Von der allmählichen Verfertigung der Vernunft im Verkehr.

verkehren

„Ich glaube nicht, dass Gott da war, sondern dass er erst kommt. Aber nur, wenn man ihm den Weg kürzer macht als bisher!“ Se. Erlaucht wies das mit den würdigen Worten zurück: „Das ist mir zu hoch.“

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Vernunft nennen wir die Annahme, dass es ein Urteilsvermögen gibt, welches als einem Jeden („der menschliches Antlitz trägt“, sagt Fichte) in gleichem Maße gegeben vorausgesetzt, und dessen Betätigung einem Jeden in gleichen Maße zuzumuten ist.

Wenn das Ich sich selber setzt; wenn jeder seine eigne Welt entwirft; wenn mein Wissen mein eigenes Konstrukt ist – wie ist es möglich, dass auf dieser Welt auch nur Zweie sich über auch nur Eines verständigen können?

evolution

Als sich vor zwei, drei Millionen Jahren in Ostafrika das Klima erwärmte und den Regenwald zu einer Feuchtsavanne ausdünnte, zogen sich unsere Vorfahren nicht, wie ihre äffischen Vettern, mit dem Dschungel zurück, sondern stiegen stattdessen auf den Boden herab. Eine Feuchtsavanne ist kein einheitlicher Lebensraum, an den man sich spezialistisch “anpassen” kann. Sie besteht aus vielen Vegetations- und Klimainseln, wo ganz unterschiedliche Bedingungen gegeben sein mögen, aber von denen keine einem großen Säuger als dauernder Wohnort ausreicht. Jedenfalls gewöhnten sie sich an, von einer zur andern zu wechseln. Über Millionen Jahre lebten unsere Vorfahren von da an als Nomaden und Entdeckungsreisende.

okavangobecken

Dabei begegnet ihnen erstens immer wieder Unbekanntes – das ‘noch keine’ Bedeutung hatte; und zu den Bedeutungen, die ihnen der Urwald in Jahrmillionen angeerbt hatte, fanden sie nicht mehr die passenden ‘Dinge’. Sie mussten ’sich was einfallen lassen’, mussten Bedeutungen ahnend neu ‘heraus’-, d. h. hinein-finden, und mussten Fremdes mit dunklen Erinnerungen an Vergangenes vergleichen. Sie mussten sich ein Bedeutungsreservoir angelegen, das übertragbar, das tragbar, das transportabel war. Es kann mit Allem verglichen werden, was auftaucht, und alles, was auftaucht, ist mit der Erwartung ausgezeichnet, vergleichbar zu sein: “Passt oder passt nicht?” Erweist es sich als inkommensurabel – dann ist es nicht etwa ‘bedeutungslos’, sondern im Gegenteil etwas ganz Besonderes.

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An die Stelle der verlorenen ‘Umwelt’ ist nun eine Welt getreten, die ‘zuerst’ (in Symbolen transportabel und) in der Vorstellung ‘da ist’, an der die begegnenden ‘Dinge’ gemessen und auf ihre Tauglichkeit geprüft werden. Was “passt”, hat Chancen, (für) ‘wahrer’ genommen zu werden, als was nicht passt oder nicht so gut passt. Jenes, das Fremde, hat dagegen Chancen, einer ‘höheren’ Wirklichkeit zugerechnet zu werden, die gleichermaßen anziehend und bedrohlich sei kann. (Es ist die animistische Welt des Totems.)

Und um diese Vorstellungswelt von einer Insel zur andern transportieren attisches Trinkgefäß, 6. Jhdt. v. Chr.zu können, musste ein Behältnis ausgebildet werden. Die (schubweise) Vergrößerung des menschlichen Gehirns folgt der Erfindung des aufrechten Ganges und der Ausweitung des menschlichen Aktionsradius. Verlassen hatten wir einen sicheren Ort, wo alles so war, wie es war, und wo wir es darum nicht “bemerken” mussten. Ein Ich, das sich von diesem Ort unterscheiden musste, war nicht ‘da’. Das änderte sich drastisch, als wir ‘zur Welt kamen’. Dieser Ort war ein vages Durcheinander von Wundern und Unwägbarem, das “immer neu” begegnete. Ein ‘ruhender’ Pol im steten Wechsel ist allein die wandernde Menschengruppe, die sich als beharrendes Subjekt in einer flüchtigen… ja eben: Welt behauptete. Der einstmals umweltlich ungeschiedene Erlebensraum der Individuen zerfällt in ein Drinnen – die gewisse Gruppe -, und ein ungewisses Draußen. Je dringlicher es der Vergewisserung des Draußen bedarf, umso nötiger wird die Verständigung im Innern.

