Das neue Schwärmen fürs Kollektive

•November 13, 2009 • Kommentar schreiben

Bergfinkenschwarm

aus: NZZ, 13. 11. 09

Die Rede von der «Schwarmintelligenz» als Ideologie unserer Zeit

Sind Kollektive, wie wenig klug oder erfindungsreich ihre Mitglieder für sich genommen auch sein mögen, im Ganzen doch intelligenter und schöpferischer als jedes noch so grossartige Individuum? Das Internet forciert diese Vorstellung, und das hat Folgen für unsere Wertbegriffe.

Von Joachim Güntner

Mit Geniebegriff und Geniekult kann man heute im Ernst niemandem mehr kommen. Programm und Feier des schöpferischen Individuums hatten ihre hohe Zeit im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Doch nicht nur, dass jenes Pathos verblasste. Es ist, als falle unsere Gegenwart ins andere Extrem, wie die Rede von der «Schwarmintelligenz» anzeigt. Der kreative Einzelne erfährt darin einen ungeahnten Wertverlust. Die Weisheit der vielen, so besagt diese Rede, übertrifft die eines singulären grossen Geistes.

Gern wird in diesem Zusammenhang Francis Galton zitiert, der einst einer Viehauktion beiwohnte, an der die Teilnehmer das Schlachtgewicht eines Rindes schätzen mussten. Die einzelnen Schätzungen lagen alle weit daneben, als aber aus ihrer Gesamtheit der Durchschnittswert ermittelt wurde, traf dieser das Gewicht nahezu exakt. Die Gruppe als solche, so folgerte daraus der amerikanische Journalist James Surowiecki in seinem 2005 erschienenen Buch «The Wisdom of Crowds», erweise sich mithin als klüger denn Einzelpersonen.

hammelherde

Kollektive ohne Zentrum

Eine «Schwarmintelligenz» zu konzipieren, birgt mehrere Pointen. Eine davon ist, dass die Mitglieder des Schwarms jedes für sich genommen nicht besonders helle sein müssen, jedoch ihr Miteinander Effekte höherer Ordnung zeitigt: Das kann eine Weisheit des Handelns sein, die sich zum Beispiel durch den Erfolg einer kollektiven Nahrungssuche erweist, ebenso aber ein kognitiver Triumph wie jener, von dem Galton berichtete. Die Intelligenz der Gruppe wäre also etwas, was nicht von vornherein da ist, sondern sich im Zusammenspiel herausbildet, «auftaucht». Sie hat auch keinen spezifischen Sitz. Dass Schwärme «Kollektive ohne Zentrum» sind, hält ein neuer, von Eva Horn und Lucas Marco Gisi herausgegebener Sammelband zum Thema bereits im Titel fest (Transcript-Verlag). Anders als ein Rudel hat ein Schwarm kein Leittier. «Die Logik des Schwarms ist eine Logik der Selbstorganisation und der Selbststeuerung», schreibt Eva Horn.

Das mag stimmen. Ob damit allerdings ein Modell vorliegt, anhand dessen sich gleichermassen «Fischschwärme, Insektenvölker, Computerprogramme, Menschenmengen, Konsumentenverhalten, Logistiksystem oder Finanzströme» beschreiben lassen, darf als fraglich gelten. Vielleicht haben wir es auch bloss mit einer überreizten Metaphorik zu tun. Ihre Begrifflichkeit stammt aus der Biologie, und nun sollen die dort erkannten Muster des «Schwärmens» auf soziale und ökonomische Prozesse oder gar auf wissenschaftliche und künstlerische Leistungen bezogen werden. Diese Übertragungen setzen ein hohes Mass an Abstraktion und Formalisierung voraus.

Als Musterbeispiel für Schwarmintelligenz im Reich des Menschlichen gilt die Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Jeder kann dort im Prinzip mitarbeiten, und jeder einmal angelegte Artikel steht der weiteren Bearbeitung durch andere Autoren offen. Da die Mitarbeiter nicht als Gruppe werkeln, sondern verstreut irgendwo vor ihren Computern sitzen, hat man Schwierigkeiten, sie sich als Schwarm vorzustellen. Eher handelt es sich wohl um ein Netzwerk.

