He was there

michael_jackson_dangerous

Will he come back?

Seit Jahr und Tag konnte von Michael Jackson nicht ohne Häme gesprochen werden. Jetzt wird er fünfzig, und auf einmal ist der Spott verflogen – als habe er sich zu einem Klassiker jenseits von Gut und Böse verflüchtigt. Schon, als Anfang des Jahres die Jubiläums-Auflage von Thriller zu einem unerwarteten Kassenschlager wurde, war fast so was wie Wehmut im Spiel. Feiert er Abschied – oder bereitet er doch sein nächstes Comeback vor? Und fast klang es, als flehten sie: Er soll wiederkommen!

Warum? Ja, das war eine Zeit, als die Welt noch ihre Stars hatte! Jetzt hat sie nur noch Eintagsfliegen vom Laufband, technisch perfekt und gestylt, dass man einen nicht vom andern unterscheiden kann. Wenn man die Kinder-Stars von „Tokio Hotel“ mal ausnimmt…

Aber die erscheinen wie eine Ausnahme von der Regel, ein Stück Natur in einer Welt medialer Erkünstelung.

Ein Ende des Starsystems?

Der Star selbst ist keine Erfindung der modernen Medien. Es gibt ihn, seit es die Kunst mit dem großen K gibt. Seit sie sich als besonderes Gewerk der Erzeugung schöner Dinge aus dem Kultus des Ewigen einerseits und der Verzierung der Alltagsgeschäfte andrerseits herauslöste, war der Künstler, als Renaissancemensch par excellence, ein Held seiner Zeit. Er schafft ein Reich des rein Ästhetischen jenseits, diesseits von Nutz und Zweck. Er ist ein Star der Schönen und Reichen. Zur bürgerlichen Welt, deren Künder er war, gerät er endlich in Gegensatz. Er wird ihr Antiheld. Seit der Romantik ist es amtlich, und aus Kunst wird Avantgarde – für den auserlesenen Kreis der Kenner. Was wahre Kunst ist, wird nun ewig strittig sein. Doch aktuell kennzeichnet sie sich als das, was von Künstlern erzeugt wird, das allein ist unstrittig. Die Eigenart des Künstlers ist es, die sich der Kunst als ihre ästhetische Qualität mitteilt: der Personalstil. Dieser definiert jene, nicht umgekehrt. Die Aura der Kunst wird zur Aura des Stars. Er ist der Nah-Ferne schlechthin.

Kann aber Künstler sein, wer nicht zur Avantgarde zählt? Wer Erfolg hat? Dieser Zweifel gilt nicht erst den Industriellen des Unterhaltungsgewerbes, er galt schon den großen Virtuosen des 19. Jahrhunderts. Zum Star der Massen wird der Antiheld überall da, wo Kunst als Industrie auftritt. Im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit wird der Massencharakter der Kunst punktiert von ihrem Ereignischarakter: die Gegenwart des Stars, der Auftritt, aus dem Werk wird die Performance. Und der Star ästhetisiert die Technik und prägt die Industrie zur Kunst um: Durch das Kino konnte Charles Spencer Chaplin zum ersten Weltstar werden. Und durch die Figur des Charlie ist Kino Kunst geworden.

Das Wunderkind als Wiedergänger

Schwermut, die unwiderstehlich in den Abgrund

der Kindheit hinunterzog…

Th. W. Adorno

Wie konnte einer überhaupt zum Größten Star Aller Zeiten werden? Adornos Wort von der Schwermut, die’s zur Kindheit zurückzieht, lüftete vorab das Geheimnis der weltweit gewaltigsten Künstlerkarriere. Er meinte damit das, was der Freudianer eine Regression nennt – nämlich sofern sie unbewusst geschieht. Wie aber, wenn einer die Rückkehr zur Kindheit in Bewusstheit will? Zu einer Kindheit gar, die niemals stattgefunden hat!

Ohne Melancholie wäre er nicht geworden, was er ist. Wäre er aber zum Melancholiker geworden, stünde er nicht seit dem sechsten Lebensjahr auf einer Bühne, die ihm tatsächlich die Welt bedeutet? Er sagt es selbst: Geprellt um seine Kindheit von einem besessenen und grausamen Vater, hetzt er rastlos einer Vergangenheit hinterher, die es gar nicht gab: Have you seen my childhood?