Die – von nun an selbst gemachte – Geschichte der Gattung Mensch geschieht im Verkehr. Verkehr heißt Mitteilung. Mitteilung bedarf eines Vehikels, eines “Gefäßes”, in dem die je gemeinte Bedeutung vom Einen zum Andern gereicht wird. Je öfter das Mitteilen nötig wird, umso fester muss das Gefäß sein. Eine Bedeutung, die in einer Gebärde symbolisiert wird, ist weniger haltbar als eine, die in einem gesprochenen Wort symbolisiert ist. Und nur in unablässigem Verkehr kann die Bedeutung des Symbols andererseits auch Erhalten bleiben.

Claude Monet, Boulevard des Capucines

Aber ich bin auch in ‘meiner’ Welt nicht allein. Ich stehe von Anbeginn bis Schluss in Verkehr. Im Verkehr kann der Eine an die Stelle des Andern treten. Im Verkehr wird der Wechsel der Perspektiven habituell. Aus dem Verkehr erwachsen Abstände und Nähen, der Verkehr manifestiert Unterschiede und schafft Reflexion. Verkehr ist Vermittlung. In der Welt, die Verkehr ist, ist nichts unmittelbar. Genauer gesagt: In ‘unserer’ Welt ist nichts unmittelbar, ist alles nur ‘vermittels…’: Alles ist verkehrt. Das Unmittelbare kommt allein in ‘meiner’ Welt vor. In ‘unserer’ Welt kann ich es nur symbolisch vermittelt “zur Sprache bringen” – was in ‘meiner’ Welt gar nicht nötig ist.

Das Sprachspiel ist sekundär.

zwei Welten

In der Sprache liegt die Reflexion, und darum kann die Sprache das Unmittelbare nicht aussagen. Die Sprache tötet das Unmittelbare… Das Unmittelbare ist nämlich das Unbestimmbare, und darum kann die Sprache es nicht auffassen; dass es aber das Unbestimmbare ist, ist nicht seine Vollkommenheit, sondern ein Mangel an ihm.“

Sören Kierkegaard, Entweder-Oder,

Wir leben in zwei Welten; der Welt der Tatsachen und der Welt der Bedeutungen. Die Bedeutung ist die Art und Weise, in der die Dinge uns „vorkommen“. Dinge, die nichts bedeuten, nehmen wir gar nicht erst wahr. Allerdings weiß man nicht immer, was sie zu bedeuten haben. Dann werden sie als Frage bedeutsam, auf einer Skala zwischen Gefahr und Versuchung. Nur in der Reflexion kann man von der Art ihrer Gegebenheit absehen und sich denken, daß „es“ sie vielleicht auch unabhängig von ihrer Bedeutung „geben“ könnte. Freilich – vorstellen, was das dann bedeuten soll, kann ich mir schon nicht mehr. Der Philosoph sagt es so: Von einem Ding an sich könne man nichts wissen.

Wir kamen nämlich alle auf eine Welt, die von den Generationen vor uns längst ausgedeutet wurde. Alle Dinge haben schon ihre Namen, und die klingen so, als sagten markierensie etwas über deren Wesen. Sie sind nicht bloße Zeichen für dieses oder das, sondern sie weisen uns auch an, wie man sie verwenden soll: denn sie gehören zu einer Sprache. In deren lebendigem Zusammenhang bedeuten sie sich gegenseitig. Sie zeigen uns an – nein, nicht was die Dinge sind, sondern was man aus ihnen machen kann. Nicht die Sprache selbst, aber Sprachlichkeit ist dem Menschen angeboren – als eine faktische Bedingung seiner Art der „Wahr“-Nehmung.