Buffalo Stampede

Doch auf die letzte Stimmigkeit des Konzepts, das ins weite Gebiet der Systemtheorie fällt, soll es uns nicht ankommen. Intellektuell reizvoll ist der Schwarm-Gedanke als Versuch, ein Kollektiv, das keine feste Gestalt besitzt, in seiner Dynamik begrifflich zu erfassen. Und ideologisch bedeutsam ist die Rede von «Schwarmintelligenz», weil sie den Einzelnen in seiner Potenz herabsetzt. Geistes- und Schöpferkraft sind demokratisiert. Das zerstört die alten, emphatischen Vorstellungen von Autorschaft und Urheberschaft. Wikipedia bringt das in seinen Teilnahmebedingungen klar zum Ausdruck. Wer sich dem «Wiki-Prinzip» unterwirft, nimmt hin, dass von ihm begonnene Texte durch Dritte korrigiert und weiterentwickelt werden. «Wer nicht möchte, dass seine Inhalte beliebig modifiziert werden können, sollte bei Wikipedia nicht mitarbeiten», heisst es da. Als Urheber ein geistiges Eigentum an einem Artikel zu besitzen, ist ausgeschlossen.

Wohl nicht zufällig sind die theoretischen Überlegungen zur Schwarmintelligenz erst aufgekommen, seit es das Internet gibt. Sie wirken wie eine Begleitmusik. Zumal im Streit um Urheberrechte und Copyrights, der grosse Teile der kulturpolitischen Diskussion über das Netz bestimmt, kann man diesen Eindruck gewinnen. Sind Werke bloss noch als Schöpfungen von Schwarmintelligenzen zu begreifen, entfallen alle Legitimationsprobleme, die das klassische Urheberrecht den Raubkopierern noch bereitet. Ansprüche auf «Werkherrschaft», wie sie etwa die Initiatoren des «Heidelberger Appells» (NZZ 2. 5. 09) für Texte erheben, wären zu begraben.

Idealiter meint Werkherrschaft, dass allein der Autor über Gestalt und Publikation seiner Arbeit bestimmt. Kein Eingriff ins Werk ohne seine Zustimmung. Ginge es nach den besonders strengen Vertretern dieser Vorstellung, so hätte ein Urheber selbst dann noch ein Wörtchen mitzureden, wenn es etwa darum ginge, an welcher Stelle in einem Sammelband sein Beitrag zu stehen kommt. Wurde womöglich sein Text unmittelbar neben dem eines wenig geschätzten Konkurrenten placiert? Es versteht sich, dass, wenn bereits solche Feinheiten den orthodoxen Kämpfer für Werkherrschaft stören, ihn die freie Verwurstung von Texten im Internet auf irgendwelchen Plattformen umso mehr grausen muss. Für die Schwarm-Intelligenzia hingegen erübrigt sich alle Aufregung.

derfahrende Ritter

Es greift sicherlich zu kurz, die Systemtheorie des «Schwarms» nur als Derivat der Internetbegeisterung und der Destruktion des Urheberrechts zu fassen. Es steckt ja auch ein politologischer Beitrag darin. Wie zum Beispiel soll man neue Formen von Menschenauflauf oder von Protest erklären, wie sie die Demonstranten an G-8-Gipfeln vorführen? Wenn sich sogenannte Smart Mobs via SMS zusammenfinden, dann hat das erkennbar wenig mit einer in althergebrachter Weise von Parteien oder Gewerkschaften organisierten Masse zu tun. Wären solche Phänomene nicht als Schwärme tatsächlich besser beschrieben? Dem Schwarm fehlen die evidente Hierarchie und die feste Ordnung. Aber er zeigt koordinierte Bewegung und passt insofern vielleicht ja recht gut zur Mischung aus Individualismus und Konformität, die modernen Zusammenrottungen eignet.

