn ihre RTPJ gehemmt wurde. Sie schätzten die versuchte, aber erfolglose Vergiftung als weniger verboten ein, als wenn ihre Hirnaktivität unbeeinflusst war. In allen anderen Situationen änderte der Eingriff hingegen nichts am Urteil.

Verschiedene Module

Der Neurowissenschafter Hauke Heekeren von der Freien Universität Berlin hält diese Studie für sehr wichtig. Sie sei die erste, die einen kausalen Zusammenhang zwischen Hirnaktivitäten und moralischem Urteilsvermögen aufzeige. Dies sei nämlich nur mit Methoden möglich, die die Hirnaktivität gezielt beeinflussten. Von dem, was man bis anhin wisse, könne man aber sicher sagen, dass moralische Urteile durch die Zusammenarbeit verschiedener Hirnregionen entstünden. Man gehe deshalb von einem Netzwerk von Modulen aus, die jeweils verschiedene Aspekte der Moral verarbeiteten.

¹ Neuron 65, 845–851 (2010); ² Nature 446, 908–910 (2007); ³ PNAS, Online-Publikation vom 29. März 2010.

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~ von Panther Ray - April 7, 2010.

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