Vom freien Willen – Eine Einführung.

messer-hand

aus einem Internet-Forum

Wie es mit dem „freie Willen“ beschaffen ist – darüber gingen die Meinungen schon immer auseinander, nicht erst in der Philosophie, sondern schon in der Theologie – und dort kommt die Idee (das ist es viel eher als ein ‚Begriff‘) her. Wenn die Menschen nicht selber verantwortlich wären für ihr Tun und Lassen, dann gäbe es keine Sünde, keine Reue, keine Erlösung. Dann hätte der liebe Gott nichts zu tun.
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Mit der Reformation kam – insbesondere bei Jean Calvin – die Anschauung auf, alles sei von Gott längst vorherbestimmt. Man könne sich durch gottesfürchtiges Handeln Gottes Gnade nicht „verdienen“ wie einen geschuldeten Lohn, man müsse sich in seinen unerforschlichen Ratschluss ergeben. Ich könne allenfalls an mir arbeiten, um seiner Gnade wert zu sein – falls seine Wahl denn einst auf mich fallen sollte…
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Die äußerste entgegengesetzte Position nahmen die Jesuiten ein. Darum haben sie auch ein pedantisch ausgefeilte Moralsystem ausgearbeitet, das für jeden denkbaren „Fall“ die richtige Lösung vorausberechnen sollte.
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Alle geistigen Bewegungen jener Zeit spielten sich vorm Hintergrund dieses Gegensatzes ab.
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Die Philosophie hat sich aus der Theologie eigentlich erst mit Descartes gelöst (wie die Wissenschaften mit Galileo). Nicht, dass in seinem System Gott nicht vorkäme: Der ist auch bei ihm die Voraussetzung. Aber unsere Erkenntnismöglichkeiten will er auf unser eigenes Denken zurückführen, nicht auf den geoffenbarten Glauben. Dass wir denken können, sei überhaupt der einzige Beweis dafür, dass wir wirklich sind.
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Spinoza hat (an Descartes in gewisser Weise anknüpfend) ein rationalistisches Weltsystem entworfen, in dem Gott und die Natur ein und dasselbe sind und in dem alles streng gesetzmäßig zugeht. Er ist von allen Leugnern des freien Willens der entschiedenste gewesen. Und sofern die Einlassungen der Naturwissenschaftler Singer und Roth überhaupt mit Philosophie zu tun haben, sagen sie buchstäblich nicht ein Wort mehr als Spinoza. Neu ist bei ihnen insofern gar nichts. Außer der Behauptung, dass es sich um einen Gegenstand der Naturwissenschaft handele.
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Man kann die Frage nach dem freien Willen auf dreierlei Art behandeln. Die Psychologie (sofern sie eine empirische Wissenschaft ist) kann untersuchen, wie im einzelnen Individuum Entscheidungsvorgänge verlaufen, und das hat Libet versucht. Sie wird aber (empirisch) niemals ‚Ursachen‘ und ‚Motive‘ sauber voneinander trennen können, weil das keine ‚Tatsachen‘ sind, die man beobachten könnte, sondern Denk-(Werk-)Zeuge, mit deren Hilfe man etwas beobachten kann. Sie sind nicht Gegenstand von Forschung, sondern zählen zu ihren begrifflichen Voraussetzungen.
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Dann gibt es die sogenannte ‚transzendentale‘ Freiheit; na ja, ob es sie ‚gibt‘, ist auch nicht unstrittig. Der Gedanke stammt aus Kants ‚kopernikanischer Wende‘ der Philosophie: Wir wissen von nichts anderem als dem, was… in unserm Wissen vorkommt. Das ist durchaus nicht trivial. Denn alle Philosophie vor ihm machte sich Gedanken über die Dinge, wie sie außerhalb unseres Wissens sein mögen. Aber davon können wir nunmal nichts wissen. Die Frage nach der Wahrheit oder Richtigkeit unseres Wissens müssen wir daher nicht an die Dinge stellen, sondern an unser Wissen selbst. Kants (drei) ‚Kritiken‘ sollten eine philosophische Untersuchung darüber sein, wie unser Wissen zustande kommt.
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Seither kann theoretische (!) Philosophie nicht mehr anders betrieben werden.
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Was hat das mit Freiheit zu tun? Der Elementarakt des Wissens ist das Urteil. Dass Urteile möglich sind, setzt voraus, dass einer da ist, der zu urteilen befähigt ist. Das Wissen beginnt also beim Subjekt. Wenn das nicht frei wäre zu urteilen – nicht aus eignem Vermögen urteilen könnte -, gäbe es kein Wissen.
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Und drittens gibt es… nein: drittens kann man ‚praktische‘ Philosophie betreiben. Die handelt nicht, wie die theoretische Philosophie, von dem, was ist, sondern von dem, was sein, d. h. was ich tun soll. Praktische Philosophie, Ethik, Moralphilosophie – das bedeutet dasselbe. Bei der steht am Anfang nicht die Frage, ob ‚es‘ die Freiheit des Willens ‚gibt‘, sondern die Prämisse (‚Postulat’), dass es ihn geben soll. Anders ist Moral ja gar nicht möglich.
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Genau das sagen auch Roth und Singer. Nur glauben sie, dass sie theoretisch „beobachten“ können, ob ‚es‘ einen freien Willen ‚gibt‘, und wollen davon abhängig machen, ob es Moral geben kann.
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Praktisch ist es aber andersrum. Da ‚es‘ Moral ‚gibt‘, ist der freie Wille gar keine Frage, sondern die Voraussetzung. Und nur unter dieser Voraussetzung lässt sich die Frage, welche Moral als die richtige gelten soll, überhaupt erörtern.