Archaik und Moderne

Die Frage nach der Tauglichkeit des biologischen Konzepts «Schwarm» für soziale, ökonomische oder kulturelle Verhältnisse ist eines. Man kann sie unbeantwortet lassen, und es bleibt einem doch noch immer der Blick von aussen: der Blick auf Schwarm-Theorien als Symptom der Zeit. Was kommt in ihnen zum Ausdruck, zu welchen Vorstellungen stehen sie quer, welche Anschauungen werden durch sie liquidiert?

Wie Freuds Aufwertung des Unbewussten unsere Vorstellung von einem souveränen Ich kränkte, so nagt die Ausrufung von Schwarmintelligenz am Ideal des kulturell schöpferischen Solisten. Jenes Postulat verträgt sich weder mit dem Humboldtschen Ideal eines wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns «in Einsamkeit und Freiheit» noch mit dem von grosser künstlerischer Inspiration und Meisterschaft. George Steiner hat, nachzulesen in dem von alteuropäischem Geist durchwehten Band «Die Logokraten» (Hanser-Verlag, 2009), einmal das Internet als Mischung aus Archaik und Ultramoderne bezeichnet: «Das Bild, das ich vor mir habe», räsoniert er in einem Gespräch, «ist das des antiken Chors, und wir wissen, dass sich unser Theater, unsere Literatur und unsere Dichtung ganz langsam von der Mündlichkeit des Chors befreit haben, dass sich erst nach Jahrtausenden der Kollektivität eine Stimme losgelöst hat . . .» – Kassiert nun das Internet diese Individuierung? Kann es auch ein Medium für neue Solisten in Kunst und Wissenschaft sein – oder ist es, was das grosse schöpferische Individuum betrifft, allenfalls ein Archiv für dessen glanzvolle Vergangenheit?

Tiger15

Sprache kommt vom Sprechen.

•November 12, 2009 • Kommentar schreiben

Hand und Mund

1. Der Mensch kann nicht nur die Bedeutungen vorgegebener Symbole verstehen, sondern selber neue hinzu erfinden – weil er muss. Darauf beruht seine gattungseigne Existenzweise. Der Kreis verfügbarer Symbole muss ständig erweitert werden, weil stets neue Bedeutungen hinzu kommen.

2. Dafür war erforderlich, dass die Bedeutungen nicht in gegenständlichen, sondern in lautlichen Zeichen symbolisiert wurden. Denn nur so reicht es aus, dass sie nicht jederzeit an jedem Ort zur Hand, sondern lediglich zu Munde sind; nicht als Ding in Raum und Zeit, sondern lediglich als neuronale Verschaltung im Hirn gespeichert werden.

3. Das ist drittens die Bedingung für die grammatische Struktur der Menschensprachen. Die Symbole und ihre Bedeutungen müssen nicht bloß nebeneinander gestellt, sondern können zu jeder Zeit in modo operandi gebeugt werden. Die Bedeutungen werden nicht addiert, sondern hierarchisch – S/P/O – aufeinander bezogen. Der Satz ist keine Summe von vorhandenen Stücken, sondern selbst ein qualitativ neues Stück: ein Komplex, eine Bedeutung sui generis.

FOXP2 gene shows why we can talk, but chimps can’t answer back

•November 12, 2009 • Kommentar schreiben

chimp_thinking

From The Times, November 12, 2009

By Mark Henderson, Science Editor

Two tiny changes in a gene linked to language may help to explain why people can speak and animals cannot, new research has shown. Though the gene, known as FOXP2, differs only very slightly between human beings and chimpanzees, scientists have discovered how these small variations unleash a cascade of other genetic effects that probably contributed to our species’ unique capacity for language. The study, published in the journal Nature, promises fresh insights into speech and language disorders as well as other conditions such as autism and schizophrenia.

“We showed that the human and chimp versions of FOXP2 not only look different but function differently too,” said Daniel Geschwind, of the University of California Los Angeles, who led the research. “Our findings may shed light on why human brains are born with the circuitry for speech and language and chimp brains are not. This has opened up a window through which we can look out on to the landscape of language.”

The study also highlights a means by which the very few genetic differences between closely related species such as humans and chimps create large differences in physiology, appearance and mental capacity. Many of the genes that make us human may work like FOXP2, serving as switches that turn entire networks of other genes on and off, greatly magnifying their overall effect on our bodies and minds.