Mit elf Jahren hat er als Lead-Sänger der Jackson 5 seinen ersten Number-One-Hit, und drei Jahre lang nehmen die Triumph-Tourneen und Platin-Alben kein Ende, selbst die Beatles werden überrundet. Aber Jugend vergeht. Mit fünfzehn gibt er schon wie ein Oldie seine Show in Las Vegas, in der Nachbarschaft des wieder- gekommenen Elvis Presley. Und das soll alles gewesen sein? 1978 veröffentlicht das gealterte Wun- derkind sein erstes eignes Album, Off The Wall. Es wird ein Überraschungshit. Es setzt einen furiosen Schlusspunkt hinter die blütenweiße Disco-Ära und eröffnet die Wende zu einem schwärzelnden Pop-Soul. 1983 wird Thriller zum größten Verkaufserfolg der Ton- trägerindustrie. Bis heute wurde es rund sechzig Millionen Mal verkauft. An der musikalischen Qualität lag es nicht nur. Auf dieser Scheibe kam alles zusammen, was der musikalische Zeitgeschmack zu bieten hatte. Weißer Pomp-Rock, schwarzer Funk-Soul und bunt schillernder Elektro-Pop. Und, als Jacksons eigenster Beitrag, das alles fused in den beiden Höhepunkten Beat It und Billie Jean.

Jackson-Funk, sein Personalstil, ist die Vereinigung schärfster Polyrhythmik mit einer unüberhörbaren Basslinie und mit durchgängiger Melodik – etwas, das „eigentlich gar nicht geht“: eine Musik, die ganz schwarz ist und zugleich ganz weiß und trotzdem nix für Freunde des goldnen Mittelwegs. Sie prägt das folgende Album ganz: Bad konnte schon darum nicht so viel verkaufen wie Thriller, weil es ein klares Profil hat. Das kann nicht jedermanns Geschmack sein. Es wurde nur zum zweitmeist verkauften Album aller Zeiten. Bis es von Dangerous stilistisch überboten und an den Kassen überholt wurde: Die Verkaufszahlen nähern sich seit 1991 den dreißig Millionen. Es war Jacksons musikalischer Gipfel.

Mit Thriller hat sich Michael Jackson zur Figur erfunden, auch physiognomisch: zum „Jacko“. Seither ist es die Figur, die die Musik trägt. Auf Dangerous ist kein Stück mehr, das glaubhaft auch von einem andern dar- geboten werden könnte. „Er selbst ist das Werk, und das Werk ist er“, hatte Schiller vor- ausgesagt.

Dann kam The Jackson Chase, zum xten Mal ward er totgesagt und ist in einer gewaltigen Materialschlacht doch wiedergekommen. Nur verschwammen an der Jacko-Figur die Konturen. HIStory war überfrachtet, die Tournee war eigentlich besser als das Album. Das folgende Album Invincible (2001) war ein Misserfolg; ein relativer: Jeder andre wäre über solchen Misserfolg froh. Offenbar sollte es das Erfolgsrezept von Off The Wall kopieren: an den gerade noch herrschenden Techno-Geschmack anknüpfen, um ihn zu R&B einzuschwärzen. Kam Invincible zu früh? Eher war wohl diese Musik einerseits zu beliebig, andrerseits zu gemacht, um durchzuschlagen. Am Reißbrett entsteht keine Kunst, sondern Konfektionsware, und die erlaubt nur einen Standarderfolg. Nach dem Durchschnittsgeschmack schielen durfte das gealterte Wunderkind auf der Suche nach seiner zweiten Chance; aber nicht der Größte Star Aller Zeiten.

Black & white

Weil es ohne moderne Medien einen größten Star aller Zeiten gar nicht gäbe, meint die Einfalt, nur die Medien hätten ihn dazu gemacht. Wer er ist, welche Musik er macht, sei ganz zufällig, genauso gut hätte es ein andrer werdenkönnen. Schon bei der Musik stimmt es nicht. Nur eine Platte mit „schwarzer“ Musik konnte zum je meist, zweitmeist und drittmeist verkauften Album der Musikgeschichte werden. Und dass sie von einem Sänger vorgetragen wurde, der selber schwarz ist und auch wieder nicht, hat ihr‘ Teil dazu beigetragen.