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~ von Panther Ray - Juni 25, 2009.

2 Antworten to “Vom freien Willen – Eine Einführung.”

  1. Richtige Moral? Ist das richtige, moralische Denken wirklich etwas, dass man pauschalisieren kann? Besonders im Bezug auf den freien Willen. Wenn der Wille frei sein kann, warum dann nicht die Moral? Insbesondere im Bezug auf Freiheit. Wenn Freiheit existiert, warum sollte Moral dann nicht frei sein? Ein freier Wille kann nur ein metaphysischer Ansatz einer größeren Erläuterung sein. Immerhin ist im Umkehrschluss aus dem letzten Abschnitt zu bedenken, dass ein freier Wille stehts bewusst oder un(ter)bewusst den Einflüssen von Moral, Pflichtbewusstsein, Verantwortungsgefühl und ähnlich tiefgründigen Dingen, erlegen.
    Ich schreibe im Moment an einer Blogkolumne zum Thema.

    • Wer sagt denn, dass die Moral nicht ‚frei‘ ist? Die Frage ist doch, was man unter Moral versteht. Wäre Moral ein Kodex von Verhaltensregeln, in dem für alle Fälle vorgesorgt ist, dann wäre da keine Freiheit, das ist wahr. Aber Moral besteht eben nicht darin, DAS RICHTIGE zu tun – das kann auch auf Komando oder aus Versehen geschehen -, sondern das Richtige zu WOLLEN. Moralität bezieht ich nicht auf das Ergebnis (das man ja nicht kontrollieren kann und ‚kontingent‘ ist), sondern auf den AKT der Wahl. Die geschieht aus Freiheit, und anders gäbe es keine Schuld. Ob das Ergebnis der Wahl das ‚Richtige‘ ist, steht in den Sternen. Der GRUND der Wahl muss der Richtige sein. Die Wahl ist die Richtige, die dem Urteil des Gewissens folgt. Eine Wahl, die aus andern Gründen erfolgt, ist unmoralisch.

      Das Vorhaben, die Moral in einem Regelwerk zu kodifizieren, ist ein unmoralisches Vorhaben, weil es den Einzelnen hindert, dem Urteil seines Gewissens zu folgen – und ihm nicht einmal zumutet, von seinem Gewissen ein Urteil zu verlangen. Um es ganz genau zu sagen: Das Ansinnen, in der Schule ‚Werte‘ zu ‚vermitteln‘ (und womöglich abzufragen und zu benoten), ist ein Angriff der Unmoral auf Anstand und gute Sitten. Jeder anständige Mensch muss dem entgegen treten. Es wäre nämlich buchstäblich der Untergang DES ABENDLANDS.

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