Leviathan bei den Kleinen VII: Das Wie, das Was und die Were

Alle zeitgenössischen Diskussionen über Schulreform klingen – nach wie vor PISA -, als ginge es darum, den Knoten ein für alle Mal zu lösen. Die idiotensichere Methode, die lückenlose Theorie, die endgültig bestgeeignete Struktur: damit ein für alle Mal sicher gestellt sei, dass die Lehrer alles nur noch richtig machen können, dass die Lehrerausbildung nix versäumt, dass ein jedes Kind glatt und reibungslos die nunmehr optimierte Schule "durchlaufen" kann. Sie alle wetteifern um die ultimative Nummer sicher – und der Perfektionismus der Technokraten dient als Alibi für den alltäglichen Pfusch.

Dabei ist Pädagogik ohne Risiko gar nicht zu haben. Knaben müssten gewagt werden, meinte Joh. Fr. Herbart, der Begründet der wissenschaftlichen Pädagogik. Und wer alle Risiken vorher "kalkulieren" will, der will keine – und das ist unter den Risiken der Pädagogik das größte; da darf er sich dann nicht beklagen, wenn er’s in diesem Beruf schwer hat. Pädagogik ist eben keine ‚Methode’, die man nur noch anwenden muss – das ist das ganze Problem. Das war schon immer das Problem. Allerdings hat es sich heute zugespitzt wie nie, und das liegt an den Veränderungen der Arbeitswelt

Arbeitswelten

Nicht so sehr die Veränderungen bei der industriellen Fertigung sind der Grund. Denn Leitbild der Volksschulpädagogik war im 20. Jahrhundert gar nicht der Industriearbeiter. Das war er im Neunzehnten, und der damalige Fabrikarbeiter war typischerweise ungelernt. Entsprechend ‚elementar’ konnte seine Bildung sein: ABC, 1×1 und 10 Gebote. Im 20. Jahrhundert wurde mit dem Überwuchern der eigentlichen Produktion durch die Verwaltung der Angestellte auch in der Industrie immer mehr zum Leitbild. Nicht der Geist der Industrie ist es, der seither Alles durchdringt, sondern der Geist der Bürokratie. Und für die Volksschule hieß das: Schema F.

Das humanistische Gymnasium war auf den höheren Staatsdienst zugeschnitten. Die Realschulen bedienten ‚die Wirtschaft’. Als dort an die Stelle des Unternehmers als Maßstab der Leitende Angestellte trat, wurden die Realien dem (enthumanisierten) Gymnasium zugeschlagen, und so konnte es während der ‚demokratischen’ Bildungsreform der 70er Jahre zur allgemeinen Norm überdehnt werden – auf die "Restschule" gehn die Zurückgebliebenen. Ein Standard für alle – der Traum jeder Verwaltung! Das Bildungssystem ‚normalisierte’ sich zu einer großen Administration – mit dem Gymnasium als ihrem ‚höheren Dienst’.

Daran wird die Grundschule seither gemessen. Die Neigung unserer Schulen zum Zergliedern der Welt in ‚Fächer’ und des Lebens in ‚Schritte’ stammt nicht, wie man meinen mag, aus der Arbeitsteilung in der Fabrik, sondern aus den ‚Vorgängen’ der bürokratischen Apparate. Das Wie ist dort Substanz, das Was nur Akzidenz, und der Routinier ist König.

Dass aber die Verwaltung neben der Zivilgesellschaft steht (d.h. wie ein Mühlstein an ihrem Hals hängt), war mittelbar durchaus ein Resultat der industriellen Arbeitsteilung. Je weiter die Produktion in Fächer und Abteilungen aufgesplittert wurde, umso mehr Spezialisten fürs Koordinieren wurden gebraucht, um die Einzelteile schließlich zueinander zu fügen: Das Vermitteln wurde selbst zu einem ‚Fach’! Mit dem Niedergang der Industriegesellschaft geht auch die Zeit der Fachleute-für-Vermittlung zu Ende. Lean management ist angesagt.