Denn er hat „von Natur“ (und das heißt hier: erworben im Laufe seiner selbst-gemachten Gattungsgeschichte) zwei Regionen im Gehirn, die für ihr Sprachvermögen zuständig sind; eine – die vordere – für die technische Verfertigung von Wörtern und Sätzen mit Kehlkopf und Mund, und die zweite, hintere, für die Vorstellung. Die sprachliche Repräsentation der Welt ist nicht etwas, das dem Kind im Laufe seiner Entwicklung quasi von außen beigebracht wird. Umgekehrt; ihm würde vielmehr etwas fehlen, wenn ihm (wie etwa bei Taubgeborenen) die entwicklungsgeschichtlich vorgesehenen Wörter nicht mitgeteilt würden, auf die es seine Sprachfähigkeit abgesehen hat. Nicht dieser oder jener Sinn, aber die Sinnhaftigkeit der Welt ist ein Apriori der Wahrnehmung selbst. Der logische Schein, der der Welt durch unsere primäre Sprachfähigkeit zugedacht wird, strahlt in den vorsprachlichen Raum zurück.

Die Experimente über Gestaltwahrnehmung haben gezeigt, dass unser Gehirn die elementarsten Sinndeutungen (oben/unten, größer/ kleiner, vorn/hinten u.v.m.) noch vor allem Eingreifen des Bewußtseins vornimmt; als Erbe unserer Stammesgeschichte. Raum und Zeit und das meiste, das in Kants Kategorientafeln vorkommt, gehören zu jenen neunundneunzig Prozent, von denen die Evolutionäre Erkenntnistheorie spricht.

Der aufrechte Gang hat den Horizont des Menschen erweitert. Er gewann Überblick, er wurde mobiler. Und die Dinge selbst bekamen eine neue Dimension: Sie waren zuhanden, seit er seine Hände erheben konnte. Damit sie aber auch vorhanden werden konnten, nämlich für die Vorstellung; als der Inhalt einer Welt, in der sie und durch sie eine Bedeutung haben – damit sie Gegenstände werden konnten, mußte etwas hinzu kommen. Intelligenz heißt, dem Wortsinn nach, nicht nur Überblick, sondern Durchblick. Woher kommt die Gewohnheit, an und in allem, was der Wahrnehmung begegnet, einen Sinn zu erwarten? Was, genauer gesagt, unterscheidet die Sprache der Menschen von den Kommunikationssystemen anderer Lebewesen?

Zunächst und offenkundig ist Sprache ein Medium der Mitteilung. Informationen werden von einem Individuum in das Mitteilungandere übertragen. Mit hörbaren Klängen, sichtbaren Bewegungen, riechbaren Aromen, Druck und Stoß. Auch die Übergabe eines Gens von einem Organismus an den andern ist Mitteilung. Insofern hat alles, was lebt, irgendwie „Sprache“. Die eine ist reichhaltiger, die andere dürftiger.

Sprache ist aber auch Ausdruck – sagen wir vorsichtig: von inneren Zuständen. Besser, von inneren „Bewegungen“; denn was nach außen drückt, ‚steht’ ja wohl nicht. Nur ein bewegtes Erleben will „sich ausdrücken“. Was aber reguliert, bestimmt, prägt oder erregt das Erleben? Es handelt sich „letzten Endes“ um neuronale Vorgänge. Ganz prosaisch gesagt: um elektrische Ströme zwischen den Zellen des Gehirns. Welche Meldungen bis dorthin gelangen, wird zunächst einmal vom sensorischen Apparat des Individuums ausgesucht und vorsortiert. Dann wird es über die Nervenbahnen an die Gehirnregionen weitergeleitet, zu denen sie „gehören“. Dort wird dann alles zu einem Bild zusammengesetzt.

