Ein Dr. Eisenbarth der Hirnforschung

aus Neue Zürcher Zeitung, 16. 1. 2010

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Selbstverlust im Ego-Tunnel
Thomas Metzinger ist auf der Suche nach einer Theorie dessen, was es gar nicht gibt

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Von Uwe Justus Wenzel

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Das Staunen ist – wenig erstaunlich – eng mit der Philosophie verknüpft. Dass es sogar, wie Aristoteles glaubte, der Beginn allen Philosophierens sei, heisst nicht, dass nicht auch noch im Zuge eines fortschreitenden Nachdenkens staunenswerte Sätze geschrieben werden können. Über einen solchen Satz stolpert der Leser bei der Lektüre des neuen Buches von Thomas Metzinger, einem in der noch immer boomenden Branche der Neurophilosophie prominenten Kopf. Im vorletzten Kapitel heisst es: «Wie sollen wir mit diesem Gehirn leben?» – Unwillkürlich meldet sich eine Sorge um den Philosophen: Was hat ihn von seinem Gehirn entfremdet?

Die Antwort vom Dienst

Philosophie, das ist auch die Kunst, auf jede Antwort noch eine Frage zu haben: alles Selbstverständliche unselbstverständlich werden zu lassen. Die wichtigste der Fragen, die Metzinger auf den annähernd dreihundert Seiten zu beantworten versucht, die jener überraschenden Frage vorausgehen, lautet in etwa: Wie kommt es zu so etwas wie einem «ganzheitlichen Ichgefühl»? Die Antwort darauf – es ist seit Jahren die Antwort vom Dienst auf sehr viele andere Fragen auch – lässt sich knapp formulieren: durch das Gehirn. Ausführlicher: Das menschliche Gehirn bewerkstelligt es, dass seine Träger Bewusstsein und Selbstbewusstsein haben, dass sie sich fühlen, als hätten sie ein Selbst, ein Ich.

Das aber haben sie in Wahrheit gar nicht: «Ganz im Gegensatz zu dem, was die meisten Menschen glauben, war oder hatte niemand je ein Selbst.» So sagt uns Menschen schon der zweite Satz der Einleitung des Buches, dessen Untertitel eine Theorie dessen, was es gar nicht gibt, in Aussicht stellt: eine «neue Philosophie des Selbst». Woher der Philosoph weiss, dass es «keine einzelne unteilbare Entität, die wir selbst sind», gebe, verrät er an dieser Stelle noch nicht. Man darf aber vermuten, er verdanke sein Wissen nicht unwesentlich dem Umstand, dass bei der Öffnung einer Schädeldecke, soweit bekannt, noch nie ein Selbst – man malt sich aus: aufgeschreckt – aus der Hirnschale gesprungen oder ein Geist sichtbarlich entwichen ist.

Das Gehirn schafft also etwas recht eigentlich Unmögliches, wenn es denjenigen, der eines hat, glauben macht, er habe ausser dem Gehirn (und einem Körper) noch etwas, was es «so» gar nicht gibt: ein Selbst, ein Ich, einen Geist oder gar eine Seele. Kein Wunder mithin, dass ein Philosoph, der diesen Gedanken eines «unmöglichen» Gehirns zu denken versucht, innehält und verwundert fragt: «Wie sollen wir mit diesem Gehirn bloss leben?» Gaukelt es uns etwas vor? Gaukelt es uns uns vor, unser Selbst? Das hinwiederum tut es anscheinend nicht. Das bewusste Selbst, so das Fazit des von der Hirnforschung und der Neuropsychologie faszinierten Philosophen, sei «weder eine Form von Wissen noch eine Illusion». Sondern? «Es ist einfach das, was es ist.» Diese Auskunft, obgleich sie immerhin lehrt, dass das Selbst doch etwas und nicht vielmehr nichts ist, befriedigt den neugierigen Leser naturgemäss noch nicht ganz.