While FOXP2 is not the “language gene” — many other genes are involved — it is the only gene that has so far been reliably associated with human language. It was identified in 2001 in a study of a British family known by the initials KE. About half of the family members have a severe language deficit that leaves them struggling to form and identify speech sounds, to construct sentences and understand grammar. When scientists from the University of Oxford examined their DNA they found affected members all had a mutation in FOXP2.

Further research then revealed that while the FOXP2 gene is almost identical in most mammals and birds, humans have a subtly different version. The protein made by human FOXP2 differs by just three amino acids from that of mice, and two of these changes have emerged since the evolutionary split from chimps about seven million years ago. The changes emerged about 200,000 years ago, when modern Homo sapiens emerged.

Dr Geschwind’s research has shown that these small changes in FOXP2 have a direct effect on its function. The scientists identified 61 genes that were turned up and 55 that were turned down by human FOXP2, but not by the chimp variant. Some of these genes are known to be involved in the way the brain controls motor function, and formation of the skull, face, cartilage and connective tissue.

Geldspenden in einem Tempel in Angkor Wat

The findings indicate that human FOXP2 may be guiding the activity of other genes in ways that let the brain, mouth muscles, vocal cords and breathing system control speech and language. The research suggests “an important role for human FOXP2 in establishing both the neural circuitry and physical structures needed for spoken language”. By pointing to other genes that might be implicated, the study will assist research into speech and language disorders and other conditions characterised by communication deficits, such as autism.

Way with words

— Several animals, such as bees and dolphins, have complex communications systems, but only human beings have language

— Chimpanzees, orang-utans and gorillas have been taught to use and understand sign language, but cannot construct these grammatically. Some birds, such as parrots, can mimic human speech, but without understanding its content

— Accepted properties of true language include grammatical structure, and the use of meanings for words that are not affected by the way they are vocalised, unlike a monkey’s alarm howl

— Human speech and language rely on several physiological and neurological traits, including advanced brain circuits, fine motor control of facial and breathing muscles, and the anatomy of the neck and face

— As language leaves no trace, the date of its emergence is unknown. Most scientists agree it must have begun 100,000 to 50,000 years ago, when Homo sapiens started producing figurative art that would have required language

— Another open question is whether Neanderthals had language. Their anatomy and genetic studies indicating that they had the same version of the FOXP2 gene as Homo sapiens, suggests this is possible

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vgl. New York Times, 12. 11. 09: http://www.nytimes.com/2009/11/12/science/12gene.html?_r=1&ref=science

Ererbte und symbolisierte Bedeutungen.

•November 11, 2009 • Kommentar schreiben

Was die Dinge seiner Umwelt dem Tier bedeuten, „versteht sich von selbst“da muß es das Tier nicht auch noch verstehen. Die Gattung und ihre Umwelt sind gewissermaßen durch Vererbung miteinander verwandt. Dem Menschen werden die Bedeutungen der Dinge durch Symbole mitgeteilt, die ihm von andern Menschen überliefert wurden: Deren Bedeutungen muß er jedesmal wieder selber realisieren, nämlich verstehen.

(Zur Erinnerung: Symbole bezeichnen immer die Bedeutungen der Dinge; nicht die Dinge selbst; die „erscheinen“ ja leibhaftig.).


Kampf den Schamlosen, rettet die Privatheit!

•November 10, 2009 • Kommentar schreiben

schamlos

aus NZZ, 10. 10. 09:

upj. · Noch für Immanuel Kant galt das bei Francis Bacon entliehene Wort «De nobis ipsis silemus»: «Von uns selbst aber schweigen wir.» Seither sind mehr als zweihundert Jahre verflossen, und wir alle reden fröhlich – von uns selbst. Längst hat die Ausweitung der Intimsphäre in alle öffentlichen Bereiche stattgefunden. Scham, Diskretion und Zurückhaltung gelten nicht mehr als Tugenden, sondern zunehmend als soziale Defekte. Wir sitzen heute in einem Treibhaus der Schamlosigkeit, so der Berliner Publizist Martin Simons. Das Zurschaustellen des eigenen Privatlebens in den «sozialen Netzwerken» des Internets ist heute genauso üblich wie die Selbstentblössung dieses oder jenes «Prominenten» in den Boulevardmedien. Man kann kaum mehr in ein öffentliches Transportmittel steigen, ohne nicht sofort mit Menschen konfrontiert zu werden, die ihre Gefühle laut in ein Mobiltelefon hineinschreien. Wer wirklich privat sein will, muss es vor allem auch mit sich allein aushalten können.