Irgendein inneres Bild macht sich jedes Wirbeltier – denn es verfügt über einen Knoten, in dem die Nervenstränge zusammenlaufen, eine Art Gehirn, und sei es noch so rudimentär. Die Zecke unterscheidet nur hell und dunkel und warm und kalt. Dunkel heißt: Hab Acht, etwas nähert sich. Warm heißt: Es ist ein Tier. Sie springt, sticht und saugt sich fest. Das ist der Sinn ihres Lebens: eine einfache Folge von Reizen und Reaktionen. Dafür braucht sie kein Bild – und kein Gehirn. Für die Zecke „gibt es“ nur Hell und Dunkel und Warm und Kalt, aber keine Welt (und nichtmal eine Umwelt). Das Leben der Wirbeltiere ist komplexer. Viele verschiedene Reize rufen nach vielen verschiedenen Reaktionen. Die müssen integriert werden, damit sie einander nicht durchkreuzen. Diese Abstimmung leistet das Gehirn. Die Erfahrung aller vergangenen Generationen hat ihm ein Interpretationsmuster eingeprägt. Das ist seine Welt. Es „hat“ sie; allerdings weiß es nichts davon. (Und darum ist sie nicht ‚Welt’, sondern Umwelt.)

Und je umfassender die Integrationsleistungen, die das Nervenzentrum zu erbringen hat, um so reicher die Welt. Wir gelangen zu einer Tautologie: Je komplexer das Gehirn, um so weiter die Welt. Je weiter die Welt, umso komplexer das Gehirn. Doch tautologisch ist das nur, wenn man es wiederum – statisch betrachtet. Vom Australopithecus bis zum Homo sapiens hat sich das Gehirnvolumen mehr als verdreifacht (von ca. 260 ccm auf ca. 900 ccm), und die Anzahl seiner Zellen hat sich brains-australopithecus-erectus-sapiensdabei exponentiell vermehrt. Eine völlig neue innere Struktur hat sich gebildet, Regionen sind entstanden, die es bei keinem anderen Lebewesen gibt. Und darunter die Quelle all unseren Hochmuts: der Neocortex, die sprichwörtlichen kleinen grauen Zellen. Mehr Hirn eröffnet mehr Welt, mehr Welt fordert mehr Hirn. Das ist keine Tautologie, sondern eine (dynamische) Wechselwirkung. Die Besonderheit der menschlichen Sprache ist nur, daß sie die neuralen Vorgänge im Gehirn nicht nur (medial) ausdrückt, sondern auch (symbolisch) abbildet. Wir haben nicht nur ein Bild von der Welt, sondern wir wissen es auch; und wir wissen, welches. Wir können es uns im eigentlichen Sinn, nämlich mit Absicht und mit Freiheit, vor/stellen. Reflexion ist nicht – nach dem anschaulichen Einbilden – sozusagen der zweite Arbeitsgang des Denkens. Sie ist seine zweite, die erste überall verdoppelnde Dimension.

Bedeutung ist „nichts anderes als die Verwendung eines Worts im Sprachspiel“. – Vertrautheit bedeutet für eine Intelligenz, deren ‚Weltgewärtigkeit’ durch Sprachsymbole vermittelt ist, daß eine Sache im Sprachspiel „ihren Platz hat“; er ist ihr so „angestammt“ wie die Sprache dem Individuum. Sofern aber das Sprachspiel dynamisch ist, System in processu, ist jede Vertrautheit relativ; nämlich relativ zur Vetrautheit von allem andern.

Sicherheitsnetz

Die Welt als Verweisungszusammenhang im Sprachspiel ist das Gewöhnliche; das selbstverständlich-Geläufige, dessen Zugang „uns durch seine Alltäglichkeit verstellt“ ist: Redundanz, wo es doch eigentlich ‚das Wichtigste’ wäre! Sie ist Grund. Tiefpunkt [Flachfleck]: die Hilfsverben sein und haben, die gewohnheitsmäßig als Kopula verwendet werden; so daß, ‚was wesentlich zu einander gehört, nur zufällig auf einander bezogen’ erscheint; „das Rohe [Vulgäre] schlechthin“, nach Marx [ad Wagner]. Doch je seltener eine Figur im Sprachspiel vorkommt, je mehr sie „an seinem Rand“, an seiner Grenze (zum Absurden) vorkommt, umso ‚bedeutender’ (informativer) wird sie wiederum; in Sonderheit das ‚uneigentliche’ Sprechen: Metaphorik und Ironie; die ‚Grenze’ selbst ist das Paradox.

