Neue Meisterdenker

aus: NZZ, 23. 2. 2010

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Buchbesprechung

upj. · Vor mehr als dreissig Jahren hat Jean-François Lyotard die Postmoderne eingeläutet. Die «grossen Erzählungen» von Fichte, Hegel, Marx und Co. seien definitiv zu Ende erzählt, so die selbstgewisse Prognose – auf die dann nichts wirklich Neues, sondern der eigene Sagenkreis der Postmoderne folgte. Dieses neue Evangelium bediente sich der genau gleichen Logik der Anbetung einiger weniger heiliger Texte, freilich hiessen die Meisterdenker nun nicht mehr Hegel, Kant und Fichte, sondern Foucault, Derrida, Deleuze und Co. «Ob Germanist, Philosoph oder Kunsthistoriker – Hauptsache, man hat seinen Lacan gelesen.» Der in Karlsruhe lehrende Kunsthistoriker Beat Wyss beleuchtet die Heiligtümer der Postmoderne mit einiger Schärfe und etlicher (Selbst-)Ironie. Die Postmodernisten waren – wie andere intellektuelle Sekten vor ihnen – produktive Hersteller von neuen Meisterdiskursen und hermetischen Hermeneutiken. Die Postmoderne hat fast alles wiederholt, was sie der Moderne vorgeworfen hatte: selbstherrliche Deutungshoheit, exklusiver Diskurshabitus, die Unterwerfung unter eine Schrift, die nur von wenigen Auserwählten verstanden und ausgelegt werden kann. Im Übrigen hat die Diskurslogik der Postmoderne zu einer Flutwelle an politischer Korrektheit geführt, die klare Ausschlussgesetze kennt: Entweder ist man drin oder draussen. «Jeder Diskurs trennt die Gesellschaft in Eingeschlossene und Ausgeschlossene. Die rabiatesten Formen bieten die auf ‚Gender‘ basierenden Ideologien, zu deren Phalangen Feminismus und Postkolonialismus gehören. Sympathisanten und Sympathisantinnen werden auf Geschlecht, Nation und Rasse hin überprüft. Die schlechtesten Karten haben heterosexuelle Männer mit christlichem Hintergrund aus Westeuropa und Nordamerika.» – Früher nannte man ein solches Gebilde eine Ideologie. – Gut gebrüllt, Löwe.

Beat Wyss: Nach den grossen Erzählungen. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2009. 218 S., Fr. 22.90.

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~ von Panther Ray - Februar 23, 2010.

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