Der Prothesenmensch.

aus: Neue Zürcher Zeitung, 4. 1. 2010

Ein Rückblick auf die Nullerjahre – oder warum das Treten an Ort zu einer Königsdisziplin geworden ist

Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends wird dereinst vielleicht als Epoche der digitalen Revolution in die Geschichtsbücher eingehen. Die Frage jedoch ist: Haben uns die elektronischen Prothesen auch vorangebracht?

Von Roman Bucheli

«Die grosse Null» – so titelte Paul Krugman jüngst seine Kolumne in der «International Herald Tribune» und meinte damit die vergangene «Dekade, in der wir nichts erreicht und nichts gelernt haben». Und tatsächlich könnte man leicht eine Schreckensbilanz ziehen: Beinahe endeten die Nullerjahre am vergangenen Weihnachtstag, wie sie am 11. September 2001 recht eigentlich erst begonnen hatten. Dass beim Anflug auf Detroit ein Attentat gerade noch verhindert werden konnte, darf jedenfalls nicht zum falschen Schluss verleiten, wir hätten aus der Geschichte allzu viel gelernt. Und stehen die Börsenindizes heute auch um etliches unter dem Niveau des Jahres 2000, so schmeichelt uns der Vergleich dennoch, weil er die zweimalige Vernichtung immenser Vermögen (und seien es fiktive gewesen) verschleiert.

Der «digital turn»

Fundamentalistischer Terror, Irak und Afghanistan oder gigantische spekulative Blasen an den Finanzmärkten mögen die beherrschenden Themen der vergangenen zehn Jahre gewesen sein. Schleichend jedoch und trotzdem nicht weniger elementar hat der «digital turn» unsere Lebenswelt verändert. Wir begannen das Jahrzehnt mit mobilen Telefongeräten; heute tragen wir kleinste und unverzichtbare Alleskönner in der Tasche; wir hatten Ende der neunziger Jahre gerade das Wort «surfen» in den Grundwortschatz übernommen; heute googeln, twittern, downloaden, skypen oder bloggen wir auf Teufel komm raus.

Zu den meistzitierten Politikern dieser Tage gehört die Schwedin Ines Uusmann, die 1996, als sie Ministerin für Verkehr und Kommunikation war, das Internet als Mode bezeichnete, die vielleicht wieder vorübergehe. Heute kann man sich leicht über solche Naivität lustig machen. Doch lange war damals ungewiss, ob unsere Computer überhaupt den Nullerjahren gewachsen sein würden. Wie ein Menetekel flackerte das Jahr-2000-Problem über unsere Bildschirme, und die schöne Informationsgesellschaft drohte an der Jahrtausendwende im Chaos von unzureichend programmierten Rechnern und ebensolcher Software zu versinken. Apokalyptiker sahen bereits Flugzeuge vom Himmel fallen und orakelten, unsere Bankkonti könnten auf den Stand von 1900 zurückgestellt werden.

Der grosse Knall blieb aus – und kam dann doch, etwas verzögert zwar und nicht da, wo ihn alle erwartet hatten: Im Frühjahr 2000 platzte die Dotcom-Blase, und viele hochbewertete IT-Unternehmen, die häufig lediglich gutes Geld verbrannt hatten, wurden hinweggefegt und mit ihnen riesige spekulative Vermögen. Leicht hätte sich Frau Uusmanns Vermutung nun bewahrheiten können. Der Sturm aber erwies sich als reinigendes Gewitter, das die Phantasten von den Realisten und die hochfliegenden Projekte von den zukunftsträchtigen Geschäftsmodellen trennte. Weder Internet noch Mobiltelefone, weder Wikipedia noch Facebook sind heute aus unserem Alltag wegzudenken.

Mehr noch: Unser Leben hat sich mit diesen Medien in den letzten zehn Jahren mit einer Beschleunigung verändert, wie die Menschheit es wohl nie zuvor erlebt hatte. In meinem Elternhaus stand, seit ich denken konnte und bis ich auszog, das gleiche schwarze Telefon aus Bakelit und mit Wählscheibe, und unser Wissensdurst musste an einem umfangmässig bescheidenen Lexikon gestillt werden, das uns auch nach Jahren, als es selber längst historisch geworden war, noch gute Dienste zu leisten schien. Heute minimiert sich die Lebensdauer mobiler Geräte im Mass, wie ihre Vielseitigkeit zunimmt: Längst dient ein Handy nur nebenbei noch zum Telefonieren. Und stirbt am Ende der Welt ein Musiker, so unterrichtet uns – sollten wir danach fragen – das interaktive Lexikon im Netz schon Stunden später darüber.

Die verwackelten Bilder der jüngsten Demonstrationen in iranischen Städten zeigen, dass Mobiltelefone nicht nur unser Leben erleichtern (was immer man darunter verstehen mag), sie taugen auch zum Medium der politischen Veränderung. Denn fast ebenso zahlreich wie die protestierenden Iraner waren jene, die mit Kameras in der hoch über dem Geschehen erhobenen Hand die Ereignisse zuhanden einer grösseren Öffentlichkeit dokumentierten und im Netz verbreiteten. Lässt sich aus solchen Extremsituationen auf den Normalfall schliessen? Können wir, weil hier die digitale Vernetzung den Aufruhr gegen Potentaten logistisch antreibt und weltweit sichtbar macht, das Internet als «Demokratiemaschine» bezeichnen, wie es manche Enthusiasten tun?

