Pia fraus: Galileo hat geschummelt.

aus: Neue Zürcher Zeitung, 17. 3. 2010

Galileis geheime Daten

Aus Überzeugung nicht publiziert

H. W. · Als Galileo Galilei sein Teleskop im Jahr 1617 auf den Stern Mizar richtete, stand viel auf dem Spiel: Seine Beobachtungen hätten den berühmten Astronomen nämlich zum Schluss führen müssen, dass das kopernikanische Weltbild falsch ist – dass sich die Erde also nicht um die Sonne dreht, sondern immer an derselben Stelle im All verharrt. Dies zeigt der amerikanische Wissenschaftshistoriker Christopher Graney in einer neuen Publikation auf.¹ Doch Galilei publizierte diese Beobachtungen nie und ignorierte seinen Befund. Er glaubte offenbar so sehr an das kopernikanische Weltbild, dass er keine abweichenden Daten zulassen konnte.

Die Suche nach der Parallaxe

Galileis Interesse für Mizar rührte daher, dass dieser beim Blick durchs Fernrohr aus zwei Sternen besteht – einem helleren, grösseren und einem schwächeren, kleineren. Für den italienischen Forscher konnte das nur eines bedeuten: Der grössere Stern musste der Erde viel näher sein als der kleinere. Denn die Kopernikaner waren fest davon überzeugt, alle Sterne im All seien genau gleich gross und hell wie unsere Sonne. Damit boten die zwei Sterne die perfekte Gelegenheit, einen echten Beweis für Kopernikus zu finden – die Parallaxe: Bewegt sich die Erde um die Sonne, so müssen sich die Positionen von Fixsternen am Himmel nämlich im Jahresverlauf scheinbar verändern. Der Effekt ist besonders deutlich bei Sternen, die am Himmelszelt nahe beieinander stehen, von denen der eine jedoch viel weiter weg liegt als der andere, wie dies Galilei für Mizar annahm.

Galilei versuchte also zu messen, ob sich der Abstand zwischen den beiden Sternen von Mizar tatsächlich periodisch ändert – ohne Erfolg. Dies nicht etwa, weil sein Teleskop oder seine Beobachtungsgabe nicht gut genug gewesen wäre. Im Gegenteil: Wie Graney darlegt, konnte der Forscher Abstände von Himmelskörpern bis auf eine Bogensekunde genau messen. Demnach musste Galilei überzeugt sein, die Parallaxe bei den Sternen von Mizar sehen zu können. Trotzdem gelang es ihm nicht.

Verräterische Handschriften

Ähnlich erging es Galilei beim Mehrfachstern Trapezium. Auch hier konnte er keine periodische Positionsänderung der Himmelskörper feststellen. Doch davon liess er sich nicht beirren. Im Jahr 1630 schrieb er in seinem berühmten «Dialogo», die Parallaxe sei theoretisch eine gute Möglichkeit, das kopernikanische Weltbild zu beweisen – als habe er nicht selbst schon vergeblich danach gesucht. Seine Messungen zu Mizar und Trapezium erwähnte er mit keiner Silbe. Er diskutierte sie lediglich in Briefen mit seinem Vertrauten Benedetto Castelli.

Diese lange vergessenen Handschriften seien erst 2004 wieder in den Blick der Forschung gerückt, sagt der Wissenschaftshistoriker Harald Siebert von der Technischen Universität Berlin. Heute könne man aus ihnen durchaus den Schluss ziehen, Galilei habe bewusst Informationen unterdrückt. «Er hat ja nicht wissen können, dass das kopernikanische Weltbild richtig ist, auch wenn er es vielleicht ahnte.» Aber: Hätte Galilei mit seiner Ahnung falsch gelegen, wäre er wohl schon längst vergessen.

Die Parallaxe wurde übrigens erst 1838 vom Deutschen Friedrich Bessel erstmals gemessen. Dass Galilei bei Mizar scheiterte, hatte einen einfachen Grund: Die beiden ungleichen Sterne kreisen in gleicher Entfernung von der Erde umeinander. Um die Parallaxe bei einem solchen Doppelsternsystem zu beobachten, dazu reichte Galileis technische Ausrüstung dann doch nicht aus.

¹ Physics in Perspective 16, im Druck (2010).


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~ von Panther Ray - März 17, 2010.

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