Die philosophische Wendeltreppe XII: Bilder, Zeichen und Begriffe

Zwischen Sein und Bedeutung unterscheiden wir, weil wir die Dinge selbst nicht „aussprechen“ können; sondern nur bezeichnen. Das Zeichen kann ich aussprechen, aber es „bedeutet“ etwas Anderes: ein Ding, einen Sachverhalt, ein Geschehen.

Man möchte meinen, das käme davon, dass wir nur durch unsere Sprache denken könnten. Wir denken ja auch nicht Dinge, sondern wir denken von den Dingen, über die Dinge. Das allerdings können wir auch ohne Sprachzeichen: in Bildern, in bildlichen Abläufen. Auch die Bilder „sind“ nicht die Dinge, die Sachverhalte, die Geschehnisse, sondern bedeuten sie nur.

‚Analytisch‘ gesprochen, besteht das Problem darin, dass ‚Denken‘ stets im Sinne von Operieren, Reflektieren, Kombinieren ‚verwendet‘ wird; nicht aber – richtiger – im Sinne von (vor-verbalem) Vorstellen; denn das schließt das innere Anschauen, das Repräsentieren durch „innere Bilder“ mit ein.

Wahr ist freilich, dass ich das innere Bild als solches nicht fixieren und „behalten“ kann: nicht abspeichern und erinnern, wann immer ich wollte. Dafür müsste ich schon ein Merk-Mal aus dem jeweiligen inneren Bild herausgreifen und zum Zeichen für das Ganze machen. X steht dann für das Bild in meinem Kopf. Ich archiviere das Bild in meinem Speicher unter X. Im Katalog zum alltäglichen Gebrauch muss mir nur X ständig bereit liegen, so dass ich damit „operieren“ kann; und erst, wenn ich X selber anklicke, vergegenwärtigt sich das Bild.

Das heißt Symbolisieren. Die miteinander in systematischen Bedeutungszusammenhang gebrachten Symbole heißen Begriffe.

Wir denken aber nicht in Begriffen. Wir denken auch nicht logisch. Das diskursive Denken, das Begriffe in geregelten Schritten an einander knüpft, ist lediglich kritisch. Man braucht die Logik überhaupt nicht zum Denken, sondern nur zur Prüfung des Denkens. Das wirkliche, nämlich schöpferische Denken geschieht in einer Kaskade von unfasslichen Bildern. Erst wenn ich „daraus was machen“ will – diese oder jene Handlung etwa, oder eine Mitteilung an Andere -, muss ich es feststellen, nämlich festhalten und bestimmen: durch ein Zeichen; am besten eins, das ich aussprechen kann.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, sagt Ludwig Wittgenstein, aber das ist falsch. Die Grenzen unseres gemeinsamen Symbolsystems bedeuten die Grenzen unserer gemeinsamen Welt; nämlich ihrer Mitteilbarkeit, und die erheischt Bestimmtheit. meine Welt hat andere Grenzen, denn in ihr können auch Bilder vorkommen, die ’nur sich selbst bedeuten‘ – und daher unbestimmt bleiben dürfen. Wovon ich nicht sprechen kann, darüber muss ich nicht schweigen: Ich kann es zeigen.

Denn Symbole, nämlich Bedeutungsträger für andere, können auch Bilder werden. Sie irrlichtern dann am Rande unserer Welt und illustrieren die Stelle, wo sie an meine Welt nicht mehr heranreicht: Liebe, Leidenschaft, Freiheit, Sinn, Schönheit, Grauen, Glück, Ehre und Anstand; übrigens auch Komik und Wissen. Kein verständiger Kopf würde sie bestimmen wollen. Aber gezeigt werden sie oft und gern – in den Bildern der Kunst. Nicht zuletzt darum übrigens ist die Welt, im Unterschied zu den geschlossenen Umwelten, offen: weil in meiner Welt Anderes vorkommen mag als in der der Andern – und ich es ihnen zeigen kann.

Bühne.Aristarkh v. Lentulovs Entwurf für ein Bühnenbild-zu-anton-rubinsteins-oper-der-dämon-1909

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~ von Panther Ray - November 1, 2008.

4 Antworten to “Die philosophische Wendeltreppe XII: Bilder, Zeichen und Begriffe”

  1. Um Wittgenstein etwas zu retten

    „“Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt”, sagt Ludwig Wittgenstein, aber das ist falsch.“

    Diese Aussage macht wenig Sinn, wir wissen ja nicht mit Sicherheit, was Wittgenstein eigentlich gemeint hat (auch wenn das zuweilen in seinen Werken so aussieht). Gerade was folgende Aussage angeht…

    „Wovon ich nicht sprechen kann, darüber muss ich nicht schweigen: Ich kann es zeigen.“

    … würde Wittgenstein wohl erwidern, dass das Zeigen bereits ein Sprechakt war.

    Wie dem auch sei. Der Text erinnert mich in einigen Aspekten an einen Text, den ich vor einiger Zeit geschrieben, aber nicht fertiggestellt habe. Teile davon finden sich in meinen Grundlagen für eine funktionalistische Sprachanalyse, sowie in der Definition des Dinges aus dem Lexikon der wahren Worte und im Artikel über Sprachuniversen. Vielleicht ist das als Anregung interessant.

  2. Hätte ich geschrieben: „ich kann es bezeichnen“, wäre der Einwand richtig. Aber ich habe geschrieben: ZEIGEN. Und das heißt zuerst: auf ein Anschauliches hin-WEISEN; dann aber: es anschaulich DARSTELLEN, es in einem BILD (=’analog) re-präsentieren.

    Auch habe ich wohlweislich nicht geschrieben: ‚meint‘ Wittgenstein, sondern sagt(e) W. siehe hierzu: https://ebmeierjochen.wordpress.com/2008/10/19/mein-wittgenstein/

  3. Du schriebst:

    „“Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt”, sagt Ludwig Wittgenstein, aber das ist falsch.“

    Ich lese aus „das ist falsch“ eine abgeschlossene Interpretation. Was liest du daraus?

    „Hätte ich geschrieben: “ich kann es bezeichnen”, wäre der Einwand richtig. Aber ich habe geschrieben: ZEIGEN. Und das heißt zuerst: auf ein Anschauliches hin-WEISEN; dann aber: es anschaulich DARSTELLEN, es in einem BILD (=’analog) re-präsentieren.“

    Der Prozess des Zeigens ist eine Darstellung, ist ein Bild und es spielt in diesem Kontext meiner Meinung nach überhaupt keine Rolle, dass dieses Bild nicht mehr ist als eine Weiterleitung, ein Symbol (im Sinne von Peirces „symbol“). Ich finde es aus meinem Verständnis von Philosophie äußerst befremdlich, dass du meinst, Einwände als richtig oder falsch klassifizieren zu können.

  4. Ich finde es gut, wenn meine Sätze befremden. Das ist der Anfang der Philosophie.

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