Thomas Metzinger hat auf ihn aber zuvor eine ganze Kaskade von Thesen niedergehen lassen: Das bewusste Selbst sei ein Modell, das vom Gehirn zusammen mit einem Weltmodell erzeugt werde; ein inneres Bild unserer selbst als einer körperlichen Ganzheit, die in das Bild von einer Welt eingebettet sei; eine Simulation, die wir «naiven Realisten» als Simulation nicht durchschauen können, ausser vielleicht in Klarträumen oder in sogenannten ausserkörperlichen Erfahrungen, von denen der Autor manches zu berichten weiss. Experimente aus der Psychologie der Selbstwahrnehmung – wie etwa die Gummihand-Illusion, bei der der Proband sich eine vor ihm liegende Handattrappe anstelle der eigenen, verdeckten Hand gefühlsmässig einverleibt – sollen die Annahme einer an Körperbildern orientierten Selbstmodellierung ohne «wirkliches» Selbst stützen.

Die naturalistische Theorie des Geistes, die Metzinger verficht, hat allerdings mit Widrigkeiten zu kämpfen. Erstens gibt es sie noch gar nicht. Zweitens soll eine solche Theorie, wie ihr Fürsprecher mehrfach fordert, «alle» von der Psychologie und der Hirnforschung erhobenen Daten in ein «empirisch plausibles Modell» integrieren können. Das ist ein enormes Pensum. Drittens müsste sie all die Metaphern begrifflich zu verdauen imstande sein, die dem Philosophen in den Sinn kommen, vom titelgebenden Bild des «Ego-Tunnels», der auch an die platonische Höhle erinnert, über die «Insel», die aus dem Meer der Neuronen auftauche, und die «Informationswolke», die über dem «neurobiologischen Substrat» schwebe, bis hin zum «totalen Flugsimulator», mit dem er das Funktionieren unseres Bewusstseins ebenfalls vergleicht. Viertens wäre die Theorie, nach ihren eigenen Vorgaben – soweit sie sich abzeichnen -, unbeweisbar. Die Wände des Tunnels unserer subjektiven Weltperspektive, aus denen wir wie aus der eigenen Haut nicht heraus können, müssten sich, so jedenfalls Metzinger, auflösen, «wenn wir diese Theorie auch als wahr erleben wollten».

«Bewusstseinsethik»

Wer zu meditieren verstünde, bekäme aber wohl einen Vorgeschmack von diesem sehr anderen Zustand. Das deutet Metzinger beiläufig an; und er empfiehlt Meditation am Ende des Buches, wo es kulturkritisch wird, auch tatsächlich als «flächendeckendes» Schulfach. Nicht freilich, um seine Theorie einsichtig zu machen, sondern damit die Menschen der Gegenwart nicht in einer «Mischung aus Traum, Demenz, Berauschtheit und Infantilisierung» vor sich hindämmern. Der Trend zur «Depersonalisierung» scheint nicht nur von den elektronischen Medien und ihrer Virtualisierung der Welt befördert zu werden; auch die «Entzauberung des Selbst», zu der die Hirnforschung angeblich führe, soll dazu beitragen. Die «Bewusstseinsethik», die Metzinger als Antidot verschreibt, ist noch nicht viel mehr als ein gutgemeintes Etikett. Und die Spiritualität, auf deren Erfahrung in den Tiefendimensionen des Ego-Tunnels er hofft, um das «Vakuum» im sozusagen selbstlos gewordenen Menschen wieder zu füllen? Sie ist nur erst das weiche Reversbild des harten Naturalismus und gemahnt ein wenig an jene Sentimentalität, die sich gerne mit Brutalität paart.

Thomas Metzinger: Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. Aus dem Englischen von Thomas Metzinger und Thorsten Schmidt. Berlin-Verlag, Berlin 2009. 378 S., Fr. 44.50.

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~ von Panther Ray - Januar 16, 2010.

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