Proiectio per hiatum irrationalem

hiatus irrationalis

Fichte hat den Ausdruck proiectio per hiatum irrarionalem in seiner Auseinandersetzung mit Jacobi geprägt. Jacobis Argument gegen den Idealismus war dieses: Der Idealismus führe unweigerlich in einen unendlichen Regress, bei dem er nie zu einem Absoluten vordringen könnte, bei dem er Ruhe fände. Man müsse aus dem idealistischen Verfahren resolut heraustreten und könne zu einem Absoluten nur durch einen setzenden Akt gelangen. Diesen Akt nennt er Glauben, sein ‚Grund’ ist Offenbarung.

FichteIn der WL 042 versucht Fichte, Jacobi zum Trotz, auf real-idealistischen Wegen ein absolutes Reale ‚her’ zu leiten; auf abenteuerlichen Wegen!

Doch Jacobi hatte Recht. Der idealistische Regress muss einmal abgebrochen werden. Das ‚Problem’ des Absoluten ist nur zu ‚lösen’, in dem man es, mitJacobi, Fr. H. Goethe zu reden, in ein Postulat verwandelt. Ein Absolutes muss gelten, damit Wahrheit sein kann.

Proiectio per hiatum irrationalem ist ein ‚posi/tiver’ Begriff.

Der Idealist kann seine Prämissen ebenso wenig beweisen wie der Realist die seinen; noch können sie die Prämissen der Gegenseite widerlegen.

Sind darum Idealismus und Realismus gleich gültig und gehören ‚synthetisch’ unter einen Hut, wie Schelling meinte?

Nein, denn anders als der Idealist kann der Realist seine Aufgabe nicht erfüllen. Er kann uns niemals bis zu der Stelle führen, wo aus dem ‚Ding’ ein Wissen von dem Ding wird.

Der Idealist kann uns nicht die Stelle zeigen, wo aus dem Wissen von den Dingen ein Ding ‚an sich’ hervor geht.

Das muss er aber auch nicht. Gemeinsam ist beiden diese Prämisse: Es gibt ein Wissen von Dieses Wissen gilt es, aus einem Grund zu erklären. Das kann der Realist mit seiner zweiten Prämisse – ‚von den Dingen her’ – nicht. Der Idealist kann es: aus der Intentionalität des Wissens selbst. Ob die Dinge außerdem noch ‚an sich’ sind, ist für ihn kein theoretisches Problem. Es ist ein praktisches Problem: Ohne Vertrauen auf die Wirklichkeit der Welt kann sich das wirkliche irdische Individuum in seiner Welt nicht einen Tag behaupten. Die Wirklichkeit der Welt ist ein Axiom des gesunden Menschenverstands.

Der Idealist kann seine zweite Prämisse, die phänomenale Gegebenheit des Wissens, nur ‚aus ihr selbst’ begründen, nicht aus einem ihr vorgegebenen Grund. Das ist theoretisch aber auch nicht nötig. Er behauptet ja gerade die Immanenz des Wissens. Ein Absolutes ‚hinter’ dem phänomenalen Wissen braucht er nicht.

Das wirkliche irdische Individuum ist es, das sich dabei nicht beruhigen kann. Um sein Leben zu führen, braucht es ein Kriterion. Es muss sich rechtfertigen, nämlich vor sich. Und wiederum ist es der gesunde Menschenverstand, der eingreift: Das Wahre, Absolute, Gültige, kurz: der Sinn ist sein praktisches Postulat.

Ein Hiatus ist allerdings der Sprung aus der theoretischen in die Lebensphilosophie. Es gibt zwischen den beiden keinen Übergang. Das Reich des Seienden kann das Sollen nicht aus sich hervor bringen.

proiectio

Es war der Vorwurf des Atheismus, der Fichte getrieben hat, seine gottgefällige Lebensphilosophie aus dem theoretischen System der Wissenschaftslehre her zu leiten; eben den Weg zu beschreiten, den er sich in den Rückerinnerungen verboten hatte. Ein hiatus irrationalis liegt allerdings vor – es ist der Bruch zwischen der ursprünglichen Wissenschaftslehre von 1794-99 mit den Rückerinnerungen als ihrer ‚praktischen’ Quintessenz, und den Wissenschaftslehren nach 1801.

Es gibt keine Brücke zwischen der Philosophie, die, wenn sie wissenschaftlich ist, nur „kritisch und negativ“ verfährt, und den praktischen Anweisungen zum seligen Leben. Der Sinn, das Wahre, das Absolute ist ein notwendiges Postulat der Lebensführung, eine „Idee“ – so wie das Ich, sofern es einen positiven Sinn hat, ‚nur eine Idee’ ist. Die Lehre von der Lebensführung mag zur Urheberin der theoretischen Philosophie werden, indem sie die Kritik am metaphysischen Schein erforderlich macht. Die theoretische Philosophie ist, mit Kant zu reden, ein Katharktikon des Verstandes.

Doch die Umkehrung gilt nicht. Die Lebensführung findet ihren Stachel im Ästhetischen.

Stachel

Übrigens – praktisch werde die Philosophie nur an der Stelle, wo sie pädagogisch wird, heißt es in den Rückerinnerungen. Aber eben auch das nur kritisch; indem sie nämlich lehrt, was zu unterlassen ist.

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~ von Panther Ray - Dezember 23, 2008.

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