III. Erst wenn der Kopf oben ist, gehen wir aufrecht

aufrechter Gang

Den aufrechten Gang haben sich unsere Vorfahren nicht aus Naturnotwendigkeit zugezogen. Als sich vor zwei, drei Millionen Jahren in Ostafrika das Klima erwärmte und den Regenwald zu einer Feuchtsavanne ausdünnte, zogen sie sich nicht, wie ihre äffischen Vettern, mit dem Dschungel zurück, sondern stiegen stattdessen auf den Boden herab.[1] Eine Feuchtsavanne ist kein einheitlicher Lebensraum, sie besteht aus vielen Vegetations- und Klimainseln, von denen keine als dauernder Wohnort reichen mochte. Jedenfalls gewöhnten sie sich an, von einer zur andern zu wechseln, und dabei werden sie sich aufgerichtet haben. Das war eine Anpassung an einen Zustand, der sich durch seine Veränderlichkeit auszeichnete.

Spezialisierung auf einen unspezifischen Lebensraum ist Entspezialisierung. Der Normalzustand, für den er sich zugerichtet hat, war der Wechsel. Er entschied sich fürs Unbestimmte. Indem der männliche Anteil sich erstmals selbst behauptete, gewann er seinen Platz im ‚Plan der Natur’. Die Plastizität (Gehlen) des Homo sapiens ist sein eigentümlicher Beitrag zum Gattungscharakter. Und seither erst kann es einen Geschlechtergegensatz überhaupt geben – als Folge der Emanzipation des Männlichen.

Ob Frauen oder Männer die Pioniere des aufrechten Ganges waren, kann die Paläontologie nicht selbst erweisen, denn dazu schweigen die fossilen Funde. Doch die vergleichende Anatomie kann helfen, so daß wir auf bloße Phantasie nicht angewiesen sind. Die Anatomie des Menschen sei der Schlüssel zur Anatomie des Affen, sagt Marx, und umso mehr die des modernen Menschen zu jener der Hominiden. Im Unterschied zu ihren nächsten Verwandten ist bei den Menschen der Geschlechtsdimorphismus – der Gestaltunterschied zwischen männlichen und weiblichen Individuen – auffällig schwach ausgeprägt: ein stammes- geschichtlicher Neuerwerb!

Am deutlichsten fällt er indes an drei Punkten aus: der Breite der Schultern, der Weite des Beckens und der Länge der Oberschenkelknochen.[2] Und alle drei Punkte haben ihren ausgezeichneten Platz in der Mechanik des Gehens auf zwei Beinen. Denn wir gehen nicht so sehr mit der Kraft unserer Muskeln als mit der Schwungkraft, dem Drehen und Pendeln des Rumpfes und der Gliedmaßen. Nun wird, wie es scheint quer durch die Kulturen, die männliche Figur durch ein auf der Spitze stehendes Dreieck, die weibliche Figur durch ein Oval veranschaulicht: Die Bedeutung fürs Drehen und Pendeln sticht ins Auge.

Idolino di Pesaro, Florenz, Museo Nazionale Bargello

Schultern, die breiter sind als das Becken, begünstigen das Pendeln der Arme, lange Oberschenkel steigern die Schwungkraft der Beine. Voraussetzung für Pendeln der Gliedmaßen und Drehung des Rumpfes ist Gleichgewicht: Ein hoher Schwerpunkt – lange Beine, breiter Oberkörper – fördern das Gleichgewicht. Bleibt als Hauptproblem: eine gerade Wirbelsäule. Ihr wunder Punkt sind die Hüftgelenke, mit denen sie auf den Beinen lastet.

Ein enges, zylindrisches Becken bietet dem Großen Gesäßmuskel (glutaeus maximus), der den Rumpf gerade hält, eine bessere Ansatzfläche als ein breites, trichterförmiges Becken, und erleichtert ihre Kontraktion; zugleich ermöglicht es eine kompakte Bauch- muskulatur. (Waschbrettbauch und Knack… gelten als sekundäre Geschlechtsmerkmale.) Und zur Wahrung des Gleichgewichts müssen die Füße möglichst eng aneinander vorbeigeführt werden, auch da sind schmale Hüften offenbar von Vorteil; und schließlich für die Optimierung im Zusammenspiel von Hüft-,Knie- und Fußgelenken.

die Venus von Willendorf

Ob nun häufigeres Gehen auf zwei Beinen die männliche Morphologie ausgeprägt oder ob die männliche Morphologie zum Aufrechtgehen besser „zugerichtet“ war, ist ein Streit um das Ei und die Henne. Aber immerhin – einen Geschlechtsdimorphismus im Bereich der Fortbewegungs- mechanik gibt es nur beim Zweibeiner.

An dieser Stelle offenbart sich übrigens der Dogmatismus, der dem Streit von Naturalisten und Kulturalisten in der Geschlechterfrage zugrunde liegt. „Alles Veranlagung“ sagen die einen, „alles nur Erziehung“ sagen die andern. Aber der Mensch hat nicht nur seine Kultur (Erziehung), sondern auch seine Naturgeschichte (Veranlagung) selber gemacht; nämlich an all den Punkten, an denen sich seine Gattung von den andern unterscheidet. Das mögen nicht viele sein, aber es sind die, auf die es ankommt. Über die Schicksale des Homo sapiens entscheiden nicht die Anlagen, die er „mitbringt“, sondern – mit Alfred Adler zu reden – das, was er daraus macht. Und daß er die Wahl hat, verdankt er jener Selbstbehauptung seines männlichen Anteils an der Schwelle von der Nische zur Welt. (Nur ob er wählen will – das kann er nun nicht mehr wählen.)

