Tante Ida wird degradiert.

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NZZ 27. 5. 09:

Ein fossiler Affe als TV-Star

Das bis jetzt vollständigste Fossil aus der Frühzeit
in Deutschland gefunden

Ein 47 Millionen Jahre altes Affenfossil wurde durch eine geschickte PR-Aktion über Nacht zum Star. Der ausgestorbene Primat wird vorschnell als Urahn des Menschen gehandelt.

Selten gab es um ein Fossil so viel Rummel wie um Darwinius masillae, einen etwa 47 Millionen Jahre alten Halbaffen aus der Grube Messel bei Darmstadt. Die Fundstelle wurde wegen ihres Reichtums an Fossilien aus der frühen Erdneuzeit 1995 zum bis anhin einzigen deutschen Unesco-Weltnaturerbe erklärt. Schon Tage vor der offiziellen Bekanntgabe des Fundes im Online-Magazin Plos One waren prominente Zeitungen mit Sensationsmeldungen vorgeprescht, in denen sich entgegen wissenschaftlichen Gepflogenheiten auch die Autoren der Arbeit selbst zu Wort meldeten. In der «New York Times» bezeichnete der Leiter des internationalen Untersuchungsteams, der Norweger Jörn Hurum, das Fossil als «Archaeopteryx der Primaten-Evolution». Und im «Wall Street Journal» sprach Teammitglied Philip Gingerich gar von einem möglichen Vorfahren aller höheren Primaten.

Geschickte PR-Aktion

Die mit Hilfe einer PR-Agentur gezielt geschürten Erwartungen gipfelten am Erscheinungsdatum der wissenschaftlichen Publikation letzte Woche in der feierlichen Enthüllung des Fossils im Museum of Natural History in New York – in Anwesenheit des Bürgermeisters der Stadt, Michael Bloomberg. Genau auf diesen Zeitpunkt hin hatten die Autoren zudem eine TV-Dokumentation mit Sir David Attenborough und ein Buch vorbereitet: beide mit dem Titel «The Link» in Anlehnung an den Begriff «Missing Link» (fehlendes Bindeglied). Die vergangene Woche erschienene 27-seitige Arbeit bietet eine sorgfältige Beschreibung des Fossils aus Messel – des vollständigsten jemals gefundenen Skeletts eines Primaten. Darwinius masillae bewohnte zu Beginn der Erdneuzeit (im Eozän) den damals um Messel vorherrschenden tropischen Regenwald.1 Die computertomografisch unterstützte anatomische Untersuchung des Skeletts lässt auf ein knapp einjähriges, weniger als ein Pfund schweres Weibchen schliessen, das sich mit seinen langen Fingern und Zehen geschickt in den Bäumen fortbewegte. Mit einem  abgespreizten Daumen konnte es möglicherweise – wie die höheren Primaten – Gegenstände greifen.

Die phylogenetische Einordnung von Darwinius masillae erörtern die Autoren allerdings nur auf weniger als einer der insgesamt 27 Seiten. Anhand eines Vergleichs mit heute lebendenHalbaffen vermuten sie, dieser frühe Primat sei mitsamt seinen nächsten Verwandten bei den Trockennasenaffen (Haplorhinen) einzuordnen – der Gruppe also, der alle höheren Primaten einschliesslich des Menschen angehören. Vor allem aufgrund von Merkmalen des  Gesichtsschädels, der Zähne und Füsse spekulieren die Forscher, dass die entdeckte Art möglicherweise sogar den Ursprungsformen der Trockennasen und damit allen späteren Primaten nahesteht. Doch nach bis jetzt allgemein akzeptierter Auffassung gehören Darwinius und seine Verwandten zur Gruppe der primitiveren Feuchtnasenaffen (Strepsirrhinen), zu denen die heutigen madegassischen Lemuren und die meisten anderen Halbaffen zählen. Als Urahn der höheren Primaten dürfte er damit kaum in Frage kommen.

Rosinenpickerei bei der Beweisführung

Gegen die neue, von den Autoren nur lapidar begründete Hypothese meldete sich denn auch heftiger Widerspruch. Rosinenpickerei nennt der Paläontologe Richard Kay von der Duke-Universität das Vorgehen der Wissenschafter in einem Online-Kommentar der Zeitschrift «Science». Die Autoren hätten für ihren Vergleich nur jene Merkmale ausgewählt, die ihnen ins Konzept passten. Die Beweislage für eine Verbindung zwischen Darwinius und höheren Primaten sei extrem schwach und im Wesentlichen negativ, bestätigt auch der Primatologe Robert Martin vom Field Museum in Chicago gegenüber der NZZ.

Auch wenn niemand den Wert des Messler Fossils als vollständigstes Dokument aus der Frühzeit der Primaten-Evolution in Abrede stellt, kritisieren viele Wissenschafter dessen Vermarktung, bei der mit unbewiesenen Behauptungen – so etwa dem TV-Clip «This changes everything» – und mit PR-Methoden operiert wurde, die im Wissenschaftsbetrieb unüblich sind. Unüblich ist übrigens auch die Vorgeschichte des Fossils. Im Jahr 1983 von privaten Sammlern geborgen, wurde es in zwei Teile zerlegt, die bis vor kurzem eine je eigene Geschichte aufwiesen. Während die Gesteinsplatte mit der einen Hälfte des Tieres an ein Dinosaurier-Museum in den USA verkauft wurde, blieb der vollständigere zweite Teil verschollen, bis ihn eine Privatperson vor drei Jahren auf einer Fossilien- und Mineralienmesse für eine Million US-Dollar zum Verkauf anbot. Jörn Hurum, dem Direktor des Naturhistorischen Museums in Oslo, gelang es schliesslich, das Stück zu einem unbekannten Preis für seine Institution zu erwerben und das nun vollständige Fossil – ein Vierteljahrhundert nach seiner Entdeckung – mit einem internationalen Team endlich wissenschaftlich zu analysieren.

Sibylle Wehner-v. Segesser

1 Plos One4, Online-Publikation vom 19. Mai (2009), e5723.

der "Piltdown-Mensch" - ein wissenschaftlicher Bluf von 1912

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~ von Panther Ray - Mai 27, 2009.

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