Indes – die Gegebenheit im Sprachspiel, durch das Sprachspiel, ist eine sekundäre Gegebenheitsweise. Eben Vermittlung. Darum ist die Vertrautheit Schein. DasVermittlung uneigentliche Sprechen ‚sieht darauf ab’, diesen Schein zu zerstreuen. Die sprachlich vermittelte Welt ist nicht der Rohstoff (materia prima) unserer Wahrnehmung.

Also: Die Sprache der Menschen unterscheidet sich von den ‚Sprachen’ aller anderen Lebenwesen dadurch, daß sie nicht nur je einzelne ‚Informationen’ übermittelt, sondern sich in ihr zugleich ein Bild von der Welt mitteilt; als Meta-‚Information’ vom einen an den andern weitergegeben werden kann, und auch von einer Generation an die nächste; so daß [jenes] nicht individuell und sterblich, sondern kollektiv und „lebendig“ ist: nämlich von einem jeden Individuum bereichert; und eben das ist Kultur in specie.

Ein mittleres Feld.

Zwischenreich

Erst die Sprache scheidet sinnfällig von bedeutend: indem sie ein mittleres Feld konstituiert, in welchem Bedeutung dem phänomenal (sinnfällig) Gegebenen qua Symbol (Begriff) apriori angeheftet, zugedacht,‚zugerechnet’ ist. Reflexion, als die reguläre Einordnung der ‚Erscheinung’ ins ‚System’, ist im Sprachspiel habituell geworden. Und ebenso die Scheidung von Ich und Welt: insofern nämlich das Ich als einziges nicht apriori in symbolischer Form „gegeben“ ist, sondern andauernd zuerst erlebt und nur à contrecoeur ‚symbolisiert’ wird; darum auch keine apriori gegebene Bedeutung ‚hat’! Es gehört nicht zu diesem Zwischenreich, Mittelfeld, „Halbwelt“ des Sprachspiels. [‚Der Grund des Systems kommt in ihm nicht vor.’] Ich ‚erlebt’ immer nur eine gewohnheitsmäßig schon-bedeutende Welt. Aber weil und soweit es nicht selber dazugehört, erlebt es auch mehr als diese! Die Zugehörigkeit zum Sprachspiel ist eben eine relative: Vertraut ist, was oft darin vorkommt („fester Platz“); aber was zu oft darin vorkommt, verliert seinen „Platz“, ist ‚überall und nirgends’ und wird so unbedeutend. „Recht eigentlich“ bedeutend ist vielmehr das, was bislang noch nicht darin ‚vorgekommen’ war; es wird zum Erlebnis par excellence (durch die Sprache: ohne sie wäre es bloß Erlebnis); zum bedeutenden Erlebnis…

nur mit Ironie

Und als solches konstituiert es das Reich des Ästhetischen. Mit der Sprache läßt es sich nur uneigentlich darstellen – Metapher, Ironie, Paradox.

Einbilden und verständigen.

Es ist nicht wahr, dass die Vernunft an den Wörtern hängt. Die Mitteilung der Vernunft hängt an den Wörtern: die Verständigung, der Verstand.

gralsbaum

Auch die Bilder können mitgeteilt werden, im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit zumal. Aber es gibt keine Gewissheit, ob sie so ankommen, wie sie losgeschickt wurden: ob der Emp-Fänger sie so auf-fasst wie der Ent-Sender sie ab-gelassen hat. Das analogische Denken fordert die Einbil- dungskraft heraus, und auf die ist nur sehr unterschiedlich Verlass: bei dem einen schafft sie viel, vielleicht zu viel, bei dem andern wenig… Und ob, das lässt sich vom Sender gar nicht kontrollieren.

