Die Kindheit wird abgeschoben.

Gastkommentar

in: Der Tagesspiegel, 3. 11. 09


Erwachsene wollen sich selbst verwirklichen
– ihr Nachwuchs stört da nur.

Freitag, 12.30 Uhr. Das Ende einer Klassenfahrt. Nicht alle Schüler können nach Hause. Einige müssen bis 18 Uhr in den Hort, denn die Eltern sind beschäftigt. Das Kind muss warten.Vor fünf Jahren wurden die Berliner Grundschulen VHGs, sogenannte verlässliche Halbtagsgrundschulen. Das heißt: Alle Kinder werden bis 14 Uhr betreut. Unsere Schule hat die Hortzeiten ein Jahr später, auf Wunsch der Eltern, bis 16 Uhr verlängert. Damit reagiere man auf die veränderten wirtschaftlichen Bedingungen der Gesellschaft und auf die individuellen Bedürfnissen der Eltern, hieß es zur Begründung.

Heute kann ein Kind von morgens 7.30 Uhr bis abends 18 Uhr in der Schule bleiben. Es gibt Kinder, die fast elf Stunden betreut werden. Sie sind ständig umgeben von anderen, um sich mit Streit, Freud und reichlich Action die Zeit bis zum Abholen zu vertreiben. Diese Kinder haben einen Elf-Stunden-Tag, sind abends kaputt und gehen, sollten sie keine Hausaufgaben mehr haben, zeitig schlafen. Die Eltern haben Zeit, sich ihrer Arbeit und ihren Interessen zu widmen.

Der Trend geht zur Ganztagsschule. Politisch ist das quer durch alle Parteien gewollt. Denn die Ganztagsschule hat zwei Vorteile: Sie schafft die Voraussetzungen, damit Eltern flexibel genug sind, die Anforderungen einer durchökonomisierten Gesellschaft zu erfüllen. Andererseits will die Politik mit Sekundar- und Gemeinschafts- schulen und ihrem Ganztagsbetrieb den gesellschaftlichen Versäumnissen und Defiziten der letzten Jahrzehnte begegnen, Stichwort Pisa. Kostenneutral, versteht sich. Geld wird ja nur für systemrelevante Einrichtungen ausgegeben.


Was für die äußere Form gilt, gilt auch für den Inhalt. War Bildung lange Zeit ein hohes Gut, und als solches erstrebenswert, ist schulische und universitäre Bildung heute nur noch Mittel zum Zweck. Abitur nach zwölf Jahren, Schnellläuferklassen, Bologna-Prozess – Inhalte und Abschlüsse werden mit dem Ziel vereinheit- licht, die Menschen so früh wie möglich dem Wirtschaftsleben zur Verfügung zu stellen. Wettbewerb ist der einzige Bildungsansporn. Große Ideen sollen entstehen, weil unter Studenten, Professoren und Universitäten Wettbewerb herrscht. Wettbewerb ab Klasse eins hat weder eine gesunde Entwicklung des Kindes noch solide Bildung zum Ziel, sondern soll Kinder möglichst schnell und optimal auf die Bedingungen im liberalen, globalisierten Wirtschaftssystem vorbereiten. Unter solchen Umständen haben Kinder keine Möglichkeit, sich ohne äußeren und inneren Leistungsdruck zu entwickeln.

Gleichzeitig ziehen sich die Erwach- senen immer mehr aus der Welt der Kinder zurück. Bemerkenswerter- weise ist trotz all dem das traditionelle Familienbild vordergründig noch immer existent. Unterbewusst haben wir uns aber längst davon verabschiedet. Zwar ist Kinder zu haben, nicht zuletzt dank Frau von der Leyen, in Mittelstands- familien wieder en vogue. Um Kinder kümmern sollen sich allerdings viele andere.

Die Praxis zeigt, dass Kinder, die zu wenig Aufmerksamkeit und Zuneigung bekommen, dazu neigen, sich durch Regelverletzungen, Aggression und anderes Fehlverhalten die Menge an Aufmerksamkeit und Zuwendung zu holen, die sie in positiver Form vorher gebraucht hätten. Ungeliebte Kinder sind schwierige Kinder.

Wir sollten uns nicht darüber wundern, dass die jugendlichen Amokläufer aus gutbürgerlichem und eben nicht bildungsfernem Milieu stammen. Wenn eine Gesellschaft Kindheit und Verantwortung outsourct, muss sie sich nicht wundern, dass der Widerstand der Kinder und Jugendlichen zunimmt. Und je älter Kinder werden, umso geplanter, gewalttätiger und folgenreicher werden die Taten.

Eine Kehrseite des Outsourcing ist das Besinnen auf die eigentlichen Kernkompetenzen. Was waren noch die Kernkompetenzen von Eltern?