Das Vermitteln wird in der medialen Zivilisation (daher der Name) wieder zum genuinen Bestandteil der Schaffensprozesse selbst; online. Wozu also optimieren, was schon jetzt ein Anachronismus ist? Die Arbeitswelt der Zukunft wird immer weniger von Leitenden Angestellten geprägt sein und immer mehr von selbst-entwerfenden und selbst-realisierenden ‚Unternehmern’. Wozu hätte sich ein heutiger Abiturient durch einem Notendurchschnitt von 1,0 denn ‚qualifiziert’? Für eine eigne Performance in den globalen Netzen ja nicht gerade. Eher doch für eine leitende Stelle im höheren Staatsdienst. Nur – eine sehr realistische Berufswahl ist das bald nicht mehr.

Wie oder was

Es geht gar nicht mehr darum, wie man sich das ‚Lernen’ vorstellt, sondern darum, was man unter ‚Wissen’ versteht. Die hergebrachte Lernschule stellt sich das Wissen als ein gut sortiertes Regal von eingeweckten Wahrheiten (‚Informationen’) vor, auf die "zuzugreifen" nur noch geübt werden müsste. Das entspricht keiner indu- striellen, sondern einer bürokratischen Weltsicht. Ein „Offener Unterricht“, der darauf beruht, ist allerdings ein Paradox, und die Schüler boykottieren in zu recht.

Wer glaubt, dass die Welt schon entdeckt ist, dem werden die Kinder nicht abnehmen, dass es für sie da was zu entdecken gäbe. Er versäumt nicht etwa, sie zu "motivieren", sondern er bricht geradezu ihr ureigenes originäres Motiv. Bei ihm sind sie immer zu spät gekommen. Aber das ist nicht wahr, das sind sie nicht. Die Welt ist nicht entdeckt, es entwirft ein jeder ‚seine‘ Welt.

Dass es darüber hinaus eine ‚objektive’ Welt gibt, zu welcher die Einzelnen ihre Privatwelten ‚ins Verhältnis setzen’, liegt daran, dass sie in ihrem Alltag miteinander auskommen müssen. Unsere gemeinsamen Ansichten von der Welt stammen aus gemeinsamen Absichten in der Welt – die nämlich zu gemeinsamen Hinsichten auf die Welt veranlassen. Und da wir nicht alle unsere Absichten mit andern teilen, teilen wir auch nicht alle unsere Ansichten. Ob oder ob nicht, das weiß man nicht im Voraus, man muss es drauf ankommen lassen. Darum kann man die Risiken der Pädagogik nicht "kalkulieren"!

Über die ‚wahren’ Ansichten entscheiden also die Hinsichten und die Absichten. Es ist eine Sinn-Frage, und sie ist keine theoretische, die sich durch ‚Lernen’ beantworten ließe, sondern eine praktische, die "aus Freiheit" zu entscheiden ist; nämlich jedes Mal aufs Neue. Aufs Urteilsvermögen kommt es an. Das bedeutet, dass der Grund der Schule – das, worauf sie aufbaut – nicht Wissensbevorratung und Methodenturnen ist, sondern die Unterhaltung (!) der Einbildungskraft und das Wagen des eigenen Urteils. Die Daseinsberechtigung der Grund-Schule ist Bildung. Um es ganz genau zu sagen: Geschmacks-Bildung.

Und wer!

Der Lehrer muss selber gesehen haben, was er den Kindern zeigen will. Das ist nicht die Frage, wie er’s macht, sondern wer* er ist; nämlich was er aus sich gemacht hat. Das macht gerade den Unterschied aus zwischen dem Pädagogen und den Vielen, die ihren Beruf verfehlt haben. Pädagogik ist eine Kunst. Sie besteht darin, dass ein Alter in die Welt mit den Augen der Neuen sehen kann und trotzdem nicht vergisst, was er alles vorher selber schon gesehen hat – und es den Neuen zeigt. Das muss man können. Und wer es nicht kann, dem wird auch die beste "Methode" nix helfen. Kunst kommt ja von Können. Denn käm’s von Wollen, hat Max Liebermann gesagt, dann hieße es Wulst. Das gilt für unsere Kunst noch mehr als für die andern

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* mhd. der wer: Mensch, Mann (vgl. Werwolf); mhd. diu werelt (vgl. engl. world): Gegend, wo diu were leben

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~ von Panther Ray - September 15, 2008.

2 Antworten to “Leviathan bei den Kleinen VII: Das Wie, das Was und die Were”

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