Martin Simons: Vom Zauber des Privaten. Was wir verlieren, wenn wir alles offenbaren. Campus-Verlag, Frankfurt 2009. 159 S., Fr. 34.90.

Auch das Tier lebt nicht in einer Welt, die ‘der Fall’ ist

•November 8, 2009 • Kommentar schreiben

… sondern in Bedeutungen. Evolution ist Auslese und Anpassung. Im Laufe ihrer Geschichte hat jede Spezies ihre ökologische Nische gefunden und hat sie zu ihrer Umwelt eingerichtet. Jede tierische Umwelt bildet nach Jakob von Uexküll, dem Begründer des biologischen Umwelt-Begriffs, „eine in sich geschlossene Einheit, die in all ihren Teilen durch die Bedeutung für das Subjekt beherrscht wird. Alles und jedes, das in den Bann einer Umwelt gerät, wird umgestimmt und umgeformt, bis es zu einem brauchbaren Bedeutungsträger geworden ist – oder es wird völlig vernachlässigt.“

Bedeutung ist dasjenige ‘an’ den Dingen…

•November 6, 2009 • Kommentar schreiben

…was zum Bestimmungsgrund für mein Handeln werden könnte; mich veranlassen kann, mein Leben so oder anders zu führen. Die Bedeutung eines Dinges feststellen heißt urteilen. „Der Mensch muss urteilen“ und „der Mensch muss handeln“ bedeuten dasselbe. Handeln heißt nicht bloß ‘etwas tun’ (das tut das Tier auch), sondern: einen Grund dafür haben.

Affenkultur.

•November 4, 2009 • Kommentar schreiben

schimpanse werkzeug
22. Oktober 2009, 18:25, NZZ Online
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Kulturelle Unterschiede bei Schimpansen bestätigt

Ein experimenteller Ansatz

Schimpansen haben kulturelles Wissen, das sie auch an ihre Nachkommen und neue Gruppenmitglieder weitergeben, das wurde bereits oft beobachtet. Eine internationale Forschergruppe hat diese Beobachtungen nun mit einem experimentellen Ansatz bestätigt.

(sda)/lsl. Seit langem ist es eine Streitfrage, ob unterschiedliche Verhaltensweisen in verschiedenen Affen-Populationen genetisch oder durch die Umwelt geprägt sind oder etwa durch soziales Lernen entstehen. Um dies zu überprüfen untersuchten die Forscher zwei genetisch fast identische Schimpansengruppen in Uganda unter experimentellen Bedingungen der Honig-Aufnahme.

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Unterschiedlicher Werkzeuggebrauch

Eine Population aus dem Waldgebiet Kibale Forest benutzt oft Stöcke um an Honig heranzukommen eine andere aus dem benachbarten Budongo Forest verwendet dafür eher ihre Finger. Die Forscher hatten für ihren Versuch ein Loch in den Stamm gebohrt und den Honig darin versteckt. Neu an der Situation war die Form und Ausrichtung des Loches und der Honig, welcher flüssig war und sich nicht wie in der Natur in Waben befand. So stellte die Suche nach dem versteckten Honig für beide Gruppen unter den gleichen Bedingungen eine neue Aufgabe dar, die sie unterschiedlich lösten.

Jene Affen, die auch sonst Stöcke benutzen, um den Honig zu erreichen, taten dies auch in der neuen Situation, die anderen benutzten ihre Finger. Wenn diese nicht lang genug waren probierten sie es mit Blättern. Indem sie diese zerkauten und als Schwamm benutzten, wie sie es üblicherweise zur Wasseraufnahme aus Löchern machen. Es sei überraschend, wie rasch die Tiere ihre Lösungen fanden, sagte Klaus Zuberbühler von der schottischen Universität St. Andrew.