Der Autor ist Grundschullehrer an der Königin-Luise-Stiftung in Berlin.
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Eins hat der Autor zu erwähnen vergessen: die führende Rolle seines Berufsstands bei der – inzwischen wieder – galoppierenden Verinselung der Kindheit! Es sind die berufsmäßigen Pädagogen, die den Eltern ein ruhiges Gewissen schaffen, wenn sie ihre Kinder (von anderen) „betreuen“ lassen – weil die es besser zu können behaupten. Denn dass es nicht recht ist, wissen die meisten; und ungern tun es fast alle. J. E.


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~ von Panther Ray - November 24, 2009.

8 Antworten to “Die Kindheit wird abgeschoben.”

  1. Bei „Bildung“ besteht in unserer Gesellschaft immer ein gesellschaftlicher von außen aufgebauter Druck. Im schulischen Bereich sollte Bildung die Elementarkompetenzen (Bildungsdreieck) Wissen, Denken und Kommunikationsfähigkeit gleichberechtigt vermitteln.
    Den zu vermittelnden Bildungszielen steht der individuelle Charakter jeglicher Bildung gegenüber. Demnach ist es wichtig „Bildung“ nicht alleine mit Schulbildung gleichzusetzen oder darauf zu beschränken. Bereits Friedrich Paulsen äußerte sich im enzyklopädischen Handbuch der Pädagogik von 1903 zu diesem Thema: „Nicht die Masse dessen, was [man] weiß oder gelernt hat macht die Bildung aus, sondern die Kraft und Eigentümlichkeit, womit [man] es sich angeeignet hat und zur Auffassung und Beurteilung des ihm Vorliegenden zu verwenden versteht. … Nicht der Stoff entscheidet über die Bildung, sondern die Form.“
    In einem pädagogischen Thema sich der Sprache von Wirtschaftsökonomie zu bedienen birgt eine gewisse Gefahr in sich, macht jedoch andererseits deutlich welchem Druck alle Beteiligten (Kinder, Eltern, Lehrer, Pädagogen, …) ausgesetzt sind. Mit dem Verständnis von „Outsourcing“ als: Abgabe von (Unternehmens-)eigenen Aufgaben an Dritte ist bei einem umfassenden Bildungsverständnis schlichtweg nicht möglich, da Bildung überall stattfindet – ein ein wichtiger Teil gerade ausserhalb von Schule.
    Psychologie und Hirnforschung wissen aber heute, dass gerade ausgelassenes, nicht geplantes Spielen ohne Vorgaben die Sprachentwicklung, soziale Kompetenz, Kreativität und das Problemlösungsvermögen fördern – und nicht geplante, angeleitete Aktivitäten. (http://ganztagsschulen.wordpress.com/2009/11/24/ganztagsschule-kein-ort-fur-freizeitgestaltung/)

    http://ganztagsschulen.wordpress.com/

    • Dass Bildung eine Sache der „Form“ sei – nicht ‚was‘ man sich angeeignet habe, sondern ‚wie‘ man es sich angeeignet hat -, bestreite ich ganz energisch. Bildung ist das, WAS einer AUS SICH GEMACHT hat, indem er sich geübt hat im Scheiden von Spreu und Weizen. Bildung ist das, was aus Urteilskraft und Einbildungsvermögen geworden sein wird (würde), wenn der Mensch ‚fertig‘ ist (wäre).
      Dass allerdings Bildung nicht eine Menge von Informationseinheiten ist, sondern die Selbstausbildung des Ganzen Menschen bedeutet; dass sie also nicht durch ‚lernen‘ zu ‚erwerben‘, sondern durch das tätige Anteil-Nehmen an der Welt immer wie neu geschieht, das folgt daraus von selbst, und da gebe ich Ihnen völlig Recht.

      Wie können Sie sich da aber ausgerechnen für die GANZTAGSSCHULE einsetzen?! Das heißt nicht den Bock zum Gärtner, sondern den Brandstifter zur Feuerwehr machen.

      Siehe hierzu: „Schrumpft die Schule!“
      http://jochenebmeier.wordpress.com/2008/10/05/schrumpft-die-schule/

      Sie sollten sich die Sache nochmal in aller Ruhe neu überlegen!

      Gruß
      J. E.

  2. Lieber LebensLerner, ich habe meinen vorigen Kommentar – die Bequemlichkeit der Internet verleitet zu sowas – geschrieben, bevor ich den Beitrag auf Ihrem Blog gelesen hatte. Ich nehme nunmehr den letzten Absatz zurück und formuliere ihn neu:

    „Mit Ihnen bin ich der Meinung, dass die GANZTAGSSCHULE nicht etwa den Bock zum Gärtner, sondern die Brandstifter zur Feuerwehr macht.“

    So ist’s besser, nicht?

    Es kam aber auch wirklich zu unerwartet, dass sich in dieser unseren Zeit des allgemeinen leyenhaften PISA-Krakeels einer für den gesunden Menschenverstand und gegen die Erwerbsinteressen der pädagogischen Zunft ausspricht!

    Immerhin sind wir jetzt wenigstens schon zu zweit. Kennen Sie noch andere?

