De singularibus non est scientia.

quale

Musik sei nicht zu unbestimmt, um in Worte gefasst zu werden, hat Mendelssohn* gesagt, sondern zu bestimmt.

Heute würden wir sagen: Das Musikstück – und jedes Kunststück – ist überbestimmt. So sehr bestimmt, dass es durch allgemein-geltende Zeichen eben nicht vollständig erfasst werden kann. Das Kunststück ist singulär. De singularibus non est scientia – Von einem Einzigen gibt es kein Wissen, sagten die Scholastiker. Das, was ganz allein auf der Welt so ist, wie es ist, das kann durch kein Anderes – Bekanntes – auf der Welt beschrieben werden. Es ist lediglich quale; schon quid wäre zu viel gesagt, weil das an ein Verhältnis zu Anderem glauben lässt.

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*) geboren am 3. Februar 1809 in Hamburg

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~ von Panther Ray - Februar 3, 2009.

8 Antworten to “De singularibus non est scientia.”

  1. Kein Wort kann von anderen zureichend definiert werden. Sollte uns das davon abhalten eine Idee zu singen oder Bilder zu schreiben?

  2. Was soll das heißen: von einem andern? Willst Du sagen, was Du Dir bei einem Wort gedacht hast, kann kein andrer wissen? Nun, das muss er nicht. Denn das Wort – so wahr es eines ist – war längst definiert, bevor Du irgendwas dabei gedacht hast; nämlich durch seinen Platz im Sprachspiel der Andern.

  3. Ich meine damit, dass kein Wort mit Hilfe anderer Wörter bestimmt werden kann (und infolgedessen auch nicht durch andere Subjekte). Dass das Wort längst „definiert war“ lässt sich in der Wittgenstein’schen Terminologie nachvollziehen (ich halte nicht viel davon), ist in diesem Zusammenhang allerdings für mich auch nicht relevant. Ich bezog mich auf die Aussagen über Musik:

    „Das Kunststück ist singulär.“ sowie

    „Das, was ganz allein auf der Welt so ist, wie es ist, das kann durch kein Anderes – Bekanntes – auf der Welt beschrieben werden.“

    Ich stimme dem substanziell zu. Gleichzeitig trifft der Satz jedoch nicht nur auf das Kunststück, auf die Musik zu, sondern bis in letzte winzige Sprachelement. Mein Einwand war nun, dass (eben deswegen) die Frage wie beschreibbar etwas ist keine Rolle spielt. Daher meine Frage: Warum es nicht (eben deswegen) trotzdem tun.
    Das war übrigens eher eine Randbemerkung als ein offener Widerspruch.

  4. Ah ja. So ist es schon verständlicher. Und sogar völlig zutreffend, denn die Scholastiker haben bei ihrem Satz an Kunstwerke (Kunst mit großen K gibt es erst seit der Renaissance) gar nicht gedacht, sondern an Alles, was wirklich ist: In der Wirklickeit gibt es nur Einzeldinge, erst in der Vorstellung werden Begriffe, Klassen und Gattungen daraus gemacht. Das ist aber auch der Punkt, wo Du dann doch schief liegst: Ein Wort IST eine Vorstellung – richtiger, ein Lautzeichen FÜR für eine Vorstellung. Und als solches steht es prinzipiell (und in der Wirklichkeit tatsächlich: das ist das Zutreffende an dem Ausdruck ‚Sprachspiel‘) in Relation zu den andern Zeichen und den von ihnen repräsentierten Vorstellungen: Es wird von ihnen ‚eingegrenzt‘, lat. de-terminiert.

    Wenn Du sagen würdest: Was der Redende GEMEINT hat, wird von dem von ihm verwendeten Wort (meistens) nicht restlos ‚zur Sprache gebracht‘ – dann würde ich Dir lebhaft zustimmen. Zur diskursiven Mitteilung (=Aussagen in Satzform) eignen sich NICHT ALLE Vorstellungen. In diesem Fall werden sie besser – reicher, aber dafür auch weniger genau – mit den Mitteln der Kunst ausgedrückt.

    Darf ich Dich hierzu auf folgendes Juwel aus meinen Gesammelten Werken hinweisen: „Bilder, Zeichen und Begriff“, https://ebmeierjochen.wordpress.com/2008/11/01/die-philosophische-wendeltreppe-xii-bilder-zeichen-und-begriffe/;
    sowie auf das folgende: „Unsere Welt und die meine“, https://ebmeierjochen.wordpress.com/2008/11/05/die-philosophische-wendeltreppe-xiii-unsere-welt-und-die-meine/

    Beste Grüße

  5. Sehe da keine Schieflage.

    „Ein Wort IST eine Vorstellung – richtiger, ein Lautzeichen FÜR für eine Vorstellung.“

    Eben, das Wort ist (zumindest bei Saussure) eben keine Vorstellung, sondern lediglich irgendeine Variable, eine Unebenheit, eine Bewegung, die wir verwenden, um damit auf irgendeinen Sinn oder irgendeine Vorstellung zu repräsentieren (Ich persönlich verwende eine Dreiteilung, in der das Wort der Überbegriff für Signifikant [Differenz] und Signifikat [Ding] ist). Das Wort ist per definitionem vollkommen bedeutungslos. Du scheinst hier mit Wort auf den Signifikaten abzuzielen und für die träfe eine Beschreibung wie die folgende…

    „Und als solches steht es prinzipiell […] in Relation zu den andern Zeichen und den von ihnen repräsentierten Vorstellungen: Es wird von ihnen ‘eingegrenzt’, lat. de-terminiert.“

    … durchaus zu, aber auch wenn es kleinlich klingen mag: Ich finde, man sollte da mit der Unterscheidung sehr genau agieren. Das Wort alleine hat keine Bedeutung.

    „Zur diskursiven Mitteilung (=Aussagen in Satzform) eignen sich NICHT ALLE Vorstellungen.“

    Was meinst du damit? Wenn sich nicht alle eignen, dann muss es solche geben, die sich eignen. Welche wären das?

    Ich glaube, mein Verständnis von Sprache ist etwas weniger an Kategorien orientiert. Zumindest habe ich den Eindruck hier sehr viel „ist“ herauszulesen, was mir etwas missfällt, aber es mag mein Eindruck sein, denn ich verfahre auch oft so.

  6. Alle Aussagen der Mathematik eignen sich zur (restlosen) diskursiven Darstellung. Überhaupt alle Aussagen der WISSENSCHAFT – sonst wäre sie keine (vgl. https://ebmeierjochen.wordpress.com/2008/09/22/die-philosophische-wendeltreppe-iv-wissenschaft-ist-offentliches-wissen-punctum/). Die Mathematik ist ihr Bindemittel.

    Das Wort ist keine Bedeutung, sondern ein Symbol zwecks Mitteilung einer Bedeutung; es ‚bedeutet‘ die Vorstellung, die es transportieren soll. Mehr fällt mir dazu nicht ein. (siehe aber: https://ebmeierjochen.wordpress.com/2009/01/15/sprachspielnetz/)

  7. Du brauchst dich nicht zu Erläuterungen genötigt sehen, ich kenne (die) unterschiedlichen Ansichten auf das Sein. In meinem Ausgangskommentar ging es um etwas ganz anderes. Es ging darum, dass nicht nur Kunst singulär ist, sondern alles und dass gerade in dieser Feststellung der Imperativ liegt, Dinge zu beschreiben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

  8. Ich beglückwünsche Dich zu Deiner Kenntnis.

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