Wenn Garton Ash in einem Interview jüngst von der «befreienden Wirkung eines demokratisierten Informationsflusses» gesprochen hat, so mag er theoretisch wohl recht haben, was den ersten Teil seiner Aussage betrifft. Ob aber die Voraussetzung seines Wunschdenkens – der «demokratisierte Informationsfluss» also – nicht vielmehr eine Illusion sei, steht freilich auf einem ganz anderen Blatt. Man mag darum auch die «befreiende Wirkung» für den Moment und unsere Breitengrade noch nicht zu hoch veranschlagen.

Der Prothesenmensch jedenfalls macht sich zunächst einmal über die Tastatur seines Computers oder seines Handys zu einem gläsernen Menschen. Und niemand soll sich in der törichten Sicherheit wiegen, die ihm die zahllosen Passwörter vorgaukeln, mit denen er sich vermeintlich anonym und für Ungebetene unsichtbar in die digitale Welt einklinkt. Den Preis für die Lebenserleichterung, die ungehinderte Kommunikation und den fast grenzenlosen Zugang zum Weltwissen entrichtet der Mensch als User in Form von Informationen über sich selber. Niemand jedoch weiss, was dieser Wechsel auf die Zukunft dereinst kosten wird.

Mit jeder Suchanfrage bei Google und mit jedem Aufruf einer Website liefert der Benutzer Daten über seine Vorlieben und Bedürfnisse. Korreliert mit den Profilen anderer, ähnlicher Benutzer, schafft sich «das Netz» das Phantombild seiner Nutzer und beliefert sie nun gezielt und individualisiert mit Informationen oder Werbung. Daran, wie «demokratisch» dieser Datenfluss einmal sein wird, dürfte sich entscheiden, ob der herrschaftsfreie Raum, für den wir das Internet in unserer Naivität zu halten gewohnt sind, Bestand hat.

Die Tatsache indes, dass nicht einmal die amerikanischen Geheimdienste in der Lage zu sein scheinen, mit geeigneten Algorithmen zwei Datenbanken abzugleichen und auf dieser Grundlage einem Verdächtigen aus Nigeria die Einreise in die USA zu verweigern, gibt Anlass zu Sorge ebenso wie zur defaitistischen Hoffnung: Wir mögen zwar zu gläsernen Menschen werden, «das Netz» aber scheint von der eigenen Informationsfülle ebenso überfordert zu sein wie der schlichte Benutzer.

Kulturkritische Bedenken

Auch am Ende der Nullerjahre bestehen noch Bastionen des Analogen: Da und dort sollen Autoren sehr wohl auf das Internet, jedoch nicht auf ihre Schreibmaschinen verzichten wollen. Solch gelassene Puristen mag beneiden, wer dem Neuen nicht gänzlich verschlossen bleibt, aber auch bei aufrichtigem Bemühen das Tempo des technologischen Wandels zunehmend nicht halten kann und darob leicht in kulturpessimistischen Trübsinn fällt. Kathrin Passig hat im Dezemberheft des «Merkurs» solche Verdrossenheit gegenüber dem Fortschritt boshaft karikiert: «Wenn es zum Zeitpunkt der Entstehung des Lebens schon Kulturkritiker gegeben hätte, hätten sie missmutig in ihren Magazinen geschrieben: <Leben – what is it good for? Es ging doch bisher auch so.>»

Mit solcher Polemik sind im Geschwindigkeitsrausch auf den immer schnelleren Datenautobahnen neben den nörglerischen auch ein wenig die provokativen Kulturpessimisten in Verruf geraten. Sie mögen Spielverderber sein und etwas lächerliche, da wirkungslose Bremser. Doch ihre Einwürfe sind die Widerhaken kritischen Denkens. Und sie sind allemal und auch in ihren Irrtümern interessanter, herausfordernder als die digitalen Himmelsstürmer, denen nichts unmöglich und alles Denkbare auch erstrebenswert scheint.

Das Korrektiv zu Leuten vom Schlage eines Steve Jobs oder Sergey Brin sind die kulturkritischen Querdenker, seien sie rabiat wie George Steiner, der im Gebrauch des Computers lediglich «eine niedrige Art menschlicher Kommunikation» erkennen will, oder moderat wie Umberto Eco, der es jedenfalls als eine offene Frage betrachtet, ob das Internet das Verständnis zwischen den Kulturen fördert oder den Identitätsverlust beschleunigt. Jedoch sei es unnütz, so Eco vor einigen Wochen in «Le Monde», der Herausforderung aus dem Weg zu gehen. – Nichts erreicht und nichts gelernt also, wie Paul Krugman findet? Einstweilen üben wir uns in einer höheren Form des Tretens an Ort.

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~ von Panther Ray - Januar 4, 2010.

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