«Der kulturelle Unterschied muss daher tief verwurzelt sein», sagte Zuberbühler. Die logischste Erklärung für die Unterschiede ist laut ihm, dass die Schimpansen auf bereits vorliegendes kulturelles Wissen zurückgreifen, um die Aufgabe zu lösen. In diesem Fall sei die Kultur durch soziales Lernen und nicht von «Versuch und Irrtum» geprägt.


23. Mai 2002

Forscher graben Schimpansen-Werkstatt aus

Wissenschaftler untersuchen mit archäologischen Methoden, wie die Affen im westafrikanischen Regenwald harte Nüsse knacken

Westafrikanische Schimpansen benutzen Steine und Äste als Hämmer, um damit Nüsse zu knacken. Mit den zum Teil sehr schweren Werkzeugen arbeiten die Tiere während der vier Monate dauernden Nussernte täglich bis zu zwei Stunden lang. Wie alt ist dieses Verhalten? Haben sich die Techniken des Nussknackens im Laufe der Zeit verändert? Prof. Christophe Boesch vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig sowie Prof. Julio Mercader und Prof. Melissa Panger von der George Washington Universität haben in der Republik Elfenbeinküste zum ersten Mal eine mehr als hundert Jahre alte „Nussknacker-Werkstatt“ der Schimpansen ausgegraben (Science, 24. Mai 2002).

Seit 1979 studieren Christophe und Hedwige Boesch die Schimpansen des Taï National Park im Regenwald des westafrikanischen Staates Elfenbeinküste. Das Forscherehepaar hat herausgefunden, dass Jungtiere das Nussknacken erst nach mehreren Jahren beherrschen; während dieser Lernphase teilen Mütter ihre Nüsse mit den Jungen. Die Technik des Nussknackens scheint nur unter den Schimpansen der westlichen Elfenbeinküste, Liberias und des südlichen Guinea-Conakry verbreitet zu sein – ist also eine Art kulturelles Verhalten und erlaubt es, eine Affen-Population von der anderen zu unterscheiden.

Von ihren Müttern lernen die jungen Schimpansen den Gebrauch von Werkzeug beim Öffnen der Nüsse Bild 1: Von ihren Müttern lernen die jungen Schimpansen den Gebrauch von Werkzeug beim Öffnen der Nüsse. Foto: Christophe Boesch (Abdruck nur mit Genehmigung des Autors)

In ihrem jüngsten Projekt begaben sich die Wissenschaftler auf Spurensuche in die Vergangenheit. Dabei wandten sie zum ersten Mal archäologische Methoden auf eine nicht-menschliche Spezies an. Zunächst mussten sich die Verhaltensforscher Christophe Boesch und Melissa Panger sowie Julio Mercader, Spezialist für die Archäologie des Regenwalds, für eine geeignete Grabungsstätte entscheiden. Als Grundlage dienten detaillierte Aufzeichnungen von bekannten „Nussknacker-Werkstätten“. Die Wissenschaftler wählten einen Ort, an dem im Laufe vieler Jahre immer wieder Schimpansen gesehen wurden, die zum Knacken der sehr harten Nuss Panda oleosa Hammersteine benutzten.

Die Zusammenarbeit zwischen den Primatologen und dem Archäologen erwies sich von Anfang an als fruchtbar: Christophe Boesch hatte schon früher bemerkt, dass von Steinstücken, die als Hämmer gebraucht werden, mehr oder weniger große Stücke absplittern; jetzt sah das geschulte Auge von Julio Mercader wenige Zentimeter große Splitter, die offenbar durch das Lösen von Steinstücken während des Nussknackens entstanden waren. Die Verbreitung der Überreste war nicht willkürlich, sondern zeigte örtlich gehäufte Schalen und Steinreste. Die Verteilung dieser Relikte entsprach dem, was Archäologen als „activity areas“ bezeichnen.