In einem Lebensverbund (’Gesellschaft’), der auf Arbeits- teilung beruht, kann aber das Gelingen der Mitteilung nicht dem Zufall überlassen bleiben. Die ganzen Bilder müssen – durch Abstraktion/Reflexion – zu vielen einzelnen Zeichen zerlegt und mit einer Gebrauchsanleitung zu ihrer Rekom- position ausgestattet werden: lauter Bedeutungsatome (”Informationen”), die nach allgemeinen, d. h. öffentlichen, nämlich zwingenden und kontrollierbaren Denkgesetzen zusammengesetzt sind: der Logik.

mitteilenDie Begriffe und die Logik sind in der Tat pragmatische Pro- dukte: Sie bewähren sich – täglich aufs Neue – als Medien der Verständigung.

Aber das, worüber Verständigung geschieht; das, was mitge- teilt wird, das sind 1.) Anschauungen und 2.) Vorstellungen, die “zuerst” als Bilder “da“ waren. Mit den Zeichen und ihren Verbindungsregeln werden sie nur “beschrieben”.

Und selbstredend kann es gelingen – nämlich diesem oder jenem -, dass aus dem freien Gebrauch der Zeichen und Verbindungsregeln neue Bilder sichtbar werden. Aber sie schaffen die Bilder nicht, sondern sie führen, d. h. verfüh- ren… die Einbildungskraft!

Der Verstand kann den Blick frei machen – nämlich durch die im zu langen Gebrauch opak gewordenen Bilder hindurch; aber sehen muss jeder selbst.

times square

Allerdings ist es wahr – und insofern haben die Lamentationen der Postman & Co. was für sich -, dass es kaum noch ein Bild gibt, das nicht schon tausendmal “da war” – und darum tausendmal bezeichnet wurde. Der vergesellschaftete Einbildner kann gar nicht anders als die im Verkehr bewährten Zeichen “immer schon” in die Bilder mit hineinzusehen – was deren ‘Gehalt’ aber nicht vermehrt, sondern im Gegenteil schmälert: indem auf diese Bedeutung besondern abgesehen wird, wird von jeder andern – eben auch denkbaren – abgesehen.

Kritisches Denken ist nur in einem flachen Verständnis dasjenige, das sich auf die Prüfung beschränkt, ob die Zeichen auch wirklich alle nach den Regeln der Kunst (dem Denk- gesetz) zusammengesetzt sind. Im ausgezeichneten Sinn ist das kritische Denken dasjenige, das den Gebrauch der im Verkehr bewährten Zeichen immer wieder mit dem Anblick der Bilder vergleicht. Das ist keine diskursiver, sondern ein intuitiver Akt. Ob in den Bildern “mehr”, das heisst was andres zu sehen ist, als die konventionellen Zeichen herausholen, ist ein ästhetisches Urteil, kein logisches.

kartoffel

Das ist im übrigen, was man Witz nennt, und das Vermögen dazu heißt Humor.

Ist Vernunft die Summe alles Vernünftigen?

Ist es richtig, Vernunft zu bestimmen durch ‚all das, was vernünftig ist’?

Das wäre ein additives Verfahren. Ist es machbar?

einsammeln

Auf den ersten Blick stellt sich ein technisches Problem: Auch wenn sich ‚alle, die vernünftig’ sind, einigen könnten auf ‚das, was vernünftig ist’ – sie könnten es nie erschöpfen, weil ihre Zeit endlich ist. Dem könnte man pragmatisch abhelfen: Vernunft soll sein: alles worauf wir uns ‚im Moment’ verständigt haben. Ja – sofern sie sich verständigen können! Und wenn nicht? Sie haben ja keinen Maßstab, nach dem sie entscheiden können.

Der Maßstab muss offenbar vor dem zu Messenden ‚gegeben’ sein.

Nehmen wir als Beispiel den Meter. Kann man (zu einem gegebenen Zeitpunkt) all das aufzählen, was ‚einen Meter lang ist’? Als ‚einen Meter lang’ gelten soll? Das führt zu einer unendlichen Kreisbewegung. Es handelt sich also um mehr als ein technisches Problem. Der Meter muss zuerst selber ‚bestimmt’ sein – als ein bestimmter Bruchteil des Erdumfangs beispielsweise. Man hätte ihn auch anders bestimmen können. Aber es hat sich (pragmatisch) eine Konvention durchgesetzt, und die liegt in einem Pariser Keller dokumentiert.

das Urmeter

Die Frage ist ja nur, wozu es taugen, was es leisten soll. Wie es ‚verwendet’ wird. Also was, d. h. wozu es bestimmt ist.

