Katharina Rutschky ist tot.

aus: NZZ 18. 1. 2010

Starke Stimme

gü. Alles Hochtrabende war ihr zuwider. Eine gewalttätige Schuljugend zur Ordnung zu rufen, indem man Werte predigt, erschien ihr so aussichtslos wie reaktionär. Auf Dünkel reagierte sie allergisch. Wehe, es sprach jemand abschätzig über Mode oder nannte gar, im Rückgriff auf geläufige Stereotype, das weibliche Interesse an Modefragen «unecht», «überflüssig» oder «albern». Für Katharina Rutschky war das eine Anmassung, die im Kern ein Angriff auf die Frauen selbst war, auf Frauenbilder und weibliche Selbstfindung. Rutschky bürstete Anschauungen gern gegen den Strich. Der ideologiekritische Dreh, in Äusserungen des Gegenübers etwas aufzustöbern, was verdächtig ist und entlarvt werden muss, hatte sich ihrem Denken tief eingewurzelt. Diese Schonungslosigkeit erstreckte sich selbst auf einstige Vaterfiguren wie den Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, dem sie postum vorhielt, ein intellektueller Luftikus gewesen zu sein.

Von ihrem Mann Michael, mit dem Katharina Rutschky ein liebendes Paar, aber durchaus kein publizistisches Gespann bildete, stammt die Einsicht, dass Aufsteiger besonders anfällig für Konservatismus sind: Denn wer mühsam die soziale Leiter erklommen hat, möchte hinterher natürlich keine egalitäre Gesellschaft mehr, sondern, einmal oben angelangt, dass die Stufen erhalten bleiben. Ins Politische gewendet, liesse sich auf diese Weise auch erklären, warum so mancher Revoluzzer später, als Saturierter, zum Renegaten an seinen jugendlichen Idealen wird. Katharina Rutschky, 1941 als Tochter eines Schlossers und einer Hausfrau geboren, ein Kind aus dem «Kohlenkeller», wie sie selber sich bezeichnete, profitierte von den Bildungsreformen und Aufstiegsmöglichkeiten in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, sie durfte studieren, erlebte die Studentenbewegung als Befreiung («Wir kriegten Luft unter die Flügel») und blieb als bekennende Altachtundsechzigerin ihrer Vergangenheit auch dann noch treu, als sie zu Prominenz gelangt war: eine gefragte Publizistin und streitbare Stimme, umworben von Redaktionen und Diskussionsveranstaltern.

Zwei Topoi verbinden sich besonders mit ihrem kritischen Wirken: der Begriff «schwarze Pädagogik» und die böse Formel vom «Missbrauch des Missbrauchs». «Schwarze Pädagogik» war der Titel einer 1977 von ihr herausgegebenen und eingeleiteten Sammlung historischer Texte, anhand deren Rutschky demonstrierte, wie stark Erziehung von alters her bestrebt war, den kindlichen Willen zu brechen, Kinder zuzurichten. Fand die Publizistin damals mit ihrer Kritik an den Nachtseiten der bürgerlichen Kinderstube einhelligen Beifall auf der Linken, so wurde sie mit ihrer Warnung, der Vorwurf der Pädophilie werde oft hysterisch erhoben, zur höchst umstrittenen Figur. Rutschkys Verdikt, Frauen im Geschlechterkampf würden Männern unterstellen, Kinderschänder zu sein, um auf diese Weise etwa getrennt lebenden Vätern das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter zu entziehen, trug ihr wütende Attacken von feministischer Seite ein. Die Zeitschrift «Merkur», die Frauen umso lieber hat, je weniger sie Suffragetten sind, druckte Katharina Rutschkys Essays gern. 1999 erhielt sie den Heinrich-Mann-Preis. Am 14. Januar, zwei Wochen vor ihrem 69. Geburtstag, ist die eigensinnige Publizistin in Berlin gestorben.

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Man hatte es nicht leicht mit ihr.  J. E.

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~ von Panther Ray - Januar 18, 2010.

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