Die philosophische Wendeltreppe. Ein Aufstieg in fünfzehn Windungen

1. „Was ist Wahrheit?“ [Joh. 18,38]

Was ist Wahrheit, fragt Pontius Pilatus, und will sagen: Es ist ja alles relativ… Klang es bei ihm philosophisch-resigniert, so machte die Postmoderne, die wir in diesen Tagen hinter unslassen, eine Tugend aus der Not: „Anything goes…“, krähte sie selbstgefällig-vergnügt: „…Hauptsache, es funktioniert!“

Darin sind sich Analytische Philosophie, Konstruktivismus und Dekonstruktivismus, die seit Jahr und Tag konkurrierend das geistige Feld beherrschen, einig: Die Frage nach der Wahrheit ist „metaphysisch“, was so viel bedeutet wie: unstatthaft; denn sie sei so gefasst, dass darauf immer nur eine dogmatische Antwort möglich sei, nämlich eine, die aus Glaubenssätzen stammt und nicht aus vernünftigem Argument.

Am Anfang der Moderne die die Postmoderne doch zu überbieten trachtete – stand, wie gesagt, die Romantik. Was das Wahre sei, war den Romantikern so ungewiss geworden, dass sie gelegentlich zu der Auffassung neigten, das Ungewisse sei selber das Wahre. Der Rationalismus und die „Aufklärung“ des 17. und 18. Jahrhunderts hatte an die Stelle der geoffenbarten Wahrheiten der voraus gegangenen Dunklen Jahrhunderte die stolze Selbstgewissheit der Vernunft gesetzt. Aber die war durch Immanuel Kants Drei Kritiken gehörig ins Wanken geraten. Die Romantik war in Jena aus der unmittelbaren Anregung durch die ‚Wissenschafsftlehre‘ Johann Gottlieb Fichtes entstanden. Der verstand sich als der Radikalisierer und Vollender von Kants kritischer bzw. ‚Transzendental‘-Philosophie.

Zu der Zeit tummelten sich auf den öffentlichen Plätzen – wie heut im Zeichen der Postmoderne – jene, die meinten, die Wahrheit gebe es gar nicht, allenfalls Wahrheiten…, und sich dabei furchtbar schlau vorkamen. Aber das ist nur eine Ausflucht. Wenn diese ‚vereinzelten‘ Wahrheiten wahr sein sollen, dann sind die es unbedingt. Wenn sie nur bedingt wahr sind, dann ist dasjenige, was sie bedingt, unbedingt wahr – oder Alles ist nicht wahr.

Um die Frage, was das Wahre ist, kommen wir also nicht herum. Und halten wir gleiche eines fest, um das wir auch nicht herum kommen: dass das Wahre zunächst einmal als Frage „ist“.

*
Wahrheit ist keine Sache, sondern ein Verhältnis. Nämlich zwischen einem, der etwas weiß, und demjenigen, was er weiß. Das Wort sagt etwas über die Qualität dieses Verhältnisses aus: nicht, dass es ‚ist‘, sondern dass es gilt. Etwas ‚gilt‘ freilich nur für irgendwen. Und auch nicht an und für sich, sondern erst, wenn und insofern er etwas tun will oder soll. Es mag auch nur ein rein gedankliches Tun sein: vorstellen und über Vorstellungen urteilen.

Ob etwas ‚gültig‘ und also „wahr“ ist, wird sich erweisen im und durch den Vollzug dieser Handlung. Wenn also etwa das betroffene Urteil ‚richtig‘ ist, und das heißt: zu weitergehendem Urteilen taugt. Hier passt ein ‚Fragment‘ des Urromantikers Friedrich Schlegel: „Logik ist eine praktische Wissenschaft.“

Bis hierhin ist das eine rein pragmatische Bestimmung: Wahrheit erweist sich jeweils vor ihren Zwecken, sie ist eine Zweckmäßigkeit. Wahrheit ist nicht Etwas, das „ist“, sondern das, was sein soll. Das ist aber erst der Anfang. Richtig ernst wird es erst wenn nach den Zwecken selbst gefragt wird: wozu ‚Wahrheit‘ taugen soll. „Gibt es“ einen absoluten Zweck?

Darüber will ich gerne weiter diskutieren. Aber in einem Beitrag ist es natürlich nicht abzumachen. Es wird eine ganze Reihe nötig werden… Und mehr als einmal werden der Autor und seine Leser im Lauf der Auseinandersetzung das ungute Gefühl haben: Aber an der Stelle waren wir doch schon mal! Drehn wir uns im Kreis?

Ja, wir sind wieder am selben Punkt; aber diesmal ein paar Etage höher: Es ist wie eine Wendeltreppe.

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~ von Panther Ray - September 9, 2008.

Eine Antwort to “Die philosophische Wendeltreppe. Ein Aufstieg in fünfzehn Windungen”

  1. Zu: “Wahrheit ist keine Sache, sondern ein Verhältnis.” – Herbert Marcuse ist mit diesem „Auseinanderreißen der Wirklichkeit“, wie er es sieht, gar nicht zufrieden und stellt gegen dieses “eindimensionale” Denken in seiner Schrift “Der eindimensionale Mensch” das dialektische.
    Jürgen Moltmann findet selbst das dialktische Denken zu eng und fordert trinitarisches, das Substanz/Individuum, Beziehung und Prozess in eins zu denken vermöge.

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