Kein Nationaldenkmal für die Deutschen.

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Von Flurschaden unken die Gazetten*: Das Denkmal für die „friedliche Revolution“ im Jahr 1989 wird nicht gebaut. Unter den über fünfhundert Entwürfen war keiner, der die Jury überzeugt hat.

Doch das ist mehr ein kunsthistorisches und ästhetisches Datum als ein politisches. Zeitgenössischen Künstlern gelingt es „nicht mehr“, Werke zu schaffen, die sachlich-thematischen Bezug angemessen darstellen können und zugleich höheren ästhetischen Anforderungen genügen.

Der Auftrag an die Bildhauer war thematisch überfrachtet. Außer dem Jahr 1989 sollte auch das Jahr 1848 im Denkmal sichtbar werden. Und der ästhetische Rahmen war eingeengt: Ein optischer Bezug zum Bauensemble am Standort am Spreeufer gegenüber der westlichen Schlossfassade, wo einst das Kaiser-Wilhelm-Standbild war, sollte hergestellt werden – vor Hintergrund der Stadtkommandantur und der Bauakademie.

Schon das Holokaust-Denkmal hatte nur gedämpfte Zustimmung gefunden. Zu groß dimensioniert und in der Aussage zu beliebig. Überdimensioniert ist ein ästhetischer Gesichtspunkt, beliebig ein sachlich-thematischer. Beides gehört in diesem Fall zusammen. Der Künstler hatte die Dimension offenbar gewählt, um dem Werk einen Zug von Erhabenheit zu geben, der den mangelnden thematischen Bezug verdecken könnte: Um zu erkennen, dass die Betonklötze Stelen für die Toten vorstellen, muss man den Beipackzettel lesen; sehen kann man es nicht.

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Ein expressives Baudenkmal konnten die Juden in Yadvashem errichten. Dort gedenken die Überlebenden ihrer Toten. Es ist ein Monument der Klage. Die Kinder der Täter können nicht einfach klagen…

Aber wir haben schon ein Nationaldenkmal, das an ein Ereignis erinnern, das sich heuer zum zweitausendsten Male jährt – den Hermann in Teutoburger Wald. War es zu seiner Zeit ästhetisch umstritten? Der thematische Bezug war es kaum, und so reichte die Erhabenheit seiner Dimensionen als ästhetische Qualität wohl aus. Doch heute ist es nicht nur der historische Bezug, sondern die Erhabenheit selbst, die zu einem Grinsen zwingt.

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Das geplante Denkmal an der Berliner Schlossfreiheit hat es mit der Erhabenheit auch nicht nur aus ästhetischen Gründen schwer. Die friedliche “Revolution” des Jahres 1989 war wohl der längst überfällige Zusammenbruch eines Kartenhauses. Dramatische Ereignisse, die zu Pathos berechtigen und zu erhebenden Stimmungen Anlass bieten, gab es nicht. Weshalb schon der Ausdruck Revolution schwer über die Lippen geht, obwohl er ja in einem technischen Sinn durchaus passt.

Und vollends in die Bredouille brachte die am Wettbewerb teilnehmenden Künstler die geforderte Mahnung an das Jahr 1848. Was hätte jene Farce anders verdient als eine Satire? Die “Revolution” von 1848 war keine; nicht nur im technischen Sinne nicht, sofern sie erfolglos war, sondern im allgemeinsten poltischen Verständnis nicht. Zwar friedlich war sie nicht, und relativ dramatische Augenblicke gab es auch (wenige). Doch wurde sie nicht von einer übermächtigen Konterrevolution niedergeschlagen, sondern ist daran verendet, dass sie, als es ernst zu werden drohte, nicht Ernst gemacht hat. Sie hat gekniffen.

Anderfalls wäre die Weltgeschichte der letzten hundertfünfzig Jahre anders verlaufen. Die Juden bräuchten kein Yadvashem und in Deutschland hätte es jenes Kartenhaus nicht gegeben, das beim ersten Lufthauch eingefallen ist.

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*) FAZ vom 30. 4. 09

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~ von Panther Ray - April 30, 2009.

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