In der europäischen Musik ist über die Jahrhunderte „das Ausdruckslose der Konstruktion“, wie Adorno es nennt, vorherrschend geworden, und das lag wohl am bürgerlichen Charakter der Öffentlichkeit, wo nur das bestand, was sich vermitteln ließ. Die modernen Medien fingieren nun eine neue Unmittelbarkeit, wo Ausdruck nicht nur erlaubt, sondern unverzichtbar ist – weil der Künstler sonst keinen Eindruck macht. Nicht Perfektion wird vom Star erwartet, sondern eine Gänsehaut. Keine Kunstform der konstruktiven europäischen Tradition kann das bieten. Die Expressionisten blickten nach Afrika, die Unterhaltungsindustrie importierte „Negermusik“. Nicht von schwarzafrikanischer Musik ist die Rede, sondern von schwarzamerikanischer. Als die Negersklaven den Boden der Neuen Welt betraten, war ihnen buchstäblich nichts geblieben, das sie hätten mitbringen können. Alle Zusam- menhänge waren ihnen zerrissen, nicht einmal die Bluts- bande blieben ge- wahrt (ein anhalt- endes Problem im schwarzen Amerika). Alles musste neu erfunden werden, wenn nicht aus dem Nichts, dann aus tiefster Not. Darum nimmt ja die Musik im schwarzamerikanischen Alltag so viel Platz ein. Nachdem die afrikanischen Sprachen verloren waren und der Zugang zur englischen versperrt, blieben als Ausdrucksmittel einzig Gesang und Tanz übrig. Und zwar der Rhythmus, der sich immer neu erfindet, eher als die Melodie, die aus alter Überlieferung schöpfen muss.

Behaupten mussten sie sich gegen die Musik des weißen massa. Das Spezifikum der schwarzamerikanischen Musik, das den Rhythm and Blues als „universelles musikalisches Esperanto“, wie Quincy Jones sagt, um den Erdball trug, bliebe ohne diese demütig-aufrührerische Frontstellung ganz rätselhaft: Das polyrhythmische Schweben in seiner gespanntesten Form, dem swing (den es in Afrika nicht gibt), dient zur Selbstvergewisserung der Ärmsten der Armen, die sonst nichts haben. Wer immer sich auf der Welt geringgeschätzt glaubt und sucht, woran er sich auflehnen kann, findet da, was er braucht. Es gibt keine Jugendkultur ohne Musik; doch ohne das musikalische Esperanto des Rhythm and Blues gäbe es nur lokal beschränkte, ephemäre und provinzielle Jugendkulturen. Zum Weltkulturerbe hätte sie’s nie gebracht. Einen größten Star aller Zeiten gäbe es nicht.

Das Wort Jugendkultur hat Gustav Wyneken für den Wandervogel geprägt. Der war, als Inbegriff des „deutschen Sonderwegs“, ein Partikularismus par excellence. Der Rockrevolution der fünfziger Jahre hat er nicht standgehalten. Sex and Rock ’n Roll – das heißt seither Jugendkultur. Und Rock ’n Roll war nichts anderes als die weiße Verpackung für den schwarzen Rhythm and Blues. Die „schwarze Stimme mit dem weißen Gesicht“ hieß Elvis Aaron Presley. Doch der Rock ’n Roll ist rasch erbleicht; Bill Haley und, o Gott, Peter Kraus! Man kann die Geschichte der Popmusik als eine Kurve zeichnen, wo auf jeden schwarzen Wellenberg eine lange blasse Ebbe folgt; bis zur nächsten Woge. (Die Ebbe ahnt, wo sie herkommt. Barry Gibb von den Bee Gees, die mit Saturday Night Fever den größten Erfolg der Disco-Ära eingespielt haben, sagt: „Die Leute nannten es Disco, aber wir dachten, wir machen Rhythm and Blues.“) Ein schwarzer Kaventsmann war die Musik des (ersten schwarzen) Schallplattenkonzerns Motown. Smokey Robinson, Marvin Gaye, Gladys Knight, Stevie Wonder und Diana Ross waren seine bis heute bekannten Stars. Und seine letzten wurden am bekanntesten: The Jackson Five. Von der Disco-Ebbe verschluckt, kam deren Lead-Sänger dann zurück wie ein Tsunami. Seine Karriere blieb nicht auf den nordatlantisch-protestantischen Kulturkreis beschränkt wie die von Elvis, nicht auf die westliche Hemisphäre wie Beatlemania. Michaelmania überzog erstmals buchstäblich die ganze Erde. Sozialforscher wollen herausgefunden haben, dass neunzig Prozent der Erdbewohner wussten, wer Michael Jackson war. Ein lilienweißer Schwarzer, der bekannteste Sterbliche unter der Sonne…