Schwelle


Wie Dreieck und Oval den Geschlechtsunterschied morphologisch symbolisieren, gibt es – ebenfalls als interkulturelle Konstante – auch ein topologisches Symbol. Das Weibliche wird dem Innen zugeordnet, das Männliche dem Außen. Das Weib ist im Zentrum, der Mann an der Peripherie. Über wenigstens eine Million Jahre kannte unsere Gattung etwas, das es nirgends sonst gibt – eine Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern.

Dass sich Männchen und Weibchen bei ihren Tätigkeiten abwechseln, kommt allenthalben vor. Aber nur beim Menschen verrichten sie regelmäßig unterschiedliche Arbeit; nämlich Jagen oder Sammeln. Das eine draußen in der Ferne, das andre dicht beim Lager. Und wenn auch der Mann das Feuer entfacht, ist es doch immer die Frau, die es hütet. Die Frau, die die Kinder besorgt, neigt zum Bleiben. Der jagende Mann neigt zum Weitergehn.

Eine dramatische Spannung kommt ins Gattungsleben. In der Formel „Jäger und Mütter“ (Hans Blumenberg) wurde der Geschlechtsunterschied in der Gattung Homo zum Geschlechtsgegensatz – von Mutwille und Sorge. Der Mann machte die Unsicherheit zum Merkmal der Condition humaine, und das Risiko wurde regulär. Das heißt, regulativ. Und als Spezialist fürs Risiko wurde der Mann zum Kämpfer.

In der Umwelt ist das Specimen „bei sich“ und aufgehoben; gewiss und heil, aber unfrei. In der Welt wird das Ich zu einer Aufgabe „außer sich“. Frei, aber riskant – und zerrissen. Denn es bedarf jetzt der Rechtfertigung. Wodurch? Durch seine Leistung. Rechtfertigung ist ein „typisch männliches“ Thema, und darum muss er „immer etwas tun“. Und um sich zu rechtfertigen, braucht er ein Wovor, und das nennt er (typisch Mann) die Idee; nicht sowohl ein Maß, das es zu erfüllen gilt, sondern der Fluchtpunkt, an dem ich mich orientiere. Kurz, was ihn rechtfertigen könnte, findet er nie bei sich, sondern nur woanders. Es ist auch nie zuhanden, sondern muss erst vorgestellt werden.

hand-grabbing-the-cloud-in-the-sky

Derlei braucht die bloße Erhaltung des Lebens nicht. Die Sorge hat ihr eignes Maß, das Bedürfnis. Der Philosoph Max Scheler umschrieb das Wesen des Menschen phänomenologisch als unsere Fähigkeit, nein zu sagen. Doch um nein sagen zu können, braucht’s einen Grund. Diesen Grund nennen wir Sinn. Sinn ist immer das, was uns dazu bestimmen könnte, uns einer Anmutung des Lebens, vulgo Bedürfnis, zu versagen – und etwas anderes zu tun. Das Leben selber ist kein Sinn. Es ist die sachliche Bedingung allen Sinns.

Weil ein Teil der Gattung fürs Leben extra noch einen Sinn brauchte, haben die Menschen die Symbolische Form erfunden; den Mythos, die Spekulation, die Betrachtung – des schlechthin Anderen, Höheren, Absoluten. Nur so gibt es übrigens auch einen Unterschied zwischen wahr und unwahr (und ob man ihn eher ethisch oder ästhetisch auffaßt, steht dahin). Auf jeden Fall bedeutet er eine Entwertung des Lebens – es soll ja nun um eines Andern willen riskiert werden. Aber die Lebenden wertet er auf. Sorge hält das Leben instand. Was aber dem Leben einen Sinn geben kann, ist Mutwille: das, was erst „durch Freiheit möglich“ wird und gewagt sein will. In der Welt nimmt das Dasein einen kämpferischen Zug an.

bauchvase-um-550


[i] Daß die progressive Krümmung des Schädelkeilbeins sie darauf vorbereitet hat, steht auf einem andern Blatt.

[ii] Die Unterschiede im Gehirn sind geringfügiger, als vermutet wurde, und betreffen v. a. den sog. „Balken“, der die beiden Hemisphären verbindet und bei Frauen etwas dicker ist. Frauen könnten emotive und analytische Leistungen leichter verbinden, Männer könnten sie leichter trennen. Aber was ist der Vorteil, wenn sich z. B. bei der Lektüre von Kant jederzeit das Gefühl und in die Empfindungen jederzeit Berechnung einmischen könnte? Dieses ist sachlich, jenes ist menschlich unerwünscht.

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~ von Panther Ray - September 13, 2008.

Eine Antwort to “III. Erst wenn der Kopf oben ist, gehen wir aufrecht”

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