    Beste Grüße,
    Ihr Jochen Ebmeier

  3. Sehr geehrter Herr Ebmeier,
    es ist immer schön, wenn es noch Menschen gibt die gerne und gut diskutieren.
    So gibt es zu fast allen Thmen immer mehrere Seiten (die sich zum Teil auch noch bedingen). Was genau meinen Sie mit dem Kritikpunkt „Erwerbsinteressen der pädagogischen Zunft“?
    Meiner Auffassung nach gibt es DIE pädagogische Zunft, verkürzt als „Zusammenschluss zur Wahrung gemeinsamer Interessen“, nicht. Konsens über ein Bildungsziel besteht nach wie vor nicht. Selbst der Ansatz die Kinder zur Mündigkeit und Selbstbestimmung zu bringen ist umstritten. Angewandt auf das Arbeitsfeld Institution Schule besteht ein offensichtlicher Wiederspruch von Mündigkeit vs. (Anpassungs-) qualifizierung.
    >> Wer wäre denn besser dazu geeignet ein Feuer zu löschen/erst gar nicht entstehen zu lassen als die neue Generation von Brandstiftern selber?

    • Lieber LebensLerner, Sie haben eine arglose Auffassung vom Pädagogenstand. In einem sind sie alle einig: dass das Kind zum Heranwachsen ihrer fachkräftigen Beihilfe bedarf – ohne sie wird da nix draus! Mit andern Worten, sie sind sich einig, dass es auf jeden Fall mehr STELLEN braucht! Dass der eine dem andern nicht die Wurscht aufs Brot gönnt, tut dem keinen Abbruch, die eigne Stelle ist einem jeden natürlich dringlicher als die Stellen der andern.

      Was die augenscheinlich tiefen Zerwürfnisse innerhalb der Zunft angeht, so handelt es sich immer nur darum, wie man die zusätzlichen Stellen der Öffentlichkeit – den Eltern! – gegenüber am geschicktesten rechtfertigt; oder einfach um Schattenboxen.

      Hierzu gleich noch ein Link: http://jochenebmeier.wordpress.com/2009/11/29/erziehungswissenschaft-oder-die-standesideologie-der-padagogischen-zunft/

      Ob die Kinderkümmerei innerhalb der Klassenzimmer oder in der „offenen Arbeit“ der Freizeitpädagogen geschieht, ist übrigens ziemlich gehupft wie gesprungen. Ob Vater Staat oder Tante Freier Träger: Die Kinder sich unter den Nagel reißen und sie „beschäftigen“ wolln se alle.

  4. Herr Ebmaier alias Hardy Krüger,
    als arglos und naiv sehe ich meine Position in diesem Zusammenhang nun wirklich nicht. Ich meine jedoch aus Ihren Formulierungen eine gewisse Verbitterung herauszulesen – anders kann ich mir die Formulierungen von „Kinderkümmerei“ und „Freizeitpädagogen“ nicht erklären. Dennoch und da gebe ich Ihnen vollkommen recht, muss immer kritisch hinterfragt werden, inwieweit eine pädagogiesierung wirklich notwendig und sinnvoll ist. Falls es wirklich um ein reines „beschäftigen“ von Kindern und Jugendlichen geht, sehe ich darin keinerlei pädagogischen Ansatz sondern rein ökonomische Gesichtspunkte (auch hinsichtlich von Arbeitsplätzen).
    Gerade die „Offene Kinder- und Jugendarbeit“ vertritt andere Prinzipien als die im schulischen Kontext größtenteils (noch) vertreten werden (können). Ich sehe Offene Kinder- und Jugendarbeit als „Ermöglichungsstruktur“. Offene Kinder- und Jugendarbeit basiert auf einem subjektorientierten Bildungsbegriff und versteht Bildung vor allem als Selbstbildung.
    Das Schule in fast allen Diskussionen automatisch als Bildungsinstanz legitimiert ist und ein Hinterfragen nicht gewünscht wird, hallte ich als sehr gefährlich. Die meisten Bildungsreformen und auch Schulreformen setzen bei den Strukturen an und nicht beim Kern – der inhaltlichen Gestaltung und Ausrichtung.

  5. Große Ideen als Resultat von Wettbewerb. Welch ein Blödsinn! Wettbewerber orientieren sich ja bereits an einem einzigen vorgegebenen Zweck bzw. Ziel des Wettbewerbs und daher haben zwangsläufig die im Wettbewerb entstehenden Ideen, einzig den Zweck ausreichend effektive Mittel zur Zielerreichung zu sein. Die Beschaffenheit dieser „Ideen“ richtet sich ferner am quantitativ vergleichbaren Zeitaufwand aus, der zu ihrer Herstellung nötig ist, und welcher minimiert werden muss, um ihm Sinne dieses Wettbewerbs erfolgreich zu sein. Dass Qualität, gar Größe auf der Strecke bleiben, ist offensichtlich. „Große Ideen“ verlangen nach etwas ganz anderem: Muße. Doch in der allumschliessenden Dichotomie von „Arbeitszeit“ und „Freizeit“, bleibt uns die nicht abzählbare Zeit der Muße verwehrt und der nächsten Generation wird sie von Geburt an unbekannt bleiben, ginge es weiter nach diesem System.

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