Die geborgenen Steinreste wurden von Schimpansen unabsichtlich produziert, während sie mit Hammersteinen gegen hölzerne Ambosse schlugen. Insgesamt fanden die Forscher 479 Steinstücke, einige davon 21 Zentimeter tief im Boden. Ein faszinierender Aspekt dieser Entdeckung: Die Größe der Steine, die Form der Abschlagsplitter und die vielen kleinen Trümmer ähneln jenen Steinen, die einige unserer frühen Vorfahren in Ostafrika in der so genannten Oldovan-Zeit (vor 2,5 bis 2 Millionen Jahren) hinterlassen haben. Darüber hinaus gleichen die Anzahl der Steine pro Quadratmeter und die Größe der Steinhaufen einigen Sammlungen aus dieser Epoche.

Julio Mercader bei Grabungen an der Stelle "Panda 100" Bild 2: Julio Mercader bei Grabungen an der Stelle „Panda 100″.Foto: Julio Mercader

Besonders interessant war die Ausgrabung „Panda 100″ nahe eines riesigen, abgestorbenen Baums: Dort hatten Hedwige und Christophe Boesch viele Jahre lang Schimpansen beobachtet, die über Hunderte von Metern unterschiedliche Steine, die unter anderen Panda-Bäumen lagen, heranschleppten, um damit Nüsse zu knacken. Aufgrund der geringen Sichtweite über den Boden des Regenwaldes müssen Schimpansen die kürzeste Transportroute im Kopf haben und die „Beförderungskosten“ minimieren. Archäologische Daten zeigen außerdem, dass Schimpansen Felsen aus verschiedenen Landschaftsbereichen holen und sie in ihre „Werkstätten“ bringen.

Das zu Tage geförderte Material umfasst mehr als vier Kilogramm Steinstücke und beinahe vierzig Kilogramm Nussschalen. Nicht zuletzt wegen dieser angehäuften Müllberge, wie sie auch bei Grabungen menschlicher Kulturen immer wieder gefunden werden, sprechen die Archäologen von einer „Stätte“. Da „Panda 100″ höchst wahrscheinlich älter als hundert Jahre ist, belegt, dass Nussknacken in dieser Region des Regenwalds bereits seit Generationen gepflegt wird.

Die Ergebnisse eröffnen neue Perspektiven für viele Disziplinen – einschließlich Primatologie, Archäologie und Paläoanthropologie. Vielleicht können einige der technologisch einfachsten Oldovan-Stätten als Nussknackerstellen neu interpretiert werden. Außerdem deutet ein Teil der Artefakte aus den höher entwickelten Oldovan-Sammlungen darauf hin, dass die frühen Hominiden „harte Nahrung“ zu sich genommen haben. „Unsere Arbeiten verdeutlichen, wie viel mehr wir noch über den Schimpansen als unseren nächsten lebenden Verwandten lernen müssen, um die Einzigartigkeit der Menschheit zu verstehen“, sagt Christophe Boesch.

Der Mensch muss sein Leben FÜHREN

•November 2, 2009 • Kommentar schreiben

Leben ist für die Wissenschaft gleich Stoffwechsel plus Fortpflanzung. Allein, der Mensch kann sich unter allen Kreaturen nicht damit begnügen. Weil er nicht mehr in einer geschlossenen Umwelt zu Hause ist, die ihm seine Bestimmung vorgibt, sondern in einer offenen Welt, wo er sein Leben führen muss – und das ist ein Problem. Nur weil er es hat, sagt er „ich“. Es ist die Conditio humana selbst und liegt offenbar jenseits der Naturwissenschaft.

Die Idee der Kausalität ist so antropomorph wie die Idee Gottes.

•Oktober 29, 2009 • Kommentar schreiben

Amun, ägyptischer Schöpfergott

Es ist doch fürwahr zum Erstaunen, daß man auf die dunkeln Vorstellungen von Ursachen den Glauben an einen Gott gebaut hat, von dem wir nichts wissen, und nichts wissen können, denn alles Schließen auf einen Urheber der Welt ist immer Anthropomorphismus.

Caravaggio, Narziß

Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher Heft J, N°944