Das lebende Gesamtkunstwerk

Von unsern Künstlern sind wir gewohnt, dass Perfektion und Ausdruck Gegensätze sind und eins immer auf Kosten des andern geht; Fischer-Dieskau kann ein Lied davon singen. Für Michael Jackson gilt das nicht. „Übung, schätz ich“, hat er gesagt, als ein Junge ihn fragte, woher er so irre tanzen kann. Seit er fünf Jahre alt ist, findet sein wirkliches Leben auf der Bühne statt, da war Zeit, sich einiges anzueignen. Doch dass sich bei ihm der Ausdruck mit der Perfektion steigert und die Perfektion nur im Ausdruck gelingt, mag man Ingenium nennen. Noch nie ist eine Künst- lerbiographie so vollständig mit einer Karrierechronik in eins gefallen. „Vom wirklichen Genuss des Lebens kenne ich gar nichts. Für mich ist der Genuss des Lebens und der Liebe nur ein Gegenstand der Einbildungskraft, nicht der Erfahrung. So musste mir das Herz in das Hirn treten und mein Leben nur noch ein künstliches werden. Nur noch als Künstler kann ich leben, in ihm ist mein ganzer Mensch aufgegangen.“ Das hat Richard Wagner gesagt, als erster Großindustrieller der Unterhaltungskunst ein Ahnherr von Michael Jackson, aber es war Koketterie. Michael Jackson käme solches nie über die Lippen, aber auf ihn trifft es zu.

Es waren nicht die Medien, die den Star erfunden haben. Andersrum: In der Medienwelt kann der Künstler nur als Star bestehen. Imagebuilding wird zur eignen Kunstgattung. Sich zur Figur zu stilisieren ist der artistische Elementarakt. Die Figur ist der Personalstil, sie ist es, die die Performance authentifiziert. Für den Normalstar gilt das annäherungsweise, Madonna zum Beispiel muss sich jede Saison neu stilisieren, um glaubhaft zu werden. Nur für Michael Jackson gilt es absolut. Er ist das lebende Gesamtkunstwerk. Er ist nichts anderes als „Jacko“, er ist in seiner Figur aufgegangen ohne jeden privaten Rest. Seine Verwicklungen mit der kalifornischen Justiz waren der Punkt auf dem i.

Das Eigentümliche am Genie ist nach Jean Paul sein Vermögen, der Welt eine neue Ansicht von ihr selbst zu zeigen. Die ästhetisch-eigne Sicht der Welt hat diesen Vorzug vor den philosophisch- oder naturwissenschaftlich-eigenen: daß man sie nicht teilen muß, um sie zu schätzen. Im Gegenteil – dass sie befremdet, macht eine originäre ästhetische Qualität erst aus. Genie allein qualifiziert eher zum Verkanntsein als zum Welterfolg. Damit einer zum größten Star aller Zeiten werden konnte, musste seine ‚neue Ansicht der Welt‘ die Menschen aller Kontinente so sehr befremden, dass ihnen millionen-, milliardenfach die Spucke wegblieb. Das ist durch das Wie ihrer Darreichung nicht zu erklären. Es wird am Was liegen.

Der Kinderkönig

Mit ihm hat das Wort Kinder-Star einen neuen Sinn bekommen. Er ist der erste Popkünstler, der sich nicht die Halbstarken, sondern ausdrücklich die Kinder zum Publikum erwählt hat, und die haben ihn zum größten Star aller Zeiten kreiert. Diese ‚Jugendkultur‘ ist Kiddie Kulture. Er hat sie nicht erfunden, aber er hat ihr eine Aura gegeben, die sie sonst nicht hätte. Es war eine lebensgeschichtliche Affinität, wie eine offene Wunde. Doch zum Künstler wird keiner, ders nicht nötig hat. „Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und Zerstören in ewig gleicher Unschuld hat“ nach Nietzsche „in dieser Welt allein das Spiel des Künstlers und des Kindes.“ In der bürgerlichen Welt ist der Phänotyp des Künstlers zum Statthalter der im Arbeitsalltag lästig gewordenen Kindlichkeit erwachsen. Sie macht die ästhetische Qualiät der Werke nicht aus, aber sie bereitet den Boden, aus dem sie wächst.