Vernunft kann nicht (ex post) durch ‚all das’ definiert werden, ‚was vernünftig ist’. Das wäre eine bloße Konvention, die jeder Zeit durch eine andere Konvention ersetzbar wäre. Sie wäre inter-subjektiv; aber eben doch subjektiv. Vernunft muss (ex ante) bestimmt werden durch ihren Zweck: als einem Obiectivum. Sie muss objektiv bestimmt sein, anders taugt sie nicht zum Maßstab, der Entscheidung ermöglicht, wo Meinungsverschiedenheit herrscht. Eine Entscheidung, bei der die Minderheit Recht haben kann, das nicht auf den wechselnden Konstellationen der Mehrheiten beruht!

Wenn wir sagen: dieser Mensch ist sehr intelligent; weniger intelligent; unintelligent – dann meinen wir ein individuelles Vermögen, das im Subjekt ‚vorhanden’ ist – in je unterschiedlichem Maß. Sagen wir: Der ist aber unvernünftig – dann meinen wir nicht, dass ihm Vernunft nicht gegeben wäre, sondern dass er sich ihrer zu sparsam bedient. In dem einen Fall ‚kann er nicht dafür’, im andern kann er dafür – und das ist ihm als Mangel ‚zurechenbar’. Intelligenz ist etwas, das gemessen wird (man mag streiten, ob er IQ-Test dafür brauchbar ist). Vernunft ist offenbar selber Maß: jenseits der reellen Subjekte; also objektiv.

Als Maß ist sie Medium. Alles, was durch es ‚gemessen’ und gewertet wird (sie ist Wertmaß), ist durch sie vermitteln und ergo mittelbar.

glaskugel

Freilich – das Maß muss zum Messen (Bewerten) dessen, was gemessen (gewertet) werden soll, materialiter geeignet sein. Es kann nicht Alles messen, sondern nur das, wofür es bestimmt ist.

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Terminus ad quem.

Vernunft ist ein Postulat, das sich selbst setzt und voraussetzt. Es ist eo ipso das Postulat, dass zumindest in dieser einen Hinsicht „Alle gleich“ sind.

Das ist offenbar zunächst nur eine formale Bestimmung. Welche die positiven Gehalte der Vernunft seien, muss sich immer wieder erst im Zuge von deren Betätigung erweisen: im argumentativen Verkehr eines Jeden mit Jedem.

Und dieser Verkehr heißt Öffentlichkeit.

Dass es sich ‚nur’ um ein Postulat handelt, bedeutet zugleich, dass sie nur „problematisch“ gilt: als immer wieder zu bewältigende Aufgabe. Ob es ‚wirklich so ist’, muss sich allezeit im Vollzug erst noch bewähren. Vernunft ‚gibt es’ nur als self fulfilling prophecy – oder eben nicht. Sie ist nicht terminus a quo, von wo alles seinen Ausgang nahm, sondern terminus ad quem, auf den alles hinausläuft – sofern nämlich alles gut geht.

Terminus ad quem

Das Postulat, dass Vernunft sein soll,

und die Einsicht, dass es Wahrheit geben muss, wenn unser Tun und Lassen einen Sinn haben soll,.

bedeuten dasselbe.

Vernunft ist proiectum, nicht proiectio.

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~ von Panther Ray - April 18, 2009.

2 Antworten to “Von der allmählichen Verfertigung der Vernunft im Verkehr.”

  1. […] und dass sich der Unterscheid von wahr und unwahr durch überprüfen der Gründe erkennen lässt. Vernunft ist die Projektion eines Zustandes, in dem alle Gründe geprüft und bestätigt sind. Als […]

  2. […] und dass sich der Unterscheid von wahr und unwahr durch überprüfen der Gründe erkennen lässt. Vernunft ist die Projektion eines Zustandes, in dem alle Gründe geprüft und bestätigt sind. Als […]

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