Welches Vorbild der Jacko-Figur zugrundeliegt, sagt er jedem, der es hören will. Es ist Peter Pan, der lost boy im Nimmerland, der es ablehnt, erwachsen zu werden. Der hatte allerdings selber ein Vorbild. Das war sein Erfinder, James Matthew Barrie, der sich so sehr sträubte, erwachsen zu sein, dass er sein Leben lang Größe und Gestalt eines Zwölfjährigen behielt; der sich mit Kindern umgab, die er zu seinem Lebensinhalt machte und damit sein Geld verdiente. Ein Kinderkönig, das Leben ein Spiel. Natürlich wurden ihm dieselben unanständigen Laster angehängt, wie seinem heutigen Nachfahr.

Zum Jacko zurechtgeschnitten, erscheint The Real Peter Pan als bleicher Knabe, grazil und zapplig und mit einer außerirdischen Stupsnase, mal eher schön, mal eher komisch. Ein flüchtiger Journalistenblick wollte Zeichen von Androgynie erkennen. Es ist aber nicht eine Rundung zu sehen. Es ist die filiforme Figur eines zu rasch aufgeschossenen Dreizehnjährigen, und die schlacksige Grazie seiner Schritte und Posen ist so mädchenhaft wie ein Fußballstutzen. Eben Peter Pan und nicht Alice im Wunderland. Doch die Wirklichkeit ist schräger als die Fiktion. Während James Barrie’s Theaterfigur bleiben durfte, was sie immer war, kehrte ihr realexistierender Sproß dahin zurück, wo er nie gewesen ist, in seine Kindheit, Neverland.

Ein päderastischer Affekt

Dass er so zum König der Kinder ward, ist an dieser wahnwitzigen Karriere das am wenigsten Rätselhafte. Dass er damit auf breiter Front zugleich die Generation ihrer Mütter und Väter schwachmachte, überrascht allerdings. Verstohlen um sich schielend, feixen sie in den Bildschirm und können den Blick nicht von ihm wenden: Denkwürdig bleibt sein alle Rekorde brechender Auftritt bei Wetten dass?

Das Faszinierende und Anstößige an dieser Figur ist ihre surreale Duplizität. Er ist immer nicht nur dies, sondern zu-gleich auch das andere. Er ist der Jacko, Größter Star Aller Zeiten, aber er bleibt der kleine Michael mit den traurigen Augen und der klagenden Stimme. Er ist schwarz und er ist weiß, er ist klein und überlang, ist unernst ernst, pathetisch komisch, kitschig grotesk, er „vereinigt Unschuld und ausgekochten Professionalismus, unverstellte Gefühlstiefe und ausgefuchste Kalkulation“, schrieb Rowohlts Rock-Lexikon, er ist das wandelnde Paradox – ein „Bambi der Rockmusik“. Er ist der Kinderkönig, aber den andern ist er Unser Kleiner Prinz. Das Verführerische an dieser Figur wird weniger mysteriös, wenn man ihm einen Namen gibt: Es ist selber ein päderastischer Affekt, und sein doppelter „Fall“, der dann doch keiner wurde, war unsere verschämte Projektion.

Dass aber puer aeternus, die mythische Gestalt des wilden Knaben, mehr Menschen hypnotisieren konnte als weiland Elvis und die Beatles zusammen, ist das eigentliche Mysterium. Erotik spielt sicher mit rein, aber Sex nur in Sonderfällen. Die Verführung ist ästhetisch-„sinnhaft“, und ihr Hintergrund weniger tiefenpsychologisch als kulturhistorisch. Es hat damit zu tun, dass die Erwachsenheit veraltet und das Kindliche eine eigne Mächtigkeit gewinnt.

Homo ludens victor

Tiefenpsychologie findet ihren Platz freilich auf der Gegenseite. Die in Michael Jackson Gestalt gewordene weltweite Faszination vom „Kindesmissbrauch“ trägt die Züge dessen, was Professor Freud eine Widerstandsreaktion genannt hat; „haltet den Dieb“, sagt der Volks- mund. Denn sein Auf- stieg fiel zusammen mit dem Beginn einer zivi- lisatorischen Krise, der tiefsten seit der Neoli- thischen Revolution, und heizt sie an: Es ist das Ende der Arbeits- gesellschaft. Das Ende jener Zivilisation von Notdurft, Arbeit, Nutz und Zweck, die vor runden zehntausend Jahren im Tal des Jordan anfing, als die Menschen sesshaft wurden und den Ackerbau begannen. Ein relativer Überschuss, der sich akkumulieren und berechnen ließ, wurde zur Prä„misse des Daseins. Es begann die Bevölkerungsexplosion, der Kampf um die Verteilung, die Klassenspaltung und das Elend der großen Masse. Bedürfnis und Arbeit, besoin und besogne wurden zur Condition humaine. Die Arbeit wurde zum Wirkgrund der Werte. Sie wurde zum Rechtsgrund der Welt. Der Erwachsene wurde eigentlicher als das Kind, und Heiterkeit blieb nur der Kunst.

Doch damit geht es jetzt zu Ende, denn die wirkliche Arbeit machen die Maschinen. Arbeit bleibt nicht Sinn des Lebens, wenn Mangel nicht mehr sein beherrschendes Thema ist, und unsere (Ent-) Sorge gilt immer mehr dem Überfluss… „Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein“, ist sie auch nicht länger der Wert, der an und durch sich selber gilt. Was wird dann aus dem Unterschied von Kindheit und Erwachsenheit? Von Ernst und Unernst? Von Mitteln und Zwecken? Wieso ist Arbeit würdiger als Spiel und Erwachsenheit etwas, wonach es zu streben lohnt? Und allenthalben erwacht das Kind im Manne! Die Welt kann sich jetzt nur noch ästhetisch recht- fertigen. Aber das sollte sie.

Michael Jackson sorgt für Aufregung, weil er das hyperkinetische Ausruf- zeichen ist hinter dem Selbstzweifel unserer jahrzehntausendalten Zivilisation von Aufwand und Nutzen. Zwar bedurfte es für diesmal noch seines exorbitanten Ingeniums, aber unmöglich war es nicht; Peter Pan war ins richtige Leben getreten. Es gab die Theorie, nicht die Arbeit, sondern das Spiel sei die Wurzel der Kultur. Das war überzogen. Aber es ist sicherlich ihr Zweck. Und Michael Jackson ist ein lebendes Denkmal für homo ludens victor. Er hat der Welt eine neue Ansicht ihrer selbst gezeigt. Daher der Hass, daher die Versuchung. Er ist ein großes geschichtliches Ereignis.

Er war da

Das schneeweiße Techno-Plätschern, das ohne Stars auskam, verläuft sich. 1000 Zuckungen pM ersetzen auf Dauer nicht den Rhythmus und das Dähnßen nicht den Tanz. Die Love Parade hat fertig. Der Star ist wieder gefragt, dessen Aura die Performance zur Kunst ästhetisiert. Nur einer kann hoffen, allein durch seinen Auftritt im World Wide Web, ohne Album, ohne CD und ohne Corporation genug abzusetzen, um die steigenden Produktionskosten einzuspielen; sobald nämlich das Problem der Raubkopien befriedigend gelöst ist: der größte Star aller Zeiten. An Inspiration wirds ihm nicht fehlen. Nur ist auch er nicht davor gefeit, sich künstlerisch zu verkalkulieren. Nämlich dann nicht, wenn er kalkuliert. Das ist tödlich für die Kunst. Er wird als Künstler wiederkommen, oder er wird nicht wieder- kommen.

Doch ob oder ob nicht, ist fast schon nebensächlich. Das geschichtliche Ereignis hat stattgefunden. Er hat Peter Pan-Jacko ins richtige Leben überführt. Wohl hat er dort Schaden genommen, und dass sein Scheitern noch immer nicht ausgeschlossen ist, verbürgt seine Echtheit. Es ist nicht das Zwielichtige selbst, das ihn beschädigt hat – damit hatte er stets geliebäugelt. Es ist die Banalisierung. Die Philister haben ihn zu fassen gekriegt und in ihren Kreis gezogen. Was sonst noch eine vage Spur von Schwermut war, hat sich zu einem Zug von Tragik verschärft. Eigentlich ist er erst jetzt der romantische Künstler in ganzer Gestalt. Dies in die renovierte Jacko-Figur einzuprägen, ohne der Versuchung zum Kitsch zu sehr nachzugeben; ohne nämlich ihre beißende Ironie zu verraten – das wird ein echtes Kunst-Stück. Ob es gelingt, wird man sehen. So oder so, he was there, das ist, was zählt.

Literatur:

Jochen Ebmeier:

Michael Jackson. Das Phänomen

Mainz 1999 (Schott)

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siehe auch: http://michaeljacksonebmeier.wordpress.com/

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~ von Panther Ray - September 9, 2008.

Eine Antwort to “He was there”

  1. […] he (Michael Jackson) come back? Gar nicht sooo wichtig, aber He was there!! meint der Autor. Und diesen Satz liebe ich besonders: “Und Rock ‘n Roll war